RUBENS Nr. 148 - 3. Januar 2011
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Globale Gesundheit

RUB-Psychologin Adina Rusu war Co-Sprecherin der Global Young Faculty-Health Group

Wie kann man erreichen, dass alle Zugang zu medizinischer Versorgung haben, auch in Entwicklungsländern? Diese Grundfrage stand im Mittelpunkt der Aktivitäten der interdisziplinären Gruppe „Health“ der Global Young Faculty (GYF). Nachwuchsforscher aller Ruhrgebietsunis und aus außeruniversitären Forschungsinstituten nahmen an dem von der Mercator-Stiftung, KWI und Volkswagen-Stiftung geförderten Projekt teil. Gemeinsam mit Dr. Stefan Raunser (MPI für Molekulare Physiologie, Dortmund) war Juniorprofessorin Dr. Adina Rusu Sprecherin der Gruppe. Sie ist erst seit kurzem zurück an der RUB und forscht über den Zusammenhang von Depressionen und chronischen Schmerzen.

„Am Anfang war das Chaos“, berichtet sie über das erste Treffen der GYF-Gruppe, doch schon ab der zweiten Zusammenkunft gewann die Gruppe an Struktur. Als Motto wählte sie „Equitable Global Health“ (Gerechte globale Gesundheit). Vier Untergruppen beschäftigten sich mit Krebs, Infektionskrankheiten, Gesundheitssystemen, sozialer Ungleichheit und Gesundheit. Neben der üblichen Arbeit – Adina Rusu kümmert sich um den Aufbau ihrer Arbeitsgruppe in der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie – diskutierten die Teilnehmer ihr Thema und organisierten ein internationales, interdisziplinäres Symposium. Nach einem Jahr Zusammenarbeit stellten sie die Quintessenz ihrer Arbeit vor: elf Thesen zur gerechten Gesundheitsversorgung für alle (s. Kasten). Vorgestellt wurden sie bei der Konferenz „Our Common Future“, die als Höhepunkt der Global Young Faculty Ende des Jahres in Hannover und Essen stattfand.

Schmerz und Depression


Inzwischen widmet sie sich wieder voll und ganz ihrer eigentlichen Forschertätigkeit. Sie will dem Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen und Depressionen weiter auf den Grund gehen – ein Gespann, das oft gemeinsam auftritt. 30 bis 50 Prozent aller Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, sind auch depressiv. „Man weiß natürlich nicht, was zuerst da ist, der Schmerz oder die Depression“, sagt Adina Rusu, „es ist ein klassisches Henne-Ei-Problem. Auf jeden Fall entsteht ein Teufelskreis.“ Denn der Schmerz behindert die Patienten im Alltag und ihren sozialen Aktivitäten und das macht depressiv. Die Depression wiederum nimmt den Patienten den Antrieb, den sie brauchen, um gegen ihre Schmerzkrankheit anzugehen.

Nach ihrem Psychologie-Studium an der RUB schrieb Adina Rusu ihre Doktorarbeit an der University of London über dieses Thema. In einem ihrer Experimente konfrontierte sie u.a. vier Gruppen mit verschiedenen Wortklassen: Patienten mit chronischen Schmerzen (meist Rückenschmerzen) und Depressionen, Patienten mit Schmerz ohne Depression, Patienten mit Depressionen ohne Schmerz und zur Kontrolle in der vierten Gruppe ganz gesunde Probanden. Zu den Wortklassen gehörten positive und negative Wörter, auf Gegenwart und Zukunft bezogen, die neutral, depressiv oder gesundheitsbezogen waren. Die Probanden gaben jeweils an, ob das Wort auf sie zutraf. Beispiele waren etwa „gesund“, „ungeliebt“, ineffektiv“.

Nach diesem Teil des Experiments gab es eine Pause, in der die Teilnehmer zwei Minuten Kopfrechnen mussten um sich abzulenken. Anschließend fragte Rusu ab, an welche Wörter sie sich noch erinnerten. „So kann man die automatische Informationsverarbeitung von Patienten untersuchen, so genannte kognitive Schemata“, erklärt sie. „Man erfährt, was bei den Patienten haften bleibt.“ Es zeigte sich, dass bei nicht-depressiven Schmerzpatienten das Selbstwertgefühl von der Schmerzkrankheit nahezu unbeeinträchtigt bleibt, während bei den depressiven Schmerzpatienten die Erkrankung das Selbst in Mitleidenschaft zieht.

Auf lange Sicht will Adina Rusu auf der Grundlage dieser Befunde neue Therapien für depressive Schmerzpatienten entwickeln, deren Ziel es sein soll, Krankheit und Selbst zu entzerren und so ein positives Selbstwertgefühl und eine bessere Lebensqualität trotz des Schmerzes zu erreichen. md

Infos: http://www.equitable-global-health.de

 

Die elf Thesen

  1. Infektionskrankheiten müssen durch globale Impfungen unter Kontrolle gebracht werden.
  2. Der Beseitigung von Virusinfektionen durch Impfung stehen viele Hindernisse im Weg, wie z.B. logistische Schwierigkeiten, den Impfschutz in tropischen Entwicklungsländern zu gewährleisten oder niedrige Compliance (Befolgen von ärztlichen Ratschlägen) der Bevölkerung in westlichen Ländern.
  3. Investitionen in die Krebsprävention sind von entscheidender Bedeutung. Die Reduktion von Risikofaktoren durch Lifestyle-Änderungen ist eine globale Herausforderung.
  4. Wir brauchen mehr Grundlagen und transnationale Forschung zum Verständnis der pathophysiologischen Mechanismen bestimmter Krebsarten.
  5. Ungerechte Gesellschaften sind ungesunde Gesellschaften.
  6. Es gibt ein großes Potenzial, um soziale Ungleichheiten in Sachen Gesundheit zu bekämpfen.
  7. In Deutschland sind Politiker und andere Akteure nicht gut darauf vorbereitet, soziale Ungerechtigkeiten im Public Health Bereich zu bekämpfen.
  8. Wir müssen eine gemeinsame Basis finden, auf der wir die Priorisierung des Gesundheitswesens weiterentwickeln können.
  9. Um die Gesundheit in Entwicklungsländern zu verbessern, ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich.
  10. Die Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern muss innerhalb der lokalen Kommunen vorangetrieben werden.
  11. Der Zugang zu Impfungen und Medikamenten in Entwicklungsländern ist zu verbessern.


Vita Adina Rusu
Seit dem Sommersemester 2010 besetzt Dr. Adina Rusu die Juniorprofessur „Medizinische Psychologie mit Schwerpunkt neurokognitive Schmerzforschung bei muskuloskelettalen Erkrankungen“ in der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie (Medizinische Fakultät). Die Psychologin hat an der RUB studiert (Diplom 2002) und absolvierte anschließend eine Weiterbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie zur Psychologischen Psychotherapeutin (2005) sowie zur Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin (2004). Mit einem Promotionsstipendium der Friedrich-Ebert Stiftung promovierte sie an der University of London zum Thema „Cognitive biases and future thinking in chronic pain“ (2008). Danach wechselte sie zurück nach Bochum und war als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. Assistentin am Lehrstuhl für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie (Prof. Monika Hasenbring) tätig. Seit 2007 ist Rusu Associated Researcher an der Lifespan Research Group, Royal Holloway und seit 2008 Postdoctoral Researcher am Dep. of Psychology, Royal Holloway, University of London. Ihre Schwerpunkte liegen in der neurokognitiven Schmerzforschung und psychologischen Schmerztherapie.

md, Foto: Marion Nelle | Themenübersicht