"Hier wird alles selbst gemacht“
Studierende der Psychologie mischen bei der aktuellen Forschung mit
„Dieses Seminar ist total cool“, resümiert eine Teilnehmerin der Veranstaltung „Angewandte neuropsychologische Methoden“, in der Studierende der Psychologie seit dem WS 10/11 aktuelle Forschung betreiben. Mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie untersuchen sie, wie Kindchenschema, Nikotinkonsum und das menschliche Belohnungssystem zusammenhängen. „Die Studierenden haben von der Versuchsidee bis zur Auswertung alles selbst gemacht. Kein Fake, kein Netz, kein doppelter Boden“, erzählt PD Dr. Boris Suchan, der das über Studienbeiträge finanzierte Seminar gemeinsam mit Dr. Christian Bellebaum leitet.
Einen Kernspinversuch zu planen, durchzuführen und auszuwerten dauert Monate, so dass Studierende normalerweise damit nur beim Lesen von Fachartikeln in Kontakt kommen. Das wollte Boris Suchan (Institut für Kognitive Neurowissenschaft, Abteilung Neuropsychologie) ändern: „Hier im Seminar gibt‘s nicht einfach irgendwelche bunten Bildchen aus Artikeln mundgerecht präsentiert. Hier wird alles selbst gemacht. Forschung wie im wahren Leben.“ In zwei begleitenden Seminaren lernten die Studierenden die Grundlagen der Kernspintomographie und Auswertprogramme kennen, während sie im Praktikum in nur einem Semester einen kompletten Versuch auf die Beine stellten. „Christian und ich standen im Praktikum im Hintergrund. Wir haben gezeigt, wie was geht, aber nicht was.“ Die Dozenten boten zwar einen Versuch zur Körperwahrnehmung an, ließen die Studierenden aber selbst die aktuelle Literatur nach spannenden Themen durchforsten - sie wählten letztlich etwas völlig anderes aus.
Wie Aliens
„Ich habe mich total gefreut, dass meine Idee genommen wurde“, erzählt Carolin Chwiesko. Sie schlug vor zu untersuchen, ob das Kindchenschema die Belohnungszentren des Gehirns bei Rauchern und Nichtrauchern unterschiedlich aktiviert (s. Kasten). „Ein bisschen hatte ich auch Angst, dass ich verantwortlich bin, wenn alles in die Hose geht.“ Nicht zu wissen, welche Ergebnisse ein Versuch bringen wird, ist aber schließlich das Spannende an der Forschung.
Gemeinsam tüftelten die Teilnehmer/innen das optimale Versuchsdesign für ihre Frage aus und teilten sich in Gruppen auf, um alles für die Durchführung vorzubereiten. Eine Gruppe schrieb einen Antrag für die Ethikkommission, eine zweite programmierte den Versuch, eine dritte rekrutierte die Probanden, eine vierte kümmerte sich um die Beschaffung der Bilder, die während der Kernspinuntersuchung gezeigt werden sollten.
Fotos von Babys für Studien zum Kindchenschema wurden schon in Amerika benutzt, aber die Anfrage, ob man sie in Bochum erneut verwenden dürfe, blieb eine Weile unbeantwortet. „Nach einer Woche kam endlich das Okay“, strahlt Carolin Chwiesko. Für den Versuch mussten die Bilder bearbeitet werden, um unterschiedlich starke Ausprägungen des Kindchenschemas zu erhalten (Kasten). Carolin Chwiesko erinnert sich: „Am Anfang hat das überhaupt nicht geklappt, die Babys sahen aus wie Aliens.“
Begeisterung weitergeben
Im Dezember war der Versuch endlich einsatzbereit, die Teilnehmer konnten im Grönemeyer-Institut für Mikrotherapie die Daten aufzeichnen. „Das Scannen hat am meisten Spaß gemacht“, meint Beate Knauer, „vor allem, weil ein Techniker da war, den wir mit Fragen traktieren konnten.“ Gegen Semesterende lief die Auswertung bereits auf Hochtouren. In Kleingruppen analysierten die Studierenden die Aspekte, die sie am meisten interessierten, laut Carolin Chwiesko eine große Herausforderung: „Wir haben im Seminar gezeigt bekommen, wie das Programm funktioniert. Ich dachte: alles logisch. Aber als wir selbst davor saßen, kamen jede Menge Fragen auf. Erst dachte ich: Ich versteh kein Wort, aber dann war es ein cooles Gefühl, als man durchgeblickt hat.“
Natürlich waren die Studierenden bei der Auswertung nicht allein. „Boris und Christian haben super lange mit uns vorm Rechner gesessen und waren immer ansprechbar“, erzählt Beate Knauer. Das lag wohl auch daran, dass das Seminar nicht nur den Studierenden unheimlich viel Spaß gemacht hat: „Es macht auch den Dozenten Freude, wenn man die eigene Begeisterung für die Forschung weitergeben kann“, schwärmt Boris Suchan. Während er vom Seminar berichtet und es draußen schon dunkel geworden ist, sitzen vier Studierende in seinem Büro am Computer und diskutieren ihre Daten. Sie lassen sich nur kurz ablenken, um zu überlegen, was eigentlich der schwierigste Teil des Seminars war. Während Jana Ziegenbein spontan ans Programmieren denkt, war für Omar Chehadi die Auswertung die höchste Klippe. In einem sind sich aber alle einig: „Es war einfach super, dass wir in alle Schritte integriert waren, man wächst ja mit seinen Aufgaben“, bringt es Miriam Biene auf den Punkt.
Raucherinnen gesucht!
Endgültige Ergebnisse wird es erst später geben, bisher haben sich noch nicht genügend rauchende Frauen als Probanden gefunden, um eine aussagekräftige Statistik zu erlauben. Boris Suchan zieht eine Zwischenbilanz: „Man kann sich in so einem Seminar natürlich auch eine blutige Nase holen, wenn aus den Daten nichts rauskommt, aber ich bin zuversichtlich. Es lohnt sich, den Versuch zu Ende zu führen.“ Die Studierenden können und wollen sich auch in den Semesterferien weiter um ihr Projekt kümmern. „Man muss sie nicht antreiben“, freut sich der Seminarleiter, „der Spaßfaktor reicht völlig aus.“ Auch Christian Bellebaum ist begeistert: „Es war wirklich gut, wie engagiert die Studierenden waren. Man hat gemerkt, dass wir was Neues gemacht haben.“ Da das Seminar für alle Beteiligten ein voller Erfolg war, wird es selbstverständlich im kommenden Semester in die nächste Runde gehen.
Babys und Zigaretten
Ziel des Projekts war es herauszufinden, wie das Gehirn auf angeborene und erlernte Belohnungsreize reagiert. Bestimmte Hirnstrukturen des sog. Belohnungssystems sind dafür verantwortlich, dass wir uns gut fühlen, wenn wir eine leckere Mahlzeit zu uns nehmen oder auf ein Geschenk freuen. Mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie zeichneten die Studierenden die Hirnaktivität von gesunden Probanden auf, während sie ihnen Bilder von belohnenden Reizen zeigten. Als angeborene Belohnungsreize verwendeten sie Fotos von Säuglingen. Vorangegangene Studien haben gezeigt, dass das sog. Kindchenschema (hohe Stirn, große Augen) das Belohnungssystem aktiviert. Um die Belohnungseffekte modulieren zu können, verstärkten die Studierenden auf einigen Bildern das Kindchenschema, indem sie die Stirn verlängerten und die Augen vergrößerten. Als erlernte Belohnungsreize zeigten sie Bilder von Menschen, die rauchen. Da diese nicht für jeden attraktiv sind, wurden die Hirnaktivierungen von Rauchern und Nichtrauchern verglichen. „Es gibt die Theorie, dass das Belohnungssystem von Rauchern weniger sensitiv ist“, erklärt Carolin Chwiesko. „Wir wollten deshalb schauen, ob das Belohnungssystem von Rauchern weniger auf die Babys anspricht als das von Nichtrauchern.“
Julia Weiler; Foto: Sponheuer | Themenübersicht

