RUBENS Nr. 149 - 1. Februar 2011
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Bewegte Momente

25 Jahre Gleichstellung an der RUB: Ein GesprÄch mit der ersten und der aktuellen Beauftragten

Ehrenamtliche Senatsbeauftragte für Frauenfragen, hauptamtliche Frauenbeauftragte, Senatsbeauftragte für Gleichstellung, Gleichstellungsbeauftragte plus Gleichstellungsbüro – das Kind hatte schon viele Namen, aber immer nur ein Ziel: Frauen sollen (auch) an der Uni Männern gleichgestellt sein. Die RUB war 1986 die erste deutsche Hochschule, die ein solches Amt einführte und Dagmar Hiltscher war die erste Frau, die es ausübte. Seit Jahresbeginn ist Dr. Beate von Miquel ihre indirekte Nachfolgerin. Mit beiden sprach Arne Dessaul über 25 Jahre Gleichstellung an der Ruhr-Uni.

RUBENS: Warum wählen immer noch ausschließlich Frauen, wo es doch längst „Gleichstellungsbeauftragte“ heißt?
Beate von Miquel (BVM): Das hat zunächst einmal historische Gründe. Die Idee der Frauenbeauftragten stammt aus der Frauenbewegung: Frauen sollten ihre spezielle Interessensvertretung wählen. Bei diesem Grundsatz ist es bis heute geblieben, auch weil es in vielen Bereichen tatsächlich noch um die Gleichstellung von Frauen mit Männern geht – und nicht umgekehrt.
Dagmar Hiltscher (DH): Früher hätte ich in solchen Fällen gesagt: Ich kann mich nicht um alles kümmern. Die Männer sollen das gefälligst selbst in die Hand nehmen.

RUBENS: Wird sich das dennoch eines Tages ändern?
BVM: Es gibt ja schon jetzt immer wieder Diskussionsansätze dazu. Je näher wir der magischen 50%-Marke auf sämtlichen Hierarchieebenen kommen, desto größeren Raum wird das Thema einnehmen.
DH: Wenn wir das Ziel erreicht haben, eine komplette Gleichstellung, können wir auch gleich die Funktion der Gleichstellungsbeauftragten abschaffen.

„Es gab nichts“


RUBENS:
Frau Hiltscher, wie waren Ihre Startvoraussetzungen 1986?
DH: Es gab nichts und es hat uns niemand geholfen. Selbst die Wahl musste der Frauenkreis selbst organisieren. Es gab noch nicht einmal ein Büro. Später haben wir eines beantragt und bekommen, im Souterrain irgendwo in der I-Reihe, also im Keller. Auch alles andere mussten wir uns erkämpfen, zum Beispiel eine Verwaltungsangestellte als Mitarbeiterin. Uns ging es deshalb zunächst darum, Themen zu setzen, ganz grundlegend ums Sichtbarmachen von Frauen. Das Thema Gleichstellung war damals noch ganz weit weg. Wir mussten ja sogar noch darauf hinweisen, dass sich durchaus auch Professoren der sexuellen Belästigung schuldig machen können. Viele glaubten damals noch, dass ein Professor so etwas nicht macht – oder falls doch: er es darf. Weitere Themen waren die Sicherheit von Frauen an der Uni, Angsträume, die wir mit der Verwaltung bei den so genannten Mondscheinspaziergängen erkundet haben, Pin-ups in den Werkstätten, Frauenparkplätze, geschlechtsneutrale Sprache, Frauenförderpläne. Je nach Thema hat bisweilen auch das Autonome Frauen- und Lesben-Referat die Dinge angestoßen. Ich hatte zu denen immer einen guten Draht.
BVM: Einiges davon konnte ja wirklich verbessert werden, auch wenn es zum Beispiel diese Angsträume noch immer gibt und sich Studentinnen an der Uni keineswegs immer und überall sicher fühlen.
DH: Und manchmal muss erst ein Unglück geschehen: Frauenparkplätze gab es erst, nachdem im Parkhaus eine Frauenleiche in einem Kofferraum entdeckt wurde. Dieser Mord ging damals natürlich durch die Medien.
BVM: Das ist ja furchtbar. Und wer war das Opfer?
DH: Das Opfer war eine Studentin, der Täter kam von außerhalb. Es gab zu meiner Amtszeit noch einen weiteren spektakulären und traurigen Fall, als eine Verwaltungsangestellte von einem Wachmann vergewaltigt wurde. So schlimm es auch ist, aber erst durch solche Taten wird die Öffentlichkeit auf solche Probleme aufmerksam.

 

Bewusstsein geschÄrft

 

RUBENS: Würden Sie insgesamt Ihre Amtszeit als erfolgreich bezeichnen?
DH: Immerhin konnten wir das Bewusstsein schärfen für frauenspezifische Anliegen, auch im Rektorat. Konkrete Erfolge gab es auch, wie die Frauenparkplätze oder erste Ansätze bei der geschlechtsneutralen Sprache
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RUBENS: Sie haben 1991 aufgehört. Gab es einen bestimmten Grund?
DH: Ja. Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dass die Frauenbeauftragte maximal sechs Jahre amtieren soll. Also eine Studentinnen-Generation lang. Und dann wurden die Bedingungen für meine Arbeit immer schlechter. Die Stelle für meine Mitarbeiterin wurde gestrichen. Meine Anliegen wurden nicht mehr gehört. Wenn man die Dinge zehnmal im Senat und in den Kommissionen angesprochen hat, zum Beispiel zum Frauenförderplan, ohne dass es konkrete Antworten gibt, reicht es irgendwann. Ich habe dann 1991 aufgehört, eine Nachfolgerin ließ sich nicht finden, wir haben allerdings auch keine aufgebaut, bzw. von einer Wahl abgeraten, da die Bedingungen so schlecht waren. Somit war die Uni in Zugzwang und musste tätig werden und die Bedingungen verbessern. Erst dann hat sich Gudrun Schäfer zur Wahl gestellt.

RUBENS: Wie verfolgen Sie die Entwicklung der Gleichstellung an der RUB?
DH: Das würde ich niemals bewerten wollen. Jede Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragte setzt doch ihre eigenen Schwerpunkte.

RUBENS: Aber es hat sich doch allerhand getan!?
BVM: In jeden Fall. Viel. Wir haben inzwischen über 60 Gleichstellungsbeauftragte in den Fakultäten – eine Idee, die übrigens von Frau Hiltscher stammt und heute in allen Unis nachgeahmt wird. Wir haben Gleichstellungsprogramme auf allen Qualifikationsstufen etabliert und nachhaltig abgesichert. Alle kennen die Schülerinnen-Projekte, die Mentoring-Programme oder die Kinderferienbetreuung. Außerdem sind 50 Prozent unserer Studierenden weiblich, bei den Promovierenden sind es auch bereits 40 Prozent. Allerdings haben wir nur 18 Prozent Professorinnen an der RUB; bundesweit liegen wir damit nur im Mittelfeld.
DH (lacht): All diese Verbesserungen finde ich natürlich toll. Ich dachte, das muss ich nicht extra betonen.

 

Flaschenhals Post-Doc

 

RUBENS: Frau von Miquel, wissen Sie noch, was Sie 1986 gemacht haben?
BVM: Klar. Ich ging in Niedersachsen zur Schule, war sehr engagiert in der evangelischen Jugendarbeit und saß auch in verschiedenen Ausschüssen des Gemeinderates. Das war mein erster Kontakt mit politischen Gremien.

RUBENS: Es ist also keine Überraschung, dass Sie nun Gleichstellungsbeauftragte geworden sind?
BVM: Wenn man das Amt der Gleichstellungsbeauftragten auch als politisches Amt versteht, ist das keine Überraschung.

RUBENS: Welches sind Ihre wichtigsten Ziele für die nächsten drei Jahre?
BVM: Da ist zum einen die Nachwuchsförderung, speziell der Post-Doc-Bereich. Das ist der Flaschenhals, aus dem viele Frauen noch nicht herauskommen, um Professorin zu werden. Diese Qualifikationsphase ist sehr lang und vieles ist nicht geregelt. Außerdem werde ich mich zusammen mit Silvia Markard, der stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragten für Mitarbeiterinnen in Technik und Verwaltung, um Entgeltgerechtigkeit kümmern. Ein drittes Feld sind die gestuften Studiengänge, die die studentische Gleichstellungsbeauftragte Rita Thiessen aus eigener Erfahrung kennt. Wir werden uns die Bedingungen hier genau ansehen.

 


Vita Beate von Miquel

Beate von Miquel wurde 1968 in Uelzen (Niedersachsen) geboren. Sie studierte zwischen 1988 und 1995 in Marburg, Bonn, Göttingen und Bochum Evangelische Theologie, Politikwissenschaft und Geschichte und wurde 2001 an der RUB promoviert. Von 2001 bis 2007 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin in verschiedenen Drittmittelprojekten; ihre Forschungsschwerpunkte dabei waren: Kirchliche Zeitgeschichte, Unternehmens- und Geschlechtergeschichte. Ab 2008 war sie Wissenschaftliche Referentin im Gleichstellungsbüro der RUB und ab 2009 Mitarbeiterin in der Stabsstelle Interne Fortbildung und Beratung (IFB). Seit Januar 2011 ist Dr. von Miquel Hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte der RUB. Ihre Stellvertreterinnen sind Silvia Markard (für die Mitarbeiterinnen in Technik und Verwaltung) und Rita Thiessen (für die Studentinnen).



Zentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an der RUB

1986-1991 Dagmar Hiltscher
1991-1993 Dagmar Hiltscher (kommissarisch)
1993-1995 Gudrun Schäfer
1995 Prof. Dr. Gerda Lazarus (kommissarisch)
1995-1999 Monika Altenbeck
1999-2004 Andrea Kaus
2004-2006 Christine Kenning
2006-2010 Dr. Masha Gerding
ab 2011 Dr. Beate v. Miquel

 

JubilÄumsfest

Das Jubiläum „25 Jahre Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an der RUB“ wird am 23. Februar im Veranstaltungszentrum gefeiert; geladen sind u.a. alle bisherigen Beauftragten und die aktuellen rund 60 (dezentralen) Gleichstellungsbeauftragten in den Fakultäten. Neben Grußworten von u.a. Rektor Prof. Elmar Weiler und Dr. Beate von Miquel hält die derzeitige RUB-Honorarprofessorin Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann den Festvortrag. Das Thema der Theologin lautet: „Mann und Frau sind gleichberechtigt – noch Fragen?“; Weitere Infos gibt es im Gleichstellungsbüro bei Tiziana Gillmann, Tel.: -27837.

ad, Foto: Sponheuer | Themenübersicht