Abschiedsfragen an 2 Leibniz-Preisträger


Prof. Dr. Jürgen Jost
(Jahrgang  1956)  wechselt  zum  1.10.96  an  das  zu   gründende
Max-Planck-Institut für Mathematik  in Leipzig.  Prof. Jost,  der
1993 den Leibniz-Preis  erhielt, lehrt  seit seiner  Habilitation
Ende 1984 an der Fakultät für Mathematik der RUB.


Prof. Dr. Hans-Joachim Freund
(Jahrgang 1951) wechselt zum 1.4.96  an das  Fritz-Haber-Institut
der  Max-Planck-Gesellschaft in  Berlin und  wird dort  Direktor.
Prof. Freund, Leibniz-Preis-Träger 1995, lehrt seit  1987 an  der
Fakultät für Chemie der RUB.

Was hat Sie bewogen, das Angebot der Max-Planck-Gesellschaft anzunehmen?


Welche Aufgaben und Herausforderungen erwarten Sie, bzw. welche Ziele setzen Sie sich für die Zukunft?
Wie beurteilen Sie die gegen wärtige Situation der Forschung in den Universitäten?
Wie beurteilen Sie im Rückblick Ihre Zeit als Professor an der RUB?
Wird Ihnen bei der Konzentration auf die Forschung die Lehre fehlen?

Was hat Sie bewogen, das Angebot der Max-Planck-Gesellschaft anzunehmen?

Freund In  meinem Fall  war das  einmalige, besonders  attraktive
wissenschaftliche Umfeld und das Gefühl,  im Institut  willkommen
zu  sein,  wichtig.  Die  Situation  bei  einer  Berufung an  ein
Max-Planck-Institut stellt sich etwas anders dar,  als bei  einer
Berufung auf eine Universitätsprofessur. Es  gibt kein  Verfahren
mit Eigenbewerbungen, vom jeweiligen Institut und der  zuständige
Sektion der MPG wird in internationaler  Konkurrenz ein  Kandidat
gesucht.  Die  Verhandlungen werden  vom Präsidenten  der MPG  in
kurzer     Zeit     mit    weitgehender     Entscheidungsbefugnis
vorangetrieben.      Die      geschaffenen      Arbeits-      und
Forschungsbedingungen  sind sehr  gut und  auf die  individuellen
Bedürfnisse abgestimmt. 
Jost Die ausgezeichneten Arbeitsmöglichkeiten und die  großzügige
Ausstattung des neuen Institutes, die  Möglichkeiten, eine  große
Forschungsgruppe  auf  einer permanenten  Basis aufzubauen,  neue
Forschungsprobleme im  Grenzbereich zwischen  Mathematik und  den
Naturwissenschaften anzupacken und gleichzeitig die mathematische
Forschung  in  Deutschland  insbesondere  in  den  Bereichen  der
Geometrie und  Analysis zu  fördern, die  Wertschätzung, die  ich
meinen  zukünftigen  Kollegen  im   Direktorium  des   Institutes
entgegenbringe. Vor allen Dingen aber  auch der  Reiz des  Neuen:
Nachdem ich nun seit  über 11  Jahren an  der RUB  tätig bin  und
während dieser Zeit mehrere  interessante Alternativen  abgelehnt
habe, denke ich nun: It's time for a change.


Welche Aufgaben und Herausforderungen erwarten Sie, bzw. 
welche Ziele setzen Sie sich für die Zukunft?

Freund Die Herausforderung wird sein, den  in unsere  Forschungen
gesteckten Erwartungen gerecht zu  werden. Die  wissenschaftliche
Fragestellung  bleibt im  wesentlichen erhalten,  wird aber  auch
deutlich erweitert. Wir werden auch zukünftig  Fragen zur  Physik
und   Chemie   von    Festkörperoberflächen   untersuchen.    Das
Max-Planck-Institut   in   Berlin   erlaubt    uns,   dies    mit
entsprechendem Personal- und  Sachmitteleinsatz zu  tun, und  wir
hoffen, einigen grundsätzlichen  Fragen in  Zukunft nachgehen  zu
können. Vielleicht können wir dabei auch besonders ,risikoreiche"
Experimente  in  Angriff  nehmen, deren  Durchführung von  Seiten
typischer Drittmittelgeber wie DFG und BMBF  nicht ohne  weiteres
gefördert würden
Jost Die Aufgaben  und Herausforderungen  stellen sich  natürlich
einerseits   beim   Aufbau   des   neuen   Institutes   und   der
Forschergruppe,  andererseits  aber  vor  allen  Dingen  in   der
Forschung, wo ich verstärkt die Verbindungen zwischen Mathematik,
Physik und  Biologie herstellen  möchte -  in Zusammenarbeit  mit
Naturwissenschaftlern und anderen Mathematikern.

                         
Wie beurteilen Sie die gegen wärtige Situation der Forschung in den Universitäten?

Freund  Die  Situation  an  der  Hochschule  ist  geprägt   durch
zunehmende Einschränkungen bei der Ausstattung. Hinzu kommt,  daß
man mit Aufgaben in  der Selbstverwaltung  sowie durch  Prüfungen
und  Gremientätigkeiten  viel  Zeit  verbringen   muß,  die   der
Forschung     verloren     geht.     Experimentell     arbeitende
Universitätsgruppen  müssen  durch   permanentes  Einwerben   von
Drittmitteln, teilweise auch durch  Umorientierung der  Forschung
auf  populäre  Themen  die  Versorgung  des  Arbeitskreises   mit
Forschungsmitteln sicherstellen. Es  kommt immer  mehr dazu,  daß
man sich Zeit zum Nachdenken nicht mehr leisten kann. Daß dennoch
an den Universitäten gute Forschung betrieben wird,  hat man  dem
Einsatz und der Leistungsbereitschaft  vieler Hochschullehrer  zu
verdanken.
Jost Auch  wenn in  der Hochschulpolitik  häufig aus  politischen
Erwägungen heraus Entscheidungen getroffen  werden, die  negative
Auswirkungen  auf  die  Situation  an   den  Hochschulen   haben,
beurteile ich  die gegenwärtige  Situation der  Forschung an  den
Universitäten als gut. Vieles hiervon ist der  DFG zu  verdanken,
die viele  wichtige Forschungsprojekte  auf sehr  unbürokratische
Weise fördert. Zwar ist es dabei manchmal  etwas lästig,  Anträge
und  Berichte  schreiben  zu  müssen,  aber  es  ist sicher  auch
nützlich, wenn man über die Inanspruchnahme von Forschungsmitteln
Rechenschaft  ablegt  und   sich  der   Konkurrenz  mit   anderen
Antragstellern stellt.


Wie beurteilen Sie im Rückblick Ihre Zeit als Professor an der RUB?

Freund Meine Zeit an der RUB wird mir stets  in guter  Erinnerung
sein. Rektorat, Verwaltung,  Fakultät und  Ministerium haben  die
Grundlagen geschaffen, konkurrenzfähig zu forschen. Der gute  Ruf
unserer  Fakultät  hat leistungsfähige  Studenten angezogen.  Die
wissenschaftlichen und ebenso die  technischen Mitarbeiter  haben
ganz wesentlich zum Erfolg der Arbeiten beigetragen.  Werkstätten
und zentrale Einrichtungen sind an der RUB traditionell stark und
für den Forschungsbetrieb unverzichtbar. Dafür, daß ich nun  doch
,schwach" geworden bin (nach  Rufen aus  Freiburg und  Erlangen),
mag der eine oder andere kein  Verständnis haben.  Damit muß  ich
leben. Sicher ist: ohne die Unterstützung durch die RUB hätte ich
den Ruf an das  Fritz-Haber-Institut der  Max-Planck-Gesellschaft
und auch den Leibniz-Preis nicht erhalten.
Jost Es waren fruchtbare und erfolgreiche Jahre an  der RUB.  Ich
denke  gerne  an  viele  gute  Studenten  zurück,  die  ich  hier
getroffen habe, wie auch  an die  vielfältige Unterstützung,  die
ich durch meine Kollegen erfahren habe.


Wird Ihnen bei der Konzentration auf die Forschung die Lehre fehlen?

Freund  Es  hat  mir  immer  Freude  gemacht,  mit jungen  Leuten
zusammenzuarbeiten. Vorlesungen sind zwar manchmal  auch für  den
,,Vorlesenden" frustrierend, aber für die 30%  der Studenten,  die
wirklich  interessiert  sind,  lohnt  sich  der Einsatz  allemal.
Insofern werde ich die Lehre auch vermissen. Ich freue mich,  daß
ich den  Kontakt zur  Universität nicht  völlig verlieren  werde,
sondern auch in  Zukunft die  eine oder  andere Vorlesung  halten
werde.     Doktorandenausbildung     wird     ja     auch      an
Max-Planck-Instituten betrieben, so daß  bei aller  Konzentration
auf die Forschung die Lehre nicht völlig  aus meinen  Aktivitäten
gestrichen werden muß.
Jost Ich beabsichtige,  als Honorarprofessor  an der  Universität
Leipzig  regelmäßig Vorlesungen  fiir fortgeschrittene  Studenten
anzubieten und auch weiterhin Doktoranden auszubilden. Ich glaube
daher, daß die Verbindung von Forschung und Lehre auch im  Rahmen
des neuen MPI möglich sein wird.

Fragen und Redaktion
Barbara Kruse und Josef König