500 Jahre Krieg der Grammatik(er)
Bochumer Latinistik ist einer FrÜhform des „tÖdlichen Witzes“ auf der Spur
In einem berühmten Monty-Python-Sketch erfindet der britische Witzfabrikant Ernest Scribbler mitten im 2. Weltkrieg den lustigsten Witz der Welt und lacht sich darüber buchstäblich tot. Auch alle anderen Menschen sterben beim Lesen des Witzes. Dieser Sketch mit dem „tödlichen Witz“ hat ein reales Vorbild: Viele Menschen, die im 16. Jahrhundert „Bellum grammaticale“ lasen, starben kurz darauf. Zufall? Oder verbirgt sich hinter der Abhandlung von Andrea Guarna ein schreckliches Geheimnis? Die Latinistin Wibke Harnischmacher sucht in ihrer Dissertation nach Antworten und berichtet darüber exklusiv in Rubens.
1511. Versetzen Sie sich in die Lage eines Substantivs, sagen wir „Sonne“. Sie werden seit Jahrtausenden immer dann von Autoren bemüht, wenn es gilt, Ihren einzigartigen Auf- oder Untergang zu beschreiben. So weit, so gut. Würde es Sie beunruhigen, dass Sie eins der wenigen Substantive sind, die – eine Eigenschaft, die sie mit Wörtern wie „Spucke“, „Unrat“, „Ekel“ teilen – keinen Plural besitzen? Natürlich werden Sie jetzt entgegnen, Ihr Plural „SonneN“ lasse sich leicht bilden, doch bedenken Sie, dass die Astronomie der Renaissance noch nichts von anderen Sonnensystemen weiß und die Sichtung „zweier Sonnen“ zumeist von angetrunkenen, wenigstens abergläubischen Spinnern erfolgt. Wie gedenken Sie, diesen Umstand im kommenden Jahrhundert dem Sonnenkönig Louis XIV. zu erklären? Für Ihr Problem hat nun ein italienischer Gelehrter eine plausible Lösung: Genau vor 500 Jahren, am 1. April 1511, publiziert er die Schrift „Bellum grammaticale“ (wörtlich: grammatischer Krieg).
Der Autor Andrea Guarna berichtet von der einst friedlichen Provinz der Grammatik. Zwei Herrscher regieren hier lange in Eintracht: die Zwillinge Nomen und Verbum. Beide Hauptwortarten sind dem Wein nicht abgeneigt und geraten bei einem Festmahl darüber in Streit, wer als der Ältere und Gewichtigere zu gelten habe. Die Begründung des Nomens besticht durch (theo-)logische Brillanz: Wenn Gott, bekanntlich ein Nomen, alles erschaffen habe, dann auch das Verbum. Folglich sei das Nomen älter und mächtiger. Der Gebieter über die Verba lässt sich nicht beeindrucken, auch er hat die Bibel gelesen, zumindest den Beginn des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort“ (lat.: In principio erat Verbum). Der Disput gerät zum Zerwürfnis. Man rüstet zum grausamen Bürgerkrieg, dem unter Anderem der Plural „Sonnen“ zum Opfer fällt...
Das Ende sei an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Beiden Regenten ist nicht bewusst, wie sehr ihre Herrschaft bereits durch einen weiteren mächtigen Akteur bedroht ist: Das verschlagene Partizip hält sich geschickt aus dem Streit heraus, um nach dem Krieg die Alleinherrschaft an sich zu reißen.
Mannhafte Bäume
In der Bochumer Latinistik wird im Rahmen eines Dissertationsprojektes derzeit fieberhaft an der Fertigstellung der ersten kritischen Edition des „Bellum grammaticale“ mit moderner deutscher Übersetzung gearbeitet. Die umfangreiche Kommentierung ist nicht nur für Philologen gedacht. Sie versteht sich u.a. als Beitrag zum ergiebigen Feld der Gender Studies (eigentlich strikt feminine Baumbezeichnungen stehen in der Schlacht so beherzt ihren Mann, dass sie nach dem Krieg zu Maskulina werden) und knüpft an die Forschungsergebnisse der renommierten „Götz von Berlichingen Academie“ an (die als Kriegsbläser engagierten Umlaute wie ae oder oe entblößen zu Provokationszwecken vor der Schlacht ihr Hinterteil). Nebenbei liest sich Guarnas Werk wie eine Zeitreise durch die Epochen der Spracherforschung, die akribisch etwa die richtige Vergangenheitsform des Verbums mingere („pinkeln“) zu diskutieren wusste.
Wie steht dies alles mit dem „tödlichen Witz“ in Verbindung? Auch dem „Kriegswitz“ Guarnas fielen nicht nur Wortformen zum Opfer: Alle realen Personen, die der Text erwähnt, Kurienmitglieder und Papst Julius II. selbst, vermutlich die ersten Leser, versterben (wenige Jahre), nachdem der Text erschienen ist. Die Hintergründe lassen sich nur erahnen. Aufschluss verspricht 1739 die Warnung eines Kommentators: Die Lektüre des Werkes sei nur bei Genuss von französischem Rotwein anzuraten. Gemeinsam mit Medizinhistorikern ist nun ein Feldversuch geplant. Interessenten melden sich unter der Chiffre „Sonnenschau“ bei Prof. Reinhold Glei, Latinistik II.
Info: Titel des Projektes von Wibke Harnischmacher: „Andrea Guarnas Bellum grammaticale. Einleitung, Text, Übersetzung, Kommentar“, Betreuer: Prof. Dr. Reinhold F. Glei.
Wibke Harnischmacher; Foto: Nelle | Themenübersicht

