RUBENS Nr. 151 - 1. Mai 2011
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Maigrets Ur-Ahn

Rezension: Die Geheimnisse des schwarzen Turms

Das ist ein echter Leckerbissen für Krimifans. Erst recht für solche, die sich auch für Geschichte und/oder Frankreich interessieren. Es gibt einen zwischen Geschichte und Fiktion changierenden Plot, es gibt ein mysteriöses Rätsel, es gibt regelmäßig frische Leichen und es gibt einen Pariser Polizisten, der durchaus ein Urahn der Kommissare Maigret oder Adamsberg sein könnte (wenn er auch vom Benehmen her eher an Schimanski erinnert). Urahn deshalb, da die Geschichte im Jahre 1818 spielt, mitten in der Restauration also, in der es für viele Franzosen vor allem darum geht, alles zu vergessen und zu verdrängen, was während der blutrünstigen Revolution und dem anschließenden kriegerischen Kaiserreich geschehen ist.
Zu verdrängen sind beispielsweise die vielen Toten: sowohl „die gefressenen Kinder der Revolution“ als auch diejenigen, wegen denen überhaupt erst revolutioniert wurde, an erster Stelle natürlich die Königsfamilie. Während die gewaltsamen Tode von Louis XVI und Marie Antoinette verbrieft sind, ist das Schicksal des Dauphins Louis Charles nicht mit allerletzter Sicherheit geklärt. Im schwarzen Turm des Temple vegetierte er zwar jahrelang dahin und wurde 1795 für tot erklärt. Eine Leiche freilich gibt es nicht, und mit ihr fehlt der ultimative Beweis für den Tod des Thronfolgers. 1818, nach der Wieder-Inthronisierung der Bourbonen, könnte er theoretisch Frankreich als Louis XVII regieren. Diese schöne Aufgabe hat stattdessen Louis XVIII inne, der jüngere Bruder von Louis XVI.
Was jetzt kommen muss, kommt auch: Die Zeichen mehren sich, dass der Thronfolger doch nicht tot ist, sondern 1795 in letzter Minute von Dr. Hector Carpentier gerettet wurde. Doch die unmenschliche körperliche und seelische Behandlung während der langen Gefangenschaft im Temple haben tiefe psychische Spuren hinterlassen: Auch wenn Gärtner Charles Rappskeller tatsächlich der Dauphin sein sollte, so weiß nicht einmal er selbst es. Gleichwohl schwebt er in Lebensgefahr. Und nicht nur er, sondern alle, die um Charles‘ mögliches Geheimnis wissen. Zwei Tote jedenfalls sind schnell zu beklagen.
Morde aufzuklären und potentielle Opfer zu schützen, das wiederum ist die Aufgabe von François Vidocq, Gründer und Leiter der Pariser Geheimpolizei. Ihm zur Seite steht Hector Carpentier Junior, Sohn jenes Arztes, der den Dauphin in der Gefangenschaft betreute. Carpentier ist zugleich Ich-Erzähler dieser spannend und lebendig erzählten Kriminalgeschichte; er ist auch eine der wenigen fiktiven Figuren vor einem historischen Setting. François Vidocq gab es wirklich, er hat nicht nur die Geheimpolizei gegründet, sondern gilt vielen Historikern gar als „Vater der modernen Kriminalistik“. Beim Aufklären setzt er – neben seinem Instinkt und seinem kräftigen Körper – gern und erfolgreich auch wissenschaftliche Methoden ein. Damit ist er den vielen kleinen und großen Gaunern in den schäbigen Mietswohnungen, schmutzigen Gassen und stinkenden Hinterhöfen des Molochs Paris meist einen Schritt voraus. Ob er jedoch auch das Schicksal des vermeintlichen Thronfolgers zu einem glücklichen Ende fügen kann?


Info: Louis Bayard: „Die Geheimnisse des schwarzen Turms“, Insel Verlag, Berlin 2011, 414 Seiten, 16,90 Euro.

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