RUBENS Nr. 149 - 1. Februar 2011
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"Wie Beim Zahnarzt"

Neurowissenschaftler erinnern sich an ihre SFB-Bewerbung

5,4 Mio. Euro Fördermittel. 4 Jahre Laufzeit. 13 Projekte. Etwa 20 neue Stellen. Oft schauen wir nur auf die beeindruckenden Fakten einer erfolgreichen SFB-Bewerbung. Was aber haben die Antragstellerinnen und Antragsteller leisten müssen, damit die RUB den neuen Sonderforschungsbereich auf dem Gebiet der Neurowissenschaften (SFB 874 „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“) feiern konnte? Die Sprecherin Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan und einer der Mitantragsteller, PD Dr. Boris Suchan, erinnern sich an eine aufregende und arbeitsintensive Zeit.

Seit dem Start des SFB 874 im Juli 2010 arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Medizin, Psychologie, Biologie und Neuroinformatik gemeinsam daran, das Rätsel um die Integration und Speicherung von Sinneseindrücken zu lösen (s. Kasten). Die gesamte SFB-Bewerbung zog sich über fast zwei Jahre hin. „Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“, resümiert die Sprecherin des SFBs, Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan (Fakultät für Medizin, Lehrstuhl für Neurophysiologie). „Aber es ist nicht immer ganz leicht gewesen, sich über eine so lange Zeit selbst zu motivieren und den Enthusiasmus zu behalten.“

 

Schlaflose NÄchte

 

Nachdem Prof. Manahan-Vaughan die Idee für das SFB-Thema geliefert hatte, konnten alle neurowissenschaftlich ausgerichteten Lehrstühle Vorschläge für Forschungsprojekte machen, aus denen sie diejenigen auswählen musste, die ein stimmiges Gesamtpaket ergaben: „Es war sehr hart für mich, einige Projekte ausschließen zu müssen. Alle Kollegen haben so toll mitgearbeitet, das wusste ich wirklich zu schätzen.“ Nach einem erfolgreichen Vorantrag im September 2008 gab die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) den Bochumern grünes Licht für eine vollständige SFB-Bewerbung. Um den Antrag in die bestmögliche Form zu bringen, wurde die RUB im Februar 2009 von Beratern der DFG besucht. „Dieses Treffen war fantastisch“, schwärmt Prof. Manahan-Vaughan. „Man hat sich extrem viel Mühe gegeben, uns auf den richtigen Weg zu helfen. Auch später war die Unterstützung der DFG toll. Unsere Ansprechpartnerin hat in der Summe Stunden oder sogar Tage mit uns telefoniert, um unsere Fragen zu beantworten, die beim Ausfüllen der Formulare aufkamen.“

Die Antragstellerinnen und Antragsteller schrieben detaillierte Entwürfe für ihre Teilprojekte, in denen nicht nur alle geplanten Experimente erklärt, sondern auch Finanzierungspläne, benötigte Geräte sowie neu beantragte Stellen genau aufgelistet werden mussten. Der fertige Antrag, der im Dezember 2009 eingereicht wurde, enthielt aber noch mehr als nur die Sammlung aller Projekte, z.B. Strategien für die Doktorandenausbildung und Öffentlichkeitsarbeit. „In den letzten Wochen vorm Einreichen war unheimlich viel zu tun. Zum Glück war Sabine Dannenberg vom Research Department of Neuroscience eine große Hilfe“, erinnert sich Prof. Manahan-Vaughan. „Ich glaube, wir haben in der Zeit höchstens drei Stunden pro Nacht geschlafen. Das war wie nach der Doktorarbeit: Man hat Herz und Seele da rein gesteckt und war einfach nur froh, als es vorbei war.“

 

Zwei Tage geprÜft

 

Im Februar 2010 wurde der Neuro-SFB von neun Gutachtern der DFG zwei Tage lang auf Herz und Nieren geprüft. Zum Auftakt der Evaluation hatten die Teilprojektleiterinnen und Teilprojektleiter jeweils vier Minuten Zeit, um ihre geplanten Experimente vorzustellen. Um optimal vorbereitet zu sein, wurden die Vorträge ein paar Tage vorher geübt und aufeinander abgestimmt. „Das war eigentlich eine schöne Atmosphäre, denn man hat gemeinsam an den Talks gefeilt“, erinnert sich Boris Suchan vom Institut für Kognitive Neurowissenschaft (Abteilung Neuropsychologie). „Der Druck am Tag der Begutachtung war allerdings extrem hoch. Man ist als Team aufgetreten, das hieß aber auch, dass man das ganze Team zu Fall bringen konnte, wenn man selber geschwächelt hat.“

Eine kurze Verschnaufpause gab es beim gemeinsamen Mittagessen, doch anschließend stieg die Spannung schnell wieder an, denn nun musste das RUB-Team den Gutachtern an einem Poster im Veranstaltungszentrum oder bei einer Besichtigung des Lehrstuhls Rede und Antwort stehen. Alle hatten sich auf einen möglichen Besuch der Gutachter eingestellt, auch wenn im Vorhinein nicht feststand, welche Lehrstühle inspiziert werden würden. Tage vorher wurden die Gänge mit neuen Postern geschmückt, Demonstrationsversuche vorbereitet, die Büros aufgeräumt und Kekse gekauft. Man wollte nichts dem Zufall überlassen. Ob am Lehrstuhl oder am Poster, alle Projekte wurden genau unter die Lupe genommen. „Man hat sich ein bisschen gefühlt wie beim Zahnarzt, wenn nach Löchern gesucht wird“, veranschaulicht Boris Suchan. Anschließend zogen sich die Gutachter zu einer ersten Beratung zurück und es begann das große Rätseln: War alles gut gelaufen? Was könnte den Gutachtern negativ aufgefallen sein? Gab es irgendwelche Anzeichen, wie das Ergebnis der Begutachtung ausfallen könnte? Viele Fragen, aber noch keine Antworten.

 

Geburtstagsgeschenk

 

Am nächsten Morgen durften die Gutachter noch einmal alle offen gebliebenen Punkte klären und auch RUB-Rektor Prof. Dr. Elmar Weiler wurde ausgefragt, z.B. zum Bau der Kita. „Vor zehn Jahren lief eine SFB-Begutachtung noch ganz anders ab“, erinnert sich Prof. Weiler. „Heute reicht es nicht mehr, ein tolles Forschungsprogramm zu haben, man muss auch neben der Wissenschaft punkten können, z.B. mit einer guten Gleichstellungspolitik.“ Nach der morgendlichen Fragerunde hatten die Antragstellerinnen und Antragsteller alles getan, was in ihrer Macht stand und es begann das große Warten. Die Gutachter berieten hinter verschlossenen Türen, welche Note sie dem Neuro-SFB geben würden. Boris Suchan hat die angespannte Atmosphäre heute noch gut vor Augen: „Es war wieder wie in der Schule, wenn man eine Klassenarbeit geschrieben hat und darauf wartet sie zurückzubekommen.“ Mit einem „sehr gut“ erkannten die Gutachter das große Potenzial im Bochumer SFB, aber die endgültige Entscheidung wurde erst im Mai gefällt. Basierend auf den Gutachten aller deutschlandweit beantragten Sonderforschungsbereiche wählte die DFG die besten aus, man musste also im Vergleich mit den Anderen gut aussehen.

Das endgültige Ergebnis der SFB-Begutachtung kam im Mai 2010. „Das fiel genau auf meinen Geburtstag“, erzählt Prof. Manahan-Vaughan. „Es war schrecklich, denn die Nachricht kam erst ziemlich spät, also habe ich den ganzen Tag gezittert.“ Die Bewilligung des Neuro-SFBs macht sich an der RUB bereits bemerkbar, z.B. wurde das Research Department of Neuroscience gegründet und ein 3 Tesla-Kernspintomograph angeschafft. Prof. Manahan-Vaughan freut sich über die Fortschritte: „Von diesen Neuerungen haben auch die Kollegen etwas, die nicht im SFB vertreten sind, das ist mir sehr wichtig. Ab 2011 wird die Forschung an den neuen Geräten auf Hochtouren laufen.“

 

Zusammenspiel von Wahrnehmung und GedÄchtnis

 

Unsere Umwelt nehmen wir mühelos als eine Einheit wahr, obwohl Informationen der fünf Sinne (sehen, riechen, fühlen, schmecken, hören) über unterschiedliche Kanäle zum Gehirn geleitet werden. Wie die unterschiedlichen Sinneseindrücke zu einer gemeinsamen Repräsentation der Welt verknüpft werden und wie das Gehirn Wahrnehmungen für den zukünftigen Gebrauch im Gedächtnis abspeichert, erforschen die Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler der RUB im Rahmen des SFB 874 („Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“). „Wir wissen enorm viel darüber, wie Sinnesinformationen wahrgenommen werden. Nicht ganz so viel, aber immer noch relativ viel wissen wir über Gedächtnisprozesse“, erzählt Prof. Manahan-Vaughan. „Wie die beiden Systeme sich vereinen, ist aber überhaupt nicht klar.“ Viele Professoren, die schon mehr als ein Jahrzehnt an der RUB sind, beschäftigen sich mit der Wahrnehmung von Sinnesinformationen, während die Gedächtnisforschung eher von der neueren Generation vertreten wird. So kam Prof. Manahan-Vaughan die Idee für den SFB 874: „Hier konnte man eine Symbiose zwischen der älteren und neueren Generation, aber auch zwischen zwei Forschungsbereichen entstehen lassen.“ Von der Zelle bis zum kompletten Menschen sollen Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozesse erforscht werden. Dabei ist das gesamte Spektrum der neurowissenschaftlich interessanten Methoden vertreten, von der Mikroskopie über die Elektrophysiologie bis zur Kernspintomographie.

Damit die Erkenntnisse der Hirnforschung nicht nur für Wissenschaftler interessant bleiben, setzen die Bochumer mit dem Programm „Outreach“, koordiniert von Prof. Manahan-Vaughan und Ursula Heiler, verstärkt auf Öffentlichkeitsarbeit. Aktuelle Forschungsergebnisse werden für Laien verständlich im monatlich stattfindenden Brain Café vermittelt. „Das Brain Café läuft wahnsinnig erfolgreich“, freut sich Ursula Heiler, „und wir werden auch jährlich eine größere Veranstaltung, den Brain Day, anbieten.“ Weiterhin geplant sind gemeinsame Projekte mit Schulen und Informationsveranstaltungen für Studierende, in denen die Möglichkeiten eines Studiums mit neurowissenschaftlichem Schwerpunkt erklärt werden („Neuroscience Explorer Days“).

 

SFB-Neustarts 2010

Gemeinsam mit dem Neuro-SFB 874 starteten im Juli 2010 zwei weitere neue Sonderforschungsbereiche an der RUB. Ziel des SFB 837 („Interaktionsmodelle für den maschinellen Tunnelbau“) ist es, realitätsnahe Computersimulationen für den Tunnelbau zu entwickeln, die eine zuverlässige Einschätzung möglicher Gefahren vor Baubeginn erlauben. Der SFB TR 87 („Gepulste Hochleistungsplasmen zur Synthese nanostrukturierter Funktionsschichten“) ist der Entwicklung neuer Schichtsysteme gewidmet, die in Zukunft z.B. die Speicherkapazität und Leistungsfähigkeit von Handys und Computern steigern könnten. „Mit insgesamt neun SFBs ist die RUB im Moment auf Platz vier der DFG-Hitliste“, freut sich Rektor Weiler. „SFBs sind für die Uni unheimlich wichtig, weil sie sie aus der Enge der einzelnen Disziplinen herausholen.“

Julia Weiler, Foto: Sponheuer | Themenübersicht