In die Werkstatt, fertig, los!
RUB-Studenten erobern Hockenheimring mit selbstgebautem Rennwagen
Noch schrauben sie mit äußerst kleinen Schrauben, aber die Jungs von RUB-Motosport haben großes vor: „Wir wollen ins europäische Ausland expandieren“, sagt Anatolij Lischnewski. Der Weg dahin mag weit sein, aber was ist schon weit für einen Rennwagen, der über 150 km/h schafft? Trotz Mini-Budget sind die elf jungen Männer voller Tatendrang. Mit Professionalität und Aufopferungswillen konstruieren, fertigen und optimieren sie für die nächste Saison zum dritten Mal einen Rennwagen für die Formula Student Germany.
Das erste Mal hat sich die RUB-Motorsport-Gruppe im Jahre 2007 mit 50 Mitgliedern gegründet. Das Projekt endete in einer Sackgasse, wurde aber 2010 neu aufgebaut. Das Startbudget belief sich auf gerade mal 5.000 Euro und die Mitgliederzahl auf sieben. Zum Vergleich: Andere Mannschaften aus der Formula Student Germany (FSG) wenden jährlich bis zu mehreren 100.000 Euro für ihre Rennwagen auf und gründen sich erst ab einer Teilnehmerzahl von 50. 2011 hatten die Bochumer finanziell immerhin einen Zuwachs von 13.000 Euro und freuten sich über vier Neulinge.
Motorenöl im Blut
Vor allem am Budgetanstieg ist erkennbar, wie die Leidenschaft der Studenten ihr geringes Kapital vermehrt, denn finanziert werden sie ausschließlich von Sponsoren (wie der Firma Wollschläger), die sie selber anwerben. Einige Motorsportler, wie der Vorstandsvorsitzende Anatolij Lischnewski, setzen ein Jahr lang mit dem Studium aus und vertiefen sich in das Projekt. „Anatolij liebt sein Hobby so sehr, dass er bei manchmal nur zehn Stunden Schlaf pro Woche nicht nach Essen und Trinken fragt, sondern wissen will, wo er als nächstes schrauben darf.“ Das berichtet Rodion Lischnewski, wie sein Bruder RUB-Motorsportler und Maschinenbau-Student. Allerdings gibt es auch Motorsportler, die nur alle zwei Wochen kommen – seinen Zeitaufwand bestimmt jeder nach Lust und Möglichkeit.
Die Tätigkeiten der Mitglieder umfassen alle Produktionsschritte: Sie planen, konstruieren und fertigen das Auto und widmen sich danach weiter seiner Optimierung. Die wenigsten Bauteile, z.B. Motor und Räder, sind fertig gekauft, sondern sie werden entweder sondergefertigt oder selbst hergestellt. Dann wird gefräst, gedreht, geflext und geschweißt, bis am Ende ein Rennauto auf Formel3-Niveau entstanden ist, das von Weitem noch aussieht wie eine moderne Seifenkiste, beim Näherkommen aber sein technisch hohes Niveau offenbart.
Der FSG 2011 weist sehr gute Fahreigenschaften auf und „ist so sicher, dass ich weniger Angst habe, darin einen Unfall zu bauen als in einem Golf“, sagt Anatolij. Ihr Fachwissen eignen sich die angehenden Ingenieure, auf den theoretischen Grundlagen ihres Studiums, über Fachliteratur und „Learning-by-Doing“ an. Aber handwerkliche Kenntnissen allein reichen nicht: Es gibt auch einen Finanzverwalter, das Management und natürlich Fahrer; derzeit sind es vier im RUB-Team, die als Qualifikation nur einen Pkw-Führerschein besitzen müssen. Trainiert wird meist auf Parkplätzen, im Moment jedoch selten, da die technische Optimierung des Autos im Vordergrund steht.
Internationale Rennen
Die FSG gehört zur internationalen Rennserie der Society of Automotive Engineers (SAE). Studenten entwickeln und fertigen für einen fiktiven Auftraggeber Prototypen von Rennwagen, die Anforderungen wie guten Fahreigenschaften, geringen Kosten und Ästhetik entsprechen sollen. Sie müssen das gesamte Kapital beschaffen und alle Prozesse eines Unternehmens simulieren, indem sie Marketing betreiben und einen Businessplan erstellen. Diese Aspekte fließen zusammen mit der Rennplatzierung in die Bewertung ein. Wettbewerbe wie das Endurancerennen über 27 km, der Benzinverbrauchstest oder das Autocrossrennen sind die Highlights der Saison, bei denen Teams aus aller Welt auf großen Rennstrecken zusammen kommen. RUB-Motorsport war 2011 zum zweiten Mal auf dem Hockenheimring und hat sich mit Teams aus Europa, den USA, Südamerika, Japan, Australien und Indien gemessen. Rodion Lischnewski, der seinen Bruder bald als Vorsitzenden von RUB-Motorsport ablöst, schwärmt: „Alle verbindet das eine Ziel, einen Rennwagen zu bauen. Auf der einen Seite gibt es Konkurrenzdruck, auf der anderen Seite ist es ein freundschaftliches Verhältnis. Es ist eine unglaubliche Stimmung. Wenn einem Team etwas fehlt, stellen alle das Fahrerlager auf den Kopf, um zu helfen.“
Unterstützung gesucht
Für diese Erlebnisse und Erfahrungen suchen die Elf dringend Unterstützung. Sowohl leidenschaftliche Studenten, die mit werkeln, als auch finanzielle Hilfe durch Sponsoren werden benötigt, damit die Gruppe konkurrenzfähig bleiben und sich ihren Traum von der europaweiten Teilnahme erfüllen kann. Die Qualifikationen, die die Teilnehmer sich durch das Projekt aneignen, können in einem Studium sonst nur schwer erreicht werden: vom technischen Praxisverständnis über das Planen und Durchführen eines Projektes bis hin zu Soft Skills (internationale und kommunikative Kompetenz, Teamfähigkeit, selbstverantwortliches Engagement) erhalten die Motorsportler das gesamte Rüstzeug, das in jedem Unternehmen gefordert wird. Voraussetzungen, um bei RUB-Motosport mitzumachen, gibt es nicht. Interessierte Studenten aus allen Fachrichtungen sind willkommen. Um es mit Rodion Lischnewski zu sagen: „Das Projekt bietet freien Spielraum für Kreativität. Jeder Mensch hat wertvolle Eigenschaften, die er einbringen kann.“
Info & Kontakt: http://www.motorsport.rub.de/RUB_Motorsport/Start.html
Tabea Steinhauer; Foto: privat | Themenübersicht

