RUBENS Nr. 150 - 1. April 2011
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Arbeiterkind.De

Soziales Netzwerk Hilft Studierenden AUS Nicht-Akademiker-Familien

Kinder mit bildungsfernem Familienhintergrund haben an der Uni zum Teil andere Herausforderungen als ihre Kommilitonen aus Akademiker-Familien. Unterstützt werden sie seit 2008 vom Netzwerk Arbeiterkind.de. In der neuen Bochumer Gruppe sind bereits 41 Studierende angemeldet.

15. Februar, MINT-Mentoring-Kongress (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) im Veranstaltungszentrum der RUB: Christin Gerber unterhält sich freundlich mit allen, die zu ihrem Stand kommen. Gekleidet in ein T-Shirt mit der Aufschrift „Arbeiterkind.de Ruhrgebiet“ steht sie vor einer Stellwand, an der zwei Plakate der in Gießen gegründeten Organisation angebracht sind. Gerber ist ehrenamtliche Mentorin der Bochumer Gruppe von Arbeiterkind.de. Ziel der Initiative: mehr Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien an die Hochschulen bringen.

„Wir möchten verhindern, dass in Deutschland Kinder nur deshalb eine schlechtere Chance auf ein Studium haben, weil ihre Eltern keine Akademiker sind“, erklärt Gerber. Das bisherige Ungleichgewicht lässt sich durch eine von der Hans-Böckler-Stiftung angestrengten Studie nachweisen. So beginnen in Deutschland 24% aller Nichtakademiker-Kinder ein Studium – aber 71% der Akademiker-Kinder. Die Gründe sind vielschichtig. Einerseits gibt es Informationsdefizite, z.B. zur Finanzierung des Studiums. Hinzu kommen Ängste, z.B. dass man das Studium sowieso nicht schafft, oder mangelnde familiäre Unterstützung.

Da sie sich selber in der Situation befand, keinen Elternteil mit akademischem Hintergrund zu haben, gründete die Gießener Studentin Katja Urbatsch 2008 die gemeinnützige Organisation „Arbeiterkind.de“. Nicht-Akademiker-Kinder sollen damit eine Anlaufstelle haben, bei der sie Infos und individuelle Mentoren-Unterstützung bekommen können. Aus dieser Idee ist innerhalb von zwei Jahren ein deutschlandweites, soziales Netzwerk entstanden, bei dem an 80 Standorten etwa 2.000 studentische Mentoren tätig sind, die meisten ehrenamtlich.

Treffen in der OASE

Den sieben Bochumer Mentoren stehen zurzeit 34 Ratsuchende (Mentees) gegenüber. Die Mentoren bieten nicht nur fachliche, sondern auch psychologische Hilfe an, für die sie in freiwilligen Kursen geschult wurden. Wenn ein Mentor nicht weiß, wie er eine Fachfrage beantworten kann, ist das kein Problem, denn Rat kann dank der Netzwerk-Struktur aus ganz Deutschland kommen. Christin Gerber kann man z.B. ansprechen, wenn es um Medizin geht. Sie kennt sich ebenfalls aus bei Studienplatzbewerbung, Orientierung an der Uni sowie Finanzierung. Wer sie oder die anderen Bochumer Mentor/innen um Rat fragen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten: Es gibt regelmäßig Infostände wie beim o.g. Kongress oder zuletzt beim Tag der Offenen Tür der RUB, es gibt Schulveranstaltungen, Online-Beratung oder die offenen Gruppentreffen. Sie finden monatlich im Selbsthilfe- und Kommunikationszentrum OASE statt; nächster Termin: 6. April, 18 h.

Infos: http://www.arbeiterkind.de oder http://www.arbeiterkind-bochum.de.


Situation an der RUB
Für die RUB liegen zwar keine Zahlen für die Gesamtheit der Studierenden vor. Hinweise auf den akademischen Hintergrund der Studierenden und auf die potenzielle Zielgruppe von Arbeiterkind.de liefern aber die Daten, die vom Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung für den Studierendenmonitor erhoben werden. Demnach stammten im WS 06/07 57% der Teilnehmer aus Familien, in denen die Eltern keinen Hochschul-Abschluss haben. Übrigens: Losgelöst von Arbeiterkind.de gibt es an der RUB mit der Zentralen Studienberatung (Studienbüro) eine kompetente Anlaufstelle für alle Studierenden; http://www.rub.de/zsb/.

Text & Foto: Kevin Kath | Themenübersicht