Unternehmen Titelverteidigung
Die Juristen stellen ein neues Team fÜr den Jessup Moot Court zusammen
Im Februar haben fünf Bochumer Jurastudierende überraschend den nationalen Vorausscheid beim Jessup Moot Court gewonnen. Sie durften Deutschland beim internationalen Vergleich in Washington vertreten und machten auch dort eine gute Figur. Nun laufen die Planungen für die nationale Titelverteidigung in Bochum. Die beiden Coaches Isabella Risini und Katrin Giesen stellen dazu ein neues Team zusammen. Wenn die beiden ihre Begeisterung auf die fünf Studierenden übertragen können, kann eigentlich nichts schiefgehen.
Wenn sich Studierende aus Deutschland in simulierten Völkerrechtsverhandlungen messen, sind die Favoritenrollen eindeutig verteilt: Jena, Heidelberg, München oder Kiel liegen beim Jessup Moot Court eigentlich immer vorn. An diesen Unis haben sowohl das Völkerrecht als auch der Moot Court eine lange Tradition; in Jena kümmert sich eine Dozentin beinahe ausschließlich um den juristischen Wettstreit zwischen Studierenden. Umso größer war die Überraschung, als im Februar auf einmal fünf Underdogs aus Bochum gewinnen konnten. Sie hatten eindeutig die besten Argumente im fiktiven Fall einer Völkerrechtsverletzung, die prophetisch an die Tötung Osama Bin Ladens drei Monate später erinnert. Die Bochumer konnten ihre Argumente zudem am besten schriftlich und mündlich darlegen – selbst im Finale gegen Titelverteidiger und Gastgeber Jena.
Hinterher gab es für die Bochumer nicht nur Urkunden und eine gläserne Trophäe, sondern auch das Recht, den nächsten Moot Court daheim auszutragen – sowie eine Einladung nach Washington zur internationalen Ausscheidung. Ende März waren dort 123 Teams aus allen Teilen der Welt am Start. Für die Bochumer reichte es – nach einer etwas unglücklichen Niederlage gegen die russischen Nachwuchsvölkerrechtler – immerhin zu einem Platz im vorderen Drittel.
Fulltime-Job
Den nationalen Titel können die fünf Bochumer jedoch nicht selbst verteidigen, sie bereiten sich aufs Staatsexamen vor und haben keine Zeit. Der Jessup Moot Court ist ein Fulltime-Job, ein Semester lang kann man nichts anderes machen (allerdings wird das Semester nicht auf die Studiendauer angerechnet und hat somit keinen Einfluss auf die bei Jurastudierenden beliebte Freischussregelung). Also brauchen die RUB-Juristen ein neues Team. Sie suchen mit Flyern, Postern, Power-Point-Präsentationen in Vorlesungen, RUBTv und über Facebook (s. Kasten) nach geeigneten Studierenden. Ausgewählt werden die fünf Neuen dann von zwei Wissenschaftlerinnen, die sie hinterher auch betreuen bzw. coachen: Isabella Risini bringt ihnen das Völkerrecht näher, Katrin Giesen sorgt für die notwendigen Sprachkenntnisse, denn geschrieben und verhandelt wird auf Englisch, selbst beim nationalen Entscheid.
Beide Coaches gehörten auch in diesem Jahr zum Betreuer-Stab und sind echte Moot Court-Expertinnen. Risini war Teilnehmerin und studentische Betreuerin. Giesen hat in den letzten Jahren die Teams an der Murdoch University in Perth gecoacht. Sie ist Lehrkraft und Koordinatorin des Fachsprachenprogramms am Dekanat der Juristischen Fakultät und sitzt zurzeit an ihrer Doktorarbeit. Genau wie Isabella Risini, die wissenschaftliche Mitarbeiterin ist am Lehrstuhl für Öffentliches Recht (Prof. Adelheid Puttler.
Voraussichtlich in den nächsten drei Jahren werden sich die beiden Juristinnen um die Jessup-Teams der RUB kümmern. Wenn sich ihre eigene Begeisterung auf die Studierenden überträgt, dürften Höchstleistungen garantiert sein. Die sind auch erforderlich, nicht zuletzt wegen der starken Konkurrenz. Zunächst sind jedoch Motivation und Einsatz gefragt, um die notwendigen Kenntnisse im Völkerrecht zu erwerben. „Es ist natürlich gut, wenn die Teilnehmer vorher den Schwerpunkt Völkerrecht hatten. Das ist aber keine Voraussetzung. Es kann ja auch sein, dass sie erst bei der Vorbereitung auf den Moot Court auf den Geschmack kommen“, erklärt Isabella Risini. „Wichtig ist, dass ihr Englisch richtig gut ist, das kann man in den wenigen Monaten nicht auch noch lernen, das kann man nur optimieren, sowohl die Fach- als auch Alltagssprache“, ergänzt Katrin Giesen.
Wie in Libyen
Viel Zeit bleibt nicht, nachdem im Juni die Teilnehmer ausgewählt sein werden. „Mitte Juli, nach Vorlesungsende, gibt es erste Treffen, zunächst noch unregelmäßig, aber ab Mitte September wird es ernst, dann müssen die fünf täglich ran“, sagt Isabella Risini. Mitte September wird der Fall veröffentlicht, den die Studierenden bearbeiten müssen. Bisher steht nur die grobe Richtung fest: „Es geht um den Disput zwischen zwei Staaten, u.a. weil ein Staat ein Kulturdenkmal des anderen zerstört hat. Gefragt wird zudem, wer einen Staat nach einem Staatsstreich repräsentieren darf, und inwiefern ein Staat, der an einer regionalen Operation zur Einführung der Demokratie in einem anderen Staat teilnimmt, hierfür völkerrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann“, umreißt es Katrin Giesen. Da denkt man automatisch an Libyen. „Die Fälle im Jessup Moot Court sind immer höchst aktuell und weltweit für alle Studierenden gleich“, erläutert die Juristin.
Von September bis zum nationalen Entscheid im Februar müssen die fünf Studierenden täglich recherchieren, vergleichen, an Schriftsätzen und mündlichen Plädoyers feilen (u.a. im Gerichtslabor der Juristischen Fakultät, s. Foto). Und: Sie müssen Argumente für beide Seiten finden, denn sie schlüpfen in die Rolle des Klägers und des Beklagten. Das ist moralisch nicht immer einfach (z.B. wenn es um die gezielte Tötung eines mutmaßlichen Terroristen geht – wie bei Osama bin Laden), und es macht doppelte Arbeit. Als Gegenleistung erleben die fünf Teilnehmer eine einmalige Betreuungssituation: Zwei Coaches kümmern sich permanent um sie („Wir nehmen ihnen aber nicht die juristische Arbeit ab“, schränkt Isabella Risini ein), hinzu kommen studentische Hilfskräfte und Prof. Dr. Adelheid Puttler, die seit 2003 dafür sorgt, dass RUB-Studierende am Jessup Moot Court teilnehmen.
Neben der guten Betreuung hat die Teilnahme weitere Vorteile: Praxisbezug (Anwaltsrolle), Fremdsprachenkenntnisse (inkl. Schein), Rhetorik- und Argumentationsschulung, Teamarbeit und Erwerb von Völkerrechtskenntnissen. Dazu gibt es einen exklusiven Seminarschein und einen dicken Pluspunkt im Lebenslauf oder, wie es Katrin Giesen auf den Punkt bringt: „Die Anwaltskanzleien reißen sich um Absolventen, die am Jessup Moot Court teilgenommen haben!“
Jessup Moot Court
Der Jessup Moot Court, benannt nach einem amerikanischen Völkerrechtsgelehrten, wurde 1959 in den USA gegründet. Seitdem nehmen jährlich mehrere tausend Studierende aus rund 90 Ländern an der Gerichtssimulation teil, in der Studierende in einem fiktiven Rechtsstreit als Anwälte gegnerischer Staaten vor dem Internationalen Gerichtshof auftreten. Die Juristische Fakultät der RUB beteiligt sich seit 2003. Zurzeit laufen die Bewerbungen für das neue Team, das im Februar 2012 in der deutschen Vorausscheidung in Bochum gegen voraussichtlich 15 andere Teams antreten soll. Infos dazu: http://www.rub.de/ls-puttler/mootcourt_index.html oder http://www.facebook.de/JessupBochum.
ad, Foto: Nelle | Themenübersicht

