RUBENS Nr. 153 - 1. Juli 2011
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LAUFZEIT per Bluttest vorhersagen

Sportstudenten konzipieren Leistungstest fÜr SchÜler

Nervosität liegt in der Luft im Blockhaus an der 400-Meter Bahn der Sportwissenschaftler. Während die einen Latex-Handschuhe überstreifen, befestigen die anderen Pulsgurte um ihre Brust. Ricarda Hartwig klopft an ihr Ohrläppchen: Gleich soll Blut fließen. Stefanie Cappell, Bachelor-Studentin der Sportwissenschaft, zückt die Lanzette. Für heute ist sie Ricardas Betreuerin. Sie wird ihr ein paar Tropfen Blut abzapfen, in denen dann der Laktatwert ermittelt wird, insgesamt acht Mal. Dazwischen soll Ricarda, die die zwölfte Klasse der Lessingschule in Langendreer besucht und Sport als Leistungskurs belegt hat, je fünf Minuten bei steigender Geschwindigkeit laufen. Ricarda nimmt es gelassen: „Hat nicht weh getan.“ Zartbesaitetere Klassenkameradinnen müssen sich aber doch kurz setzen. „Kannst Du kein Blut sehen? Dann guck weg!“ scherzt einfühlsam ein anderer Läufer. Aber es geht schon wieder besser. Es kann losgehen.

„Die Schüler nehmen heute an einem Schülerlabor-Projekt teil, das Studierende im Rahmen eines Seminars entwickelt haben. Das wurde wiederum im Rektorats-Programm ‚Forschendes Lernen‘ gefördert“, erklärt Prof. Petra Platen. Einfacher gesagt: RUB-Studierende haben im letzten Wintersemester eigene kleine Forschungsprojekte durchgeführt und in diesem Sommersemester verschiedene Angebote für das Schülerlabor konzipiert, zu denen auch ein Laktat-Leistungstest gehört. Die Schülerinnen und Schüler sollen ihn jetzt absolvieren und ihrerseits daraus lernen. Sie werden heute erfahren, dass man aus den Laktatwerten nach einer bestimmten körperlichen Belastung die sportliche Leistungsfähigkeit vorhersagen kann. „Wir sind dankbar, dass wir das mal machen können“, sagt Sportlehrer Christian Steimel, der selbst Ende der 1980er-Jahre sein Sportstudium an der RUB abgeschlossen hat. „In der Schule haben wir dazu ja gar nicht die Möglichkeiten.“

Schummeln unmöglich

Die Läufer sind derweil an den Start gegangen. Sie laufen in mehreren kleinen Gruppen je fünf Minuten. „Langsamer!“ ruft Prof. Platen ihnen zu – für den ersten Durchgang haben sie jede Menge Zeit. Ein Piepser meldet, wann sie auf dem 400-Meter-Parcours jeweils das nächste Hütchen erreichen sollen. Nach fünf Minuten wird wieder Blut aus dem Ohrläppchen abgezapft. Die nächsten fünf Minuten piepst es etwas schneller, bis schließlich die letzten Runden richtig flott zurückzulegen sind.
Ricarda läuft gemütlich ins Ziel ein, wo Stefanie schon mit Tupfer und Kapillare parat steht. „Wie geht’s Dir?“ – „Gut, aber meine Pulsuhr hat die ganze Zeit Null gezeigt, dafür jetzt 217“, meldet Ricarda. „Der Brustgurt sitzt zu locker“, stellt Stefanie fest. „Ein Puls von 217 kann auch nicht hinkommen, immerhin habe ich mich die ganze Runde locker unterhalten können“, so Ricarda. Dabei wird es heute nicht bleiben. Nach den acht fünfminütigen Läufen gehen die Schüler in die Mittagspause. Derweil werden in der Sportmedizin die Laktatwerte bestimmt. Dann geht es nochmal richtig los: Fünf Kilometer müssen die Schüler dann laufen. Und werden sehen: Ihre Zeit beim 5000-Meter-Lauf lässt sich aus den vorher bestimmten Laktatwerten vorhersagen. „Voraussetzung ist aber“, so Prof. Platen, „dass die Schülerinnen und Schüler tatsächlich einen Wettkampf laufen und alles aus sich herausholen. Die tatsächliche Höhe der Ausbelastung können wir aus den Laktatwerten am Ende des 5000-Meter-Laufs erkennen.“ Schummeln ist also nicht möglich.
„Die werden heute Nachmittag ganz schön erschöpft sein“, meint sie. Dass jemand umkippt, ist aber nicht zu befürchten. „Die sind alle recht fit.“ Fast alle Schüler sind im Sportverein aktiv, verrät Lehrer Steimel. Einer nimmt demnächst an den Europameisterschaften im HipHop teil, ein anderer spielt in der A-Jugend des BVB Fußball. Auf den Aufruf der RUB-Sportwissenschaftler zur Projektteilnahme meldete sich die Schule von sich aus, neben einem Sport-Leistungskurs von einem Wittener Gymnasium. „Dass beide Kurse den Lauftest wählten, hängt vermutlich damit zusammen, dass die Schüler auch im Abi einen 5000-Meter-Lauf machen müssen, wenn sie nicht schwimmen wollen“, schätzt Platen. Zur Wahl standen noch drei weitere Projekte, die die Studierenden im Seminar entwickelt und angeboten haben.

Der Powerbalance-Mythos

„Im Wintersemester haben wir in unserer Gruppe im wissenschaftlichen Projekt die Wirkung von Powerbalance-Armbändern untersucht“, erklärt Stefanie Cappell, „das sind diese Armbänder mit Hologramm, die jetzt viele Sportler immer tragen, weil sie die Leistung steigern sollen, indem sie die Energieflüsse im Körper verbessern oder so ähnlich.“ Ob da wirklich etwas dran ist, sollten Tests mit 25 Probanden zeigen. Beim ersten Durchlauf maßen die Studierenden die Leistungsfähigkeit der Sportler mit Powerbalance-Hologramm, dann mit verstecktem und ohne Hologramm, wobei die Sportler nicht wussten, ob sie eines trugen oder nicht. Das Ergebnis: kein Einfluss auf die Leistungsfähigkeit. „Nicht mal einen Placebo-Effekt konnten wir feststellen, wobei man auch sagen muss, dass die Probanden alle eher negativ eingestellt waren gegenüber dem Powerbalance-Kult“, sagt Stefanie.
Andere Gruppen prüften den Einfluss von Wii-Übungen auf die Koordination älterer Menschen, die Auswirkungen von einäugigem Sehen auf die Leistungen beim Handballspiel – dafür deckten sie Handballspielern zum Test ein Auge ab – oder untersuchten, wie sich 3D-Video zum Bewegungslernen oder für taktisches Training einsetzen lässt. „So macht das Lernen von Methoden natürlich viel mehr Spaß, als wenn man alles nur theoretisch im Seminar lernt“, meint Prof. Petra Platen, die sich dafür mit Prof. Alexander Ferrauti und Dr. Ulrich Bartmus verbündete, die gemeinsam das Projektseminar anstelle von drei einzelnen Seminaren angeboten haben. „Da lohnt sich der größere Aufwand für Studierende, aber auch uns Lehrende.“

md, Foto: Nelle | Themenübersicht