Gehirnforschung fÜr Jedermann
Neurowissenschaftler treten in den Dialog mit der Öffentlichkeit
Die Vortragsreihe „Brain Café“ des Sonderforschungsbereiches „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“ lockt monatlich eine steigende Zahl von interessierten Nichtwissenschaftler auf den Campus der RUB. In der Uni-Bibliothek erklären Forscher der RUB beispielsweise den Aufbau des Gehirns, die Verarbeitung von Sinneseindrücken oder, wie jetzt im Mai, die Organisation semantischen Wissens im Gehirn.
Mittwochabend, 18 Uhr, Veranstaltungsraum der Universitätsbibliothek. Langsam füllt sich der Raum. Studierende, Schüler, teilweise mit ihren Eltern, aber auch ältere Ehepaare suchen sich einen Platz. Gleich beginnt das Brain Café (zugleich der griffige Titel einer Reihe mit Vorträgen und praktischen Übungen aus der Welt der Gehirnforschung für Jedermann). Vorne bereitet Dr. Nora Prochnow (Institut für Anatomie) schon mal alles vor. Sie hat ihren Zuhörern heute etwas ganz Besonderes mitgebracht. In den großen weißen Eimern vor ihr liegen verschiedene Hirnpräparate. Von Bildern zwar bekannt, hat sie kaum einer der Zuhörer bisher von Nahem gesehen. Entsprechend aufmerksam verfolgen sie die Ausführungen der Biologin, die nun an der Medizinischen Fakultät forscht und lehrt. Sie erläutert, wie das Gehirn die Reaktionen auf Sinneswahrnehmungen steuert; am Präparat zeigt sie direkt, wo das passiert.
„Wir möchten durch die Brain Cafés mit den Bürgern in Kontakt treten“, erläutert Prof. Denise Manahan-Vaughan die Idee hinter der Veranstaltungsreihe. Sie ist Sprecherin des neurowissenschaftlichen Sonderforschungsbereiches „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“ (SFB 874), der sich seit vergangenem Jahr mit dem Zusammenspiel von Wahrnehmung und Gedächtnis beschäftigt. Der SFB, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), ist einer der ersten, denen ein eigenes Teilprojekt „Öffentlichkeitsarbeit“ bewilligt wurde. „Darüber freuen wir uns sehr, denn durch diese Unterstützung werden Veranstaltungen wie das Brain Café personell überhaupt erst möglich“, so Prof. Manahan-Vaughan. Das Konzept geht auf: Seit September 2010 kommen monatlich bis zu 60 Gäste zu den Vorträgen. Die Themenpalette reicht vom Aufbau des Gehirns über die Verarbeitung von Sinneseindrücken, Lernen und Gedächtnis bis hin zu neurologischen Erkrankungen.
Nachfragen erwünscht
„Mittlerweile hat sich so etwas wie ein harter Kern von Zuhörern gebildet, die jedes Mal kommen“, freut sich Ursula Heiler, Teilprojektleiterin für Öffentlichkeitsarbeit im SFB, „und es hat sich auch schon eine Kultur des aktiven Zuhörens entwickelt.“ Tatsächlich: Monotone Vorträge auf Fachchinesisch sucht man im Brain Café vergeblich. Anschaulich und für jedermann verständlich präsentieren die meist jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse. Nachfragen der Zuhörer sind ausdrücklich erwünscht und werden geduldig beantwortet. So scharen sich nach Vortragsende etwa 20 Interessierte um Nora Prochnow. Alle nutzen die Chance, die mitgebrachten Präparate noch genauer unter die Lupe nehmen.
Man merkt, der Dialog mit der Öffentlichkeit ist für die Neurowissenschaftler der RUB weder Neuland noch unangenehm. Schon vor dem offiziellen Start des Öffentlichkeitsprojekts suchten sie den Kontakt nach draußen, etwa durch die Teilnahme an der Veranstaltungsreihe „Hörsaal-City“, durch verschiedene Mal- und Geschichtenwettbewerbe der International Graduate School of Neuroscience (IGSN) mit Bochumer Schulen oder durch die Mitorganisation des Besuchs des Dalai Lamas (2007). Prof. Manahan-Vaughan beschreibt ihre Motivation dazu so: „Es ist unsere Verantwortung als Hirnforscher, der Gesellschaft etwas zurück zu geben, indem wir sie teilhaben lassen an unserer Forschung und ihren Ergebnissen.“ So plant der SFB – neben den Brain Cafés – für den 7. September einen großen „Brain Day“, der unter dem Motto „Von der Grundlagenforschung zur Therapie“ Neurowissenschaftler, Ärzte, Patienten und interessiertes Publikum zusammenbringen soll.
Podcast für Daheim
Das Team um Denise Manahan-Vaughan freut sich auch über die wachsende Zahl junger Besucher des Brain Cafés. „Schüler und Bachelor-Studierende als Wissenschaftler von morgen liegen uns besonders am Herzen“, erklärt Ursula Heiler, „deswegen haben wir für sie weitere Angebote konzipiert.“ So werden im Herbst „Explorer Days“ in der Kaffeebar der Mensa stattfinden, bei denen Doktoranden über Masterstudiengänge in den Neurowissenschaften informieren. Im kommenden Jahr können Oberstufenschüler erstmals ihre Facharbeiten über neurowissenschaftliche Fragestellungen schreiben und werden dabei vom SFB unterstützt.
Und was sagen die Besucher des Brain Cafés? Die Organisatoren sind zufrieden: „Die Resonanz ist durchweg positiv“, resümiert Heiler. Viele Nachfragen gab es zum Beispiel, ob die Vorträge nicht in irgendeiner Form dokumentiert werden können, damit man sie zu Hause noch einmal Revue passieren lassen kann. Gibt es: Seit März werden die Brain Cafés durch das Podcasting-Team der RUB aufgezeichnet und können im Internet als Download abgerufen werden.
Brain Café im Mai
Das nächste Brain Café findet am 18. Mai (18 h, Universitätsbibliothek) statt; Thema: „Vom Kreuzworträtsel zum Kaffeekochen: Die Organisation semantischen Wissens im Gehirn“; Eintritt frei; Anmeldung: sfb874@rub.de; Infos: http://www.rub.de/sfb874.
Nicola Berkhoff; Foto: iStock | Themenübersicht

