RUBENS Nr. 151 - 1. Mai 2011
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& so Weiter

Serie Campus und Kunst

Mit der Kunst ist das so eine Sache. Manchmal verursacht sie einen Skandal, manchmal nur Desinteresse. Das gilt zum Teil auch für die Kunst an der RUB. Diese Serie zeigt, dass die Werke auf dem Campus einen fantastischen Querschnitt durch die Kunst der 60er- und 70er-Jahre und der heutigen Zeit bieten. Diesmal widmen wir uns dem 2010 entstandenen Werk „& SO WEITER …“. Die Arbeit des Bildhauers und Konzeptkünstlers Lawrence Weiner ist Siegerbeitrag eines Wettbewerbs zur künstlerischen Gestaltung der Eingangsebene von ID.

Als ich ID von der Süd-Seite auf Ebene 04 betrat, um mir das neueste Kunst am Bau-Werk der Ruhr-Uni anzusehen, empfing mich zunächst der für ein Unigebäude ungewohnte Anblick einer „Reception“. Dort nachgefragt, ob man mir wohl nähere Informationen zum Werk geben könne, erhielt ich den gut gemeinten Rat, „es am besten selbst zu interpretieren“. Wenn auch ungewollt, so hätte man die grundlegende Idee der Kunst am Bau an der RUB nicht besser zusammenfassen können, ist das Ensemble doch so konzipiert, dass es auch ohne Vorwissen zugänglich ist.

Leicht zugänglich

Das gilt auch für die Arbeit von Lawrence Weiner. Nur wenige Schritte vom Empfang entfernt ist man mit dieser Situation konfrontiert: ein Kunstwerk zu betrachten, dessen Ausmaße man zunächst nicht überblicken kann, dessen Form und Inhalt man nicht kennt. Doch scheint sich das Werk auf den ersten Blick genau dieser unbedarften, unmittelbaren Erfahrungssituation anzubieten, dafür gemacht/gedacht worden zu sein. Beinahe über die gesamte Breite der Glasfassade zum Innenhof in Richtung IC ist von innen wie von außen der in die Fensterscheiben geätzte Schriftzug „& SO WEITER …“ jeweils von links nach rechts und spiegelverkehrt sichtbar. Keine abstrakte Bildsprache, kein Referenzsystem zu bereits formulierten Bild- und Formsprachen gilt es zu dechiffrieren; lediglich die Anmutung eines Satzes, drei aufeinander folgende Worte, Buchstaben, bloße Zeichen, die es zu deuten gilt, die wir scheinbar unzählige Male gelesen haben, die man so gesetzt jedoch nie wahrgenommen hat: „& SO WEITER …“.
Innerhalb eines Textes erscheint der Wortlaut meist in der Kurzform „usw.“ und markiert das Ende einer Aufzählung. Jedoch schließt es diese nicht ab, vielmehr lässt es eine Vervollständigung und Fortsetzung der aufeinander folgenden Begriffe offen. Das „usw.“ schafft eine Leerstelle, einen gedanklichen Freiraum und die Möglichkeit der Imagination. Dem Leser ist es unmöglich, den folgenden Satz als direkte Fortsetzung zu lesen. Er ist aufgefordert, vielleicht gezwungen, den Satz mithilfe des eigenen Erfahrungshorizontes zu erweitern. Schließlich ist er damit konfrontiert, die Unabschließbarkeit dieses Prozesses zu erkennen.

Offenes Gewebe

In Weiners Arbeit erscheint uns das „und so weiter“ jedoch nicht als unvollendeter Gedanke innerhalb eines Textes. Die Symbolik der Zeichenfolge wird bereits in ihrer Form in Frage gestellt; der unvollendete Satz ist ein offenes Gewebe aus Denk- und Wissensangeboten. Die Abkürzung erscheint nicht in ihrer Kurzform, und ihr geht auch kein Satz voraus, den es weiterzudenken gilt. Weiner übersetzt die feststehende und in ihrer Vieldeutigkeit eindeutige Kurzform in eine Abfolge graphischer und orthographischer Elemente. So ist die Arbeit gerahmt von zwei Et-Zeichen, die an die Stelle des „und“ treten. Diese unterlaufen nicht bloß die vermeintliche Satzstruktur aufgrund ihrer heutzutage ausschließlichen Nutzung als Logogramm. Sie liefern gleichzeitig den Kontext und den Rahmen einer Arbeit, die Sprache als zu formendes Material nutzt. Die Et-Zeichen verbildlichen Sprachentwicklung, sind verbildlichte Sprache, die als versprachlichte Bilder seit der Antike Konventionen hinterfragen. Sie rahmen die Arbeit, indem sie sie einerseits einleiten und abschließen, sie aber gleichzeitig mit der Architektur, dem umgebenden Raum in einen Dialog setzen.
Ein zweiter, nun einfach rechteckiger Rahmen umfasst den zweiten inneren Teil der Arbeit. In serifenlosen Versalien folgen dem & die Worte SO und WEITER, um weitergeführt von drei Punkten – … – in den identischen und lediglich gespiegelten Worten zu enden. Nicht nur werden das „s“ und das „w“ der altbekannten Kurzform plötzlich als bedeutende Worte sinnfällig, die paradoxerweise jeglichen Sinnes entbehren ­– das SO findet keine Entsprechung und das WEITER keinen Bezug und keine Fortsetzung. Auch die Et-Zeichen, die in ihrer sprachgeschichtlichen Bedeutung die Arbeit kontextualisieren und konzeptionalisieren, finden einen Höhepunkt in der aktuellsten, jedoch grammatikalisch nicht konventionalisierten Variante des Symbols einer Leerstelle – „…“!

Vielleicht …

Die Arbeit findet kein Ende, sie lässt sich weder abschließen in Form eines klar zu erkennenden Satzzeichens oder einer Bildgrenze – die Punkte lassen den Klang weiterlaufen und schließlich enden im eigentlichen Satzanfang, die Et-Zeichen rahmen den materiellen Teil der Arbeit und führen ihn gleichzeitig fort über die Fensterscheiben und die Glasfassade und die Architektur – noch ließe sich die imaginative Fortsetzung des Gelesenen/Gesehenen in eine Narration, einen konkreten Gedanken übersetzen. So wie sich Lawrence Weiner einer eindeutigen Bildsprache und eines eindeutigen Sprachbildes widersetzt, so sind wir als die Sehenden und Lesenden dazu aufgefordert, uns einer Eindeutigkeit unserer Wahrnehmung zu widersetzen.
Wo knüpft das „&“ an und was führen die „…“ fort? Welcher Gedanke liegt dem „SO“ zugrunde und wohin und wieweit reicht das „WEITER“? Vielleicht ist es der unbestimmte Eindruck beim wortwörtlichen Abschreiten der Arbeit, vielleicht ist es die Erfahrung der eigenen Wahrnehmung, die in einer unabschließbaren (Selbst-)Reflexion verfangen bleibt. Vielleicht ist es die Bildlichkeit, vielleicht die Schriftlichkeit der Arbeit, vielleicht der konkrete Bezug auf die Serialität der Architektur, die die Arbeit innerhalb einer selbstreferenziellen Auseinandersetzung mit Kunst an sich kontextualisieren. Vielleicht ist es die Frage nach den Bedingungen von Wissenschaft und dem Schaffen von Wissen, vielleicht die Frage nach den Voraussetzungen und Möglichkeiten, dem Anfang und Ende des Denkens selbst.
Weiner stellt Fragen nach Fortschritt und Erkenntnis. Sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft geht es neben einem „& SO WEITER...“ um die jeweilige Auslegung derer, die sich auf eine Lektüre einlassen – um die Erkenntnis also, dass jede Frage und deren Auslegung nur ein „vielleicht“ zur Antwort haben kann. Vielleicht ist es die ständige Herausforderung, „etwas auf etwas anderem zu platzieren“, die diese Arbeit zu einem nicht abzuschließenden Prozess werden lässt. Vielleicht ist es ihre Aufgabe, um Lawrence Weiner zu zitieren, „unser ganzes Leben in Unordnung zu bringen.“ Das heißt auch, scheinbar Vertrautes und Bekanntes in eine immer wieder neue Ordnung zu übersetzen.

Dennis Hübner; Foto: Nelle | Themenübersicht