RUBENS Nr. 151 - 1. Mai 2011
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Chaos in Brasiliens Pflanzenwelt

Humboldt-Stipendiat Marcelo Trovó sorgt jetzt von Bochum aus für Ordnung

Dass in Brasiliens Flora keine Ordnung herrscht, gefällt ihm gar nicht. Marcelo Trovó kam nach Deutschland, um ein bisschen mehr System in Südamerikas Pflanzenvielfalt zu bringen. Auch wenn er seine Heimat Brasilien vermisst, fühlt sich der Humboldt-Stipendiat am RUB-Lehrstuhl für Evolution und Biodiversität der Pflanzen pudelwohl: „Ich liebe es, Dinge zu klassifizieren und zu organisieren. Deswegen passe ich perfekt hierher“, erzählt er lachend.

Sein Sinn für Ordnung war es, der Marcelo Trovó zum Biologie-Studium bewegte. „Ich habe mich für Biologie entschieden, weil ich wusste, dass ich irgendwas organisieren wollte. Aber Botanik war das letzte, was ich machen wollte, weil ich dachte, man weiß schon alles. Aber dann habe ich gemerkt, dass wir noch nicht mal wissen, was bei uns alles lebt, geschweige denn, wie man es klassifizieren kann!“
Zunächst einmal musste Trovó sich jedoch entscheiden, an welcher Universität er studieren wollte. Er bewarb sich in São Paulo und im Süden Brasiliens an einer Uni direkt am Strand. „Dort wurde ich genommen – aber keiner meiner Freunde. Also dachte ich mir: Okay, ich werde am Strand wohnen – aber allein? Nein.“ Deswegen entschied sich der Brasilianer zunächst für ein Vorbereitungsjahr, in dem er für die Uni-Eingangstests lernte, um sich im nächsten Jahr erneut zu bewerben. Diesmal klappte es mit São Paulo, wo ihm das Fach „Prinzipien der Systematik und Biodiversität“ so große Freude machte, dass er schon früh bei einem der Professoren anfragte, ob er in dessen Labor mitarbeiten könne. „Er sagte: ‚Komm.’ Und ich bin dann fünf Jahre lang geblieben“, erinnert sich Trovò.
Bereits während seiner Doktorarbeit machte er sich daran, eine bestimmte Pflanzenfamilie, die so genannten Eriocaulaceen, die typisch für die brasilianische Savanne sind, systematisch in Gruppen einzuteilen. „In dieser Zeit habe ich viele Artikel eines deutschen Professors gelesen, der früher mit den Pflanzen gearbeitet hat“, erzählt der Biologe. „Dann wurde dieser Professor eines Tages zu einem Vortrag nach Brasilien eingeladen. Ich bin dorthin gefahren, habe ihn angesprochen und lange mit ihm über die Pflanzen geredet. Und dieser Professor war Herr Stützel.“

Gemeinsame Pflanzenliebe

Die beiden erkannten schnell die gemeinsame Begeisterung für die Eriocaulaceen, sodass Marcelo Trovó einen Teil seiner Doktorarbeit im Rahmen eines DAAD-Stipendiums am RUB-Lehrstuhl für Evolution und Biodiversität der Pflanzen von Prof. Thomas Stützel anfertigte. „Es gab keinen anderen Ort als Bochum, um das zu machen, was ich machen wollte. Auf der ganzen Welt kennen sich nur fünf oder sechs Leute mit diesen Pflanzen aus.“
Nach der Doktorarbeit bewarb sich Trovó um ein Humboldt-Stipendium, aber gleichzeitig auch auf Professorenstellen an brasilianischen Universitäten, an denen es die in Deutschland übliche Habilitation nicht gibt. Eine Professorenstelle hatte es ihm besonders angetan: „Die Uni ist in der Nähe von São Paolo, nah bei meiner Mom, nah bei meinen Freunden, nah beim Strand. Und sie hat eine gute Botanik-Abteilung. Da wollte ich wirklich hin, aber ich bin nur zweiter unter den Bewerbern geworden.“ In der kleinen Stadt Mogi das Cruzes nahm man ihn hingegen sofort – unter einer Voraussetzung: Er musste direkt am nächsten Tag mit der Lehre beginnen.
Marcelo Trovó nahm diese Herausforderung an. Doch nur einen Monat später erhielt er plötzlich die Zusage für das Humboldt-Stipendium. „Die Lehre hat mir viel mehr Spaß gemacht, als ich erwartet hatte“, gibt er ehrlich zu. „Deswegen habe ich die Humboldt-Stiftung gebeten, das Semester zu Ende bringen zu dürfen. Auch damit ich noch mehr Erfahrungen in der Lehre sammeln konnte.“
Seit Januar 2011 ist der Post-Doktorand nun wieder in Deutschland, wo er ein Jahr Zeit hat, die Klassifizierung der Eriocaulaceen weiter zu verfeinern, die er in seiner Doktorarbeit entwickelt hat. Die Methoden, die er in der botanischen Systematik in Brasilien verwendet hat, sind dabei ganz andere, als die, die er nun in Deutschland anwendet. „In Brasilien wissen wir noch gar nicht, welche Pflanzen wir eigentlich haben, deswegen arbeiten wir hauptsächlich taxonomisch. Wir suchen nach Namen und beschreiben die Arten“, erklärt Trovó. „Die Deutschen haben Karten von all ihren Pflanzen und wissen wo was wächst. Sie haben deswegen einen ganz anderen Blickwinkel. Die Kombination ist für mich sehr interessant.“

Morphologie und Currywurst

Für seine so genannte morphologische Arbeit hat Marcelo Trovó ein paar Arten aus der Familie der Eriocaulaceen aus Brasilien mitgebracht, von denen er nun die Entwicklung einzelner Blüten unter dem Elektronenmikroskop verfolgt. In der Anfangsphase hat er es gerade mal mit ein paar Zellen zu tun. Aber schon in diesem Stadium kann er gewisse Eigenschaften entdecken, die allen Arten einer bestimmten Pflanzengruppe gemeinsam sind. „Es kann sein, dass zwei Pflanzenarten am Ende die gleichen Eigenschaften haben, sich aber auf unterschiedliche Weise entwickelt haben“, erklärt der Biologe.
Die Untersuchung der Blütenentwicklung wird ihm also helfen, weiter an der Systematik der Eriocaulaceen zu feilen. Er freut sich schon darauf, am Ende wieder etwas mehr Ordnung ins Chaos gebracht zu haben. Nach seinem Stipendium möchte er zurück nach Brasilien, doch erst einmal hat er noch ein bisschen Zeit, die guten Seiten Deutschlands zu genießen: Die Sprache zu lernen macht ihm großen Spaß, vor allem den durch die Humboldt-Stiftung organisierten zweimonatigen Deutschkurs in Düsseldorf hat der Brasilianer sehr genossen – nicht nur, weil das Lernen interessant war, sondern auch, weil er mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt kam. „Aber ich vermisse auch Brasilien, vor allem den Strand. Da war ich jedes Wochenende mit meinen Freunden Fußball spielen oder surfen. Aber dafür bin ich in Deutschland viel produktiver als in Brasilien. Vielleicht weil ich dort drüben mit 30 Leuten in einem Labor gearbeitet habe, die eigentlich alle Freunde waren. Irgendwer wollte also immer mit einem reden. Und ich mag das Essen in Deutschland – Currywurst mit Pommes! Und das Brot... das Brot ist fantastisch!“

Julia Weiler; Foto: Nelle | Themenübersicht