SPaghetti auf Farsi
Zusammenleben der Kulturen im Studierendenwohnheim Roncalli-Haus
Wer sich für andere Sprachen und Kulturen interessiert, kommt im Roncalli-Haus Bochum auf seine Kosten. Dort leben zur Hälfte deutsche und ausländische Studierende, woraus sich ein äußerst multikultureller Alltag ergibt.
Es ist halb sieben am Morgen in der Küche des Roncalli-Haus Bochum und schon treiben die ersten Frühaufsteher ihr Unwesen. Zwei Hausbewohner begrüßen sich auf Russisch. Ein anderer schlurft mit Headset ausgestattet in die Küche und führt scheinbar Selbstgespräche auf Chinesisch. Aus dem Wok steigt, viel zu früh am Tag, der Geruch von süßsaurem thailändischem Hühnchenfleisch.
Hälfte, Hälfte
Wozu eigentlich ein Auslandssemester organisieren, wenn man Multikulturalismus pur genauso gut in einem Studentenwohnheim vor Ort haben kann? Aufgrund der vielen ausländischen Studierenden, die an der RUB entweder ein Auslandssemester oder ihr ganzes Studium absolvieren, gibt es in den universitäts-nahen Studentenwohnheimen, wo man relativ günstig und praktisch wohnen kann, einen hohen Ausländeranteil. So auch im Roncalli-Haus in der Laerheidestraße, wo aus integrationstechnischen Gründen laut Heimleiterin Barbara Weiser darauf geachtet wird, dass die Etagen in etwa zur Hälfte von ausländischen und zur Hälfte von deutschen Studierenden bezogen werden, um zu vermeiden, dass sich, wie in manchen anderen Wohnheimen, homogen-nichtdeutsche Subkulturen bilden, was dem Kennenlernen deutscher Kultur eher abträglich wäre. Das Ergebnis ist ein buntgemixter Kulturcocktail, den man im Etagenleben rund um die Uhr zu kosten bekommt.
Sobald man sein eigenes Zimmer verlässt und sich in den Aufenthaltsraum begibt, der aus einer großen Küche, einem Esstisch und einer Couch-Ecke besteht, kann es schon mal passieren, dass man vom Kulturschock getroffen wird. Wenn einen zum Beispiel aus dem Waschbecken plötzlich ein toter Krebs anglubscht. Oder auf dem Herd schon seit zehn Stunden Eier in Teesauce köcheln. Abends verwandelt sich der Gemeinschaftsraum gerne mal in eine indische Reisküche, mit kreischendem Dampfkocher, exotischen Düften, Diskussionen über Geschlechtergleichberechtigung und Geschichten vom indischen Drachenfest und dem Nachtleben Mumbays.
Wok am Morgen
Dabei muss man sich manchmal in Toleranz üben – z.B. der Geruch eines feurig gewürzten Wok-Essens kann einen Deutschen am Morgen schon mal etwas überrumpeln. Das hängt allerdings auch mit der kulturellen Perspektive zusammen – so sagt zum Beispiel Hui Zhiang aus Peking, der in Bochum Bauingenieurwesen studiert: „Morgens warm zu essen ist doch ganz normal. Aber abends kalt zu essen ist komisch, bei uns in China isst man da immer warm!“
Englisch ist die zweite, wenn nicht sogar die erste Etagensprache. Darüber hinaus könnte man, je nach eigenen Fähigkeiten und Interesse und abhängig von der nationalen Zusammensetzung, in manchen Stockwerken an einem Durchschnittsabend auf fast so vielen Sprachen kommunizieren, wie es Bewohner gibt. Klaus, 22, Romanistikstudent, meint: „Eigentlich ist das Wohnheim ideal – wenn ich Lust habe, Italienisch zu reden, muss ich einfach ein Stockwerk tiefer gehen.“
Daraus folgen natürlich für Sprachinteressierte oder gerade Studenten von Studiengängen mit Fremdsprachenanteil hervorragende Möglichkeiten, um sogar im Alltag z.B. Chinesisch oder Russisch, aber auch Hindu oder Farsi anzuwenden – z.B. beim gemeinsamen Kochen von „Reshte“ (Spaghetti auf Farsi). Aber im Umgang mit Ausländern lernt man auch die Schwierigkeiten der eigenen Sprache besser kennen. So gibt es beispielsweise im Russischen keine Artikel, was russische Muttersprachler beim Deutschlernen mit einer völlig neuen Sprachdimension konfrontiert: „Die deutschen Artikel sind total unlogisch – da muss man alles auswendig lernen!“, schimpft Antonio, 23, aus Moskau.
Ping-Pong im Keller
Wer seinen Spieltrieb ausleben möchte, kann dies im Keller des Roncalli-Hauses am Tischkicker oder beim Ping-Pong tun – mit etwas Glück vielleicht sogar mit einem chinesischen Mitbewohner. Außerdem bietet die gemütliche Heim-Bar eine ideale Atmosphäre zum sozialen und interkulturellen Austausch. Im Alltag mehrerer Kulturen auf den Etagen findet dieser Austausch sehr intensiv statt und man fühlt sich manchmal ähnlich wie bei einem Auslandsaufenthalt.
Dabei könnte man das Etagenleben entweder fast schon als Normalität im globalen Dorf bezeichnen oder aber als Training der interkulturellen Kompetenz, um das man weder beim gemütlichen Pokerabend, noch beim Teekochen oder Fernsehen wirklich herumkommt. Übung im Zusammenleben mit anderen Kulturen also, die – wenn man dem aktuellen gesellschaftlichen Diskurs Bedeutung beimisst – immer mehr zu einer Schlüsselkompetenz im deutschen Alltag zu werden scheint, auch im Alltag der Studierenden.
Text & Foto: Martin Breitmaier | Themenübersicht

