Neu Nur Preis und Titel
1985 erschien David Lodge's köstlicher Roman "Small World", in
dem er satirisch Kongresse und rege Reisetätigkeit von
Wissenschaftlern quer durch die Kontinente aufs Korn nahm. Ein
Jahr darauf kam die deutsche Erstausgabe unter dem Titel
"Schnitzeljagd" (hervorragend übersetzt von Renate Orth-Guttmann)
heraus. Nun, 1996, bringt der Haffmanns Verlag die sonst
unveränderte Übersetzung unter dem veränderten Titel "Kleine
Welt" als wohlfeile Ausgabe (DM 39,-) auf den Markt. Dieser
Wiederholung paßt sich RUBENS an: Mit freundlicher Genehmigung
der FAZ drucken wir hier die Rezension vom 29.10.1985 ab, in der
- ebenso - seit damals kein Jota verändert wurde. Übrigens: Den
Roman gibt's noch als Taschenbuch bei Ullstein unter dem alten
Titel "Schnitzeljagd" (DM 12,90). jk
`Schnitzeljagd' - ein Roman des englischen Autors David Lodge
Der Autor David Lodge ist Literaturprofessor in Birmingham und
kennt die hier aufs Korn genommenen Symposien und Kongresse, bei
denen Spezialisten spezieller Spezialgebiete ihre Innovationen in
einem eigenen Rotwelsch absondern: über den Strukturalismus in
der Linguistik, die Arbitrarität der Zeichen, über kombinierte
Phoneme oder die ikonische Korrelation zwischen Klang und Sinn.
Keiner der Beteiligten leidet unter der babylonischen Verwirrung,
betrachtet sie lediglich als "Bußübung auf dieser Art moderner
Pilgerfahrt", deren nicht unerhebliche Spesen von vielerlei
institutionellen Melkkühen getragen werden. (Angeblich sind in
den Semesterferien fünfzig Prozent aller Transatlantikreisenen
Hochschulprofessoren).
Die düsenden Scholaren nehmen für diese einzigartige Möglichkeit,
häuslicher Enge und Unterdrückung zu entgehen, so manche
Unannehmlichkeit in Kauf. Das "Tagungssyndrom schlechten Atems,
belegter Zunge und ständiger Kopfschmerzen (weil sie fünfmal so
viel wie sonst rauchten, tranken und redeten)", die vom
Klimawechsel, Jetlag oder exotischen Speisen aufgewühlten
Gedärme, die öde Tatsache, daß man am anderen Ende der Welt in
irgendeinem Hörsaal wieder die gleichen alten Gesichter sehen
wird. Dafür halten sie sich schadlos, nehmen die Chance wahr, in
den Suiten der Hiltons und Sheratons, in Clippern hoch überm
Atlantik, auf Fähren und in Seilbahnen jene amourösen Aventüren
zu erproben, von denen sie sonst nur beim Studium
mittelalterlicher Quellen Kenntnis erhalten hätten.
David Lodge gibt seinem im Original "Small World" genannten Roman
den Untertitel "An academic Romance" und hat seine Absicht damit
klar umrissen. Die deutsche Version "Schnitzeljagd" ist treffend
und leserfreundlich, aber den Hinweis, daß dies ein "satirischer
Roman" sei, hätte der Verlag sich sparen können. Das weckt den
Argwohn, der Tip sei womöglich dringend nötig, und damit tut man
dem Autor herbes Unrecht. Er besitzt mindestens so viel Komik wie
ein Anthony Burgess, schafft mit leichter Hand einen Reigen
exzentrischer, skurriler, tumber und korrupter Figuren und hält
einen in Atem mit seiner Schnitzeljagd, auf der einige Männlein
einigen Weiblein (oder vice versa) rund um den Globus nachjagen
und am Ende etwas ganz anderes finden, als sie gesucht haben.
Den verständnisinnigsten Genuß an der Lektüre werden sicherlich
professionelle Vielflieger oder Tagungsteilnehmer jedweder
Fachrichtung haben. Denn die Erfahrungen jener Zeitgenossen, die
auf den Gästelisten von Industriemessen stehen, dürften kaum
andere sein als die im akademischen Bereich. Vermutlich
unterscheiden sich nur die Vokabeln in ihrem Fach-Chinesisch.
David Lodge: "Schnitzeljagd". Ein satirischer Roman. Aus dem
Englischen von Renate Orth-Guttmann. List Verlag, München 1985.
351 S.
Quelle: Elisabeth Kaiser, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
29.10.1985.