RUBENS Nr. 149 - 1. Februar 2011
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Forschend lernen: Studierende und Lehrende übersetzen erstmals lateinisches Klosterbuch

Im Seminarraum der Altphilologen laufen die Köpfe heiß. In kleiner Runde brüten acht Studierende und vier Dozenten über einer vergilbten Handschrift. Adm – was kann das heißen? Wer streitet sich da mit wem um Geld? Das Rätsel des Tages ist die handschriftliche Kopie einer Urkunde aus dem 17. Jahrhundert, Teil des „Liber Conventus“ des Franziskanerklosters in Recklinghausen. In diesem Buch hielten die Mönche alles fest, das ihnen bedeutend erschien. Bis heute hat es noch nie jemand übersetzt. Studierende und Lehrende des Instituts für Klassische Philologie holen das nun nach – frei nach dem Prinzip „forschend lernen“.

Der Liber Conventus, angelegt im Jahr 1704, schlummert normalerweise im Stadt- und Vestischen Archiv Recklinghausen. „Besonders ist eigentlich nicht das Amtsbuch an sich, von dessen Art es viele gab“, sagt Archivleiter Dr. Matthias Kordes, „sondern die Tatsache, dass es vollständig erhalten geblieben ist.“ Alle kirchlichen Einrichtungen führten so sorgfältig Buch, und ihre Aufzeichnungen waren von vornherein auf Langlebigkeit angelegt. Der altehrwürdige Liber Conventus hat rund 450 Seiten, einige davon leer – man plante auf Zuwachs. Inhalt sind die Geschichte des Franziskanerklosters in Recklinghausen, die zum Ende des 30-jährigen Krieges begann und mit Vertreibung, Flucht und Wiederkehr dramatische Züge hat, aber auch alles andere Erwähnenswerte wie päpstliche Erlasse, Urkunden und Briefe der Ordensoberen, alle handschriftlich kopiert: Das Archiv des Franziskanerkonventes in Recklinghausen ruht kompakt zwischen zwei Buchdeckeln.

Die Texte sind augenscheinlich von verschiedenen Personen geschrieben worden, die Handschriften lassen es erkennen. Sie sind eine echte Herausforderung für die kleine Gruppe der Tüftler im Seminar. „Die Schrift zu entziffern, macht fast mehr Spaß als die eigentliche Übersetzung“, findet Simon Puschmann, der an der Schwelle zum Masterstudium steht. Heute ist sein Referat dran, er hat sich zu Hause mit einem päpstlichen Erlass beschäftigt, in dem Papst Clemens XII. (Amtszeit 1730-1740) bestimmte Regelungen seines Vorgängers Benedikt XIII. (Amtszeit 1724-1730) teilweise bestätigt, und somit wohl Verwirrungen ausräumt, die durch die Rücknahme einiger Einzelheiten älterer Regelungen aufgekommen waren.

Eine Seite – ein Satz

Die ellenlangen und verschachtelten Sätze haben es in sich. „Die päpstlichen Schreiben sind besondere Herausforderungen, weil man an der römischen Kurie natürlich die Top Ten der lateinkundigen Notare und Urkundenschreiber verpflichtete“, erklärt Matthias Kordes. Simon Puschmann kann davon ein Lied singen, seine Sitznachbarin erst recht: Sie geriet gar an ein Dokument, das, obwohl eine ganze Seite lang, nur aus einem einzigen Satz besteht. Zwei Tage Arbeit kostete sie die Übersetzung.

Da tröstet es, dass auch die Dozenten ran müssen: Auch sie halten Referate, und so ist auch Matthias Kordes heute an der Reihe. In seinem Text geht es – wie häufig – um Geld: Welche Niederlassung der Franziskaner soll Einkünfte aus einer kleinen, aber offenbar einträglichen Kapelle in Horneburg erhalten? Recklinghausen oder Dorsten? Beide kümmern sich um die Kirche, Recklinghausen vor allem im Winter, weil dann die Wege schlecht und es von dort aus näher ist als von Dorsten.

Zum Franziskanerkonvent Dorsten gehörte die Vikarie in Horneburg von Alters her. Der Ordensobere, der die Urkunde verfasst, hatte sich selbst ein Bild von der Lage gemacht und verfügt einen Vergleich. 20 Reichstaler im Jahr bekommen die Recklinghäuser Mönche, der Rest geht nach Dorsten. „Für einen Taler bekam man ein Pferd oder Rind – da war das nicht wenig“, meint Dr. Kordes.

Betrunkene Pfarrer

Solche Visitationsberichte waren übrigens nicht selten, erklärt er, und gelegentlich gewähren die entsprechenden Quellen lebensnahe Einblicke in die Welt vergangener Jahrhunderte. „Manchmal finden die Herren da auch betrunkene Pfarrer mit Alkoholproblem vor oder verwahrloste Friedhöfe, auf denen die Wildschweine Skelette ausbuddeln.“

So hoch her ging es in Horneburg 1664 nicht. Trotzdem lernt man nebenbei eine Menge über die damaligen Gepflogenheiten. Dass gleich vier Dozenten da sind, kann da nicht schaden, auch wenn letztlich alle rätseln müssen. „Das ist das Tolle hier, dass eigentlich keiner mehr weiß als der andere und alle zusammen am Text arbeiten“, sagt Seminarleiter Dr. Wolfgang Polleichtner. „Das ist ja viel interessanter, als wenn man einfach bei Reclam nachschlagen kann“, meint auch Student Simon Puschmann.

Die Latein-Lehrenden Theodor Lindken und Gabriele Schwabe opfern für das Seminar ihre Freizeit. Für die Studierenden gehört es zum Wahlpflichtbereich im fortgeschrittenen Bachelor-Studium oder im Masterstudiengang MARS (Medieval and Renaissance Studies). Weil Studierende hier gemeinsam mit Lehrenden Forschung treiben, erhält es eine Förderung aus dem Rektoratsprogramm „Forschendes Lernen“. Fernziel ist natürlich eine Publikation, „denn es wäre ja witzlos, wenn wir hier nur für den Schnellhefter arbeiten würden“, so Dr. Polleichtner.



1. Publikation

Eine Publikation ist aus der Zusammenarbeit von Dr. Polleichtner, Dr. Kordes und RUB-Studierenden schon hervorgegangen: Sie übersetzten erstmals eine ganze Reihe Urkunden auf Pergament, die das Stadtarchiv Recklinghausen verwahrt. Am 18. Januar wurde die Veröffentlichung in der Vestischen Zeitschrift öffentlich vorgestellt (Band 103/2010/11), s. Rubens 131.

md, Foto: Nelle | Themenübersicht