RUBENS Nr. 148 - 3. Januar 2011
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40 Jahre IPS

RUB-Erfolgsmodell in der Geschichtswissenschaft

Wer an der Ruhr-Uni Geschichte studiert, muss das Integrierte Proseminar, kurz IPS, absolvieren. Das Modell einer Veranstaltung, die über zwei Semester läuft und unter einer Epochen-übergreifenden Fragestellung steht, ist eine Bochumer Besonderheit. Seit 40 Jahren wird das IPS nun erfolgreich an der RUB durchgeführt und inspiriert sowohl Studierende als auch Dozenten. Die IPS-Dozenten Dr. Meret Strothmann und Prof. Dr. Dieter Scheler sprechen über ihre Erfahrungen.

„Essen und Trinken“, „Der Rhein“ oder „Spiele-Turniere-Sport“ sind einige IPS-Themen, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Das IPS-Team wählt Themen aus, die in allen drei Teilepochen der Geschichte behandelt werden können. Eine junge Generation von Dozenten rief kurz nach Gründung der RUB das Integrierte Proseminar ins Leben, erinnert sich Prof. Dieter Scheler, der aus dieser Gründergeneration stammt. Das erste IPS fand um 1970 statt. Heute gibt es zehn Gruppen mit mindestens 35 Teilnehmern. Im Sommersemester sind es ungefähr 150 Studierende. „Das sind 500 bis 600 Studierende, die das IPS jedes Jahr beginnen“, fasst Meret Strothmann, Dozentin mit dem Fachbereich Antike, zusammen. Von den angemeldeten Studierenden fällt bis zum Ende des IPS ein Drittel weg. „Das Seminar ist schon arbeitsintensiv und nicht geeignet für Studierende, die nur ein Nebenfach brauchen“, erklärt Dieter Scheler. Für das Fach Geschichte sei es eine Art „natürliche Selektion“.


Fit fürs 2. Jahr


Bis vor 14 Jahren liefen noch sog. Epochen-Proseminare parallel zum IPS. In drei Semestern wurde jede Epoche (Antike, Mittelalter, Neuzeit) einzeln behandelt. „Diese Seminare hatten nichts miteinander zu tun. Das IPS ist da viel praktischer“, sagt Meret Strothmann. Dieser Meinung ist auch Dieter Scheler: „Das waren Trockenkurse, in denen nur Bibliografieren, Zitieren und ähnliches gelehrt und gelernt wurde.“ Diese theoretischen Fachkenntnisse sind im IPS nicht verloren gegangen, sondern können direkt an einem konkreten Beispiel angewandt werden. In zwei Semestern sollen unter einer Fragestellung Methoden und Inhalte des Faches Geschichte vermittelt werden. Dabei teilen sich die Antike und das Mittelalter ein Semester. Das andere Semester ist für die Neuzeit reserviert. „Das war anfangs unbeliebt, weil klar war, dass nicht jede Epoche so stark berücksichtigt werden kann, wie in einem einzelnen Epochen-Proseminar“, erinnert sich Dieter Scheler.

Aber Studierende sollen durch die Veranstaltung mit allen Epochen einmal in Berührung gekommen sein. „Sie sollen Geschichte als ganzes Fach kennenlernen“, erklärt Dieter Scheler. „Ich persönlich habe über die Alte Geschichte nur durch meine IPS-Kollegen erfahren. Bei mir gab es noch keine richtige Studienordnung“, erinnert er sich und lacht; Scheler selbst vertritt den Bereich Späteres Mittelalter. Durch die B.A./M.A.-Studiengänge hat sich für Geschichtsstudierende nicht viel verändert. Die Anforderungen sind gleich geblieben. Das Ziel sei es, die Teilnehmer fit zu machen für das zweite Studienjahr. Das schnelle Einarbeiten könne auch im späteren Beruf von Vorteil sein – nicht nur als Historiker. Da auch ein Tutorium und eine Exkursion Bestandteil des IPS sind, ist die Veranstaltung seit der Modularisierung ein komplettes Modul und bringt den Studierenden zwölf credit points ein.


Fahrt nach Xanten


„Die Exkursion nach Xanten steht unter dem Motto: Vom Sehen zum Verstehen“, sagt Meret Strothmann. Die Fahrt vermittle Geschichte zum Anfassen und sei ein lebendiges Element des IPS. Frei nach dem Motto: Raus aus der Uni, rein in die Geschichte. Die Xanten-Fahrt besteht seit Beginn des IPS. „Nur die Häuser, in denen wir übernachten, ändern sich.“ Seit etwa zehn Jahren ist die Wasserburg in Rindern Übernachtungsort. Die Fahrt sei kein starres Konstrukt. Das Dozenten-Team gehe auf Ideen und Anregungen von Studierenden ein und ändere bei Bedarf auch Programmpunkte. Dabei soll der soziale Aspekt nicht zu kurz kommen. „Manche Studierende, die sich im IPS kennengelernt haben, haben später geheiratet. Ist alles schon vorgekommen“, sagt Meret Strothmann. Seit rund fünf Jahren gibt es für die Exkursion einen Internetkurs, in den wichtige Materialien eingestellt und wo Zielorte der Exkursion vorgestellt werden.

Das begleitende Tutorium greift Inhalte des Seminars auf und vertieft sie. Die Teilnehmer wenden Hilfswissenschaften an und üben, Quellen richtig zu zitieren, Fachliteratur zu finden und Formalitäten für Hausarbeiten und Referate einzuhalten. Die Tutoren sind zudem ein Bindeglied zwischen Studierenden und Dozenten. Sie sollen das eigenständige Arbeiten fördern. Auch eine Führung durch die Universitätsbibliothek gehört zum Tutorium. Die Übungsgruppe bereitet nicht nur auf das Fach Geschichte vor, sondern mindestens auch auf das Zweitfach, wenn nicht sogar für das spätere Berufsleben.

Meret Strothmann und Dieter Scheler haben in den zahlreichen Jahren IPS viele Erfahrungen und Veränderungen gemacht. „Der politische Hintergrund beim IPS hat sich geändert“, erklärt Scheler. Das erste Seminar direkt nach den 68ern hatte das Thema „Unterschichten“. Das sei das Thema der Studierenden gewesen. „Wir sitzen nicht im altbekannten Elfenbeinturm. Wir müssen solche Themen aufgreifen, weil wir wollen, dass Studierende politisch handlungsfähig werden“, sagt der Honorarprofessor. „Bei einer Exkursion habe ich mit einem Studierenden über die Interpretation von Karl Marx diskutiert “, erinnert er sich. Das käme heute nicht mehr vor. Ein anderer Studierender habe immer schlechte Noten bekommen, nur beim Thema „Ritter und Ministerialität“ hätte er auf einmal eine gute Arbeit abgeliefert. Es stellte sich heraus, dass er leidenschaftlicher Fantasy-Fan war. „Er hatte sich allein aus eigenem Interesse mit dem Thema beschäftigt. Viele haben ihre Schwerpunkte erst durch ein IPS gefunden“ erklärt der Professor. Bestes Beispiel dafür sei Dr. Hubert Schneider, der vor kurzem sein Buch über die „Judenhäuser“ in Bochum vorstellte. Ein anderes Beispiel ist Andrea Löw, die ihr Buch „Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten“ schrieb. Sie war Studentin bei Hubert Schneider, der viele Integrierte Proseminare zum Thema Juden gehalten hatte. Erst durch das IPS hat sie das Thema entdeckt. „Natürlich ist nicht das IPS an sich dafür verantwortlich, aber es kann Studierende auf Themen aufmerksam machen, mit denen sie sich beschäftigen wollen“, sagt Dieter Scheler.


Sozialer Aspekt


Die Studierenden sind mit der Veranstaltungsform zufrieden. Nikolai Ingenerf (22) studiert Geschichte und Politikwissenschaft. Er hat das IPS durchlaufen und gute Erinnerungen: „Das IPS kommt den Erstsemestern sehr entgegen, weil es eine gute Orientierung bietet. Man lernt schnell neue Leute kennen und fühlt sich gut aufgehoben.“ Das Leistungspensum werde zwar als sehr intensiv beschrieben, jedoch sei das durch regelmäßige Mitarbeit kein Problem. Sein Fazit: „Das fachliche und handwerkliche Wissen hilft in den meisten Fällen auch im zweiten Fach.“

Das IPS ist ein Bochumer Modell. Eine vergleichbare Veranstaltung gibt es nur in Göttingen. Andere Universitäten kennen es zwar, jedoch sei es mit einem großen Organisationsaufwand verbunden. Der Vorteil in Bochum war, dass das Integrierte Proseminar fast seit Beginn der RUB existierte. Nun wird die Bochumer Besonderheit im Fach Geschichte 40 Jahre alt, ist aber noch lange nicht eingerostet. Engagierte Studierende und Dozenten verbessern die Lehrveranstaltung immer weiter und füllen sie mit Leben.

Thorben Sommer, Foto: Marion Nelle | Themenübersicht