RUBENS Nr. 147 - 1. Dezember 2010
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Der SchlÜssel zum Balkan

Stefan Isaak Schaak koordiniert das Projekt „Balkan Kolloquium Bochum“


Die Herzenssache von Stefan Isaak Schaak (Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaften der RUB) ist Südosteuropa. Fördergelder gibt es für diesen Studienschwerpunkt jedoch kaum. Mit dem „Balkan Kolloquium Bochum“ hat der Lehrbeauftragte deshalb eine preiswerte Online-Plattform entwickelt. Hier arbeiten seit dem WS 10/11 Studierende, Lehrende und Externe interdisziplinär zusammen. Für seine kreative Idee bekam Schaak einen Preis beim RUBeL-Wettbewerb „5x5000“. Auch darüber sprach er mit Arne Dessaul.


RUBENS: Beim Stichwort „Balkan“ denken einige womöglich nicht zu allererst an Orient oder Islam. Wie kommt es, dass Ihr Balkan-Projekt am Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaften angesiedelt ist?
Schaak: Gegenfrage: Wer kümmert sich denn sonst darum? In Frage kämen die Historiker, die es gewiss hier und da tun. Oder die Slawisten, aber die sind auf Russland und Polen fixiert. Insgesamt ist der Balkan zu lange in einer politischen bzw. sozialistischen Dimension betrachtet worden. Dabei ist das Osmanische Erbe, also gerade auch der Islam, ein Schlüssel zum Verständnis dieses ominösen Balkan. Wenn man durch mazedonische Städte geht, fragt man sich bisweilen: Wo ist der Sultan? In Teilen Bosniens ist das ähnlich. Hinzu kommt, dass Orientalisten sehr flexibel sind.

Kostengünstige Regionalstudien

RUBENS: Können Sie das Projekt kurz skizzieren?
Schaak: Ich zeige einen kostengünstigen Weg interdisziplinärer Regionalstudien. Bei der derzeitigen Diskussion in Deutschland ist es sicherlich auch nicht verkehrt, sich wissenschaftlich mit dem Islam zu beschäftigen. Innerhalb des Projekts würde ich hier drei wesentliche Dimensionen nennen: Erstens können die Studierenden online wissenschaftlich arbeiten. Zu den 90 Minuten Präsenz pro Woche kommen zahlreiche Formen von eLearning: Chatten, Foren, Datenbanken, Blogs usw. Zweitens gibt es die Möglichkeit, Seminare und Dozenten verschiedener Standorte zusammenzuführen, ob nun in Tübingen oder Berlin. Und drittens können wir über frei zugängliche Plattformen wie Facebook auch externe Akteure mit Praxisbezug hinzuholen; aktuell arbeiten wir mit einer bosnischen NGO zusammen.

RUBENS: Welche Seminare bieten Sie aktuell auf der Plattform an?
Schaak: Eines zu Krieg und Frieden in Bosnien-Herzegowina. Da ist die gerade genannte NGO beteiligt, die wiederum mit der evangelischen Kirche in Essen-Kray kooperiert. Dort werden wir am 12. Februar die Ergebnisse des Seminars öffentlich präsentieren. Beim anderen Seminar, Stadt und Islam, sollen sich die Studierenden in ihren Heimatstädten nach muslimischem Alltagsleben umschauen. Wir wollen mit islamischen Gemeinden und auch mit der evangelischen Pauluskirche in der Bochumer Innenstadt zusammenarbeiten.

RUBENS: Wie ist die Resonanz?
Schaak: Sehr groß. Im Seminar sitzen knapp 30 Studierende, dafür ist der Raum beinahe zu klein.

RUBENS: Im letzten Semester haben Sie für Ihr Projekt einen Preis gewonnen?
Schaak: Ja, beim RUBeL-Wettbewerb 5x5000. Dadurch habe ich für die nächsten beiden Semester 2.500 Euro für das Projekt zur Verfügung. Ich finanziere davon jeweils eine studentische Hilfskraft mit vier Wochenstunden.

RUBENS: Ebenfalls im letzten Semester haben Sie eine Übung angeboten, die unter dem Stichwort „Balkan-Tagebücher“ stand. Worum ging es da?
Schaak: Es ist ein fester Bestandteil meiner Seminare, dass ich Blogs schreiben lasse. Diesmal konnten die Studierenden zu selbst gewählten Balkan-Themen bloggen, drei der Blogs laufen noch immer. Mir geht es vor allem darum, dass die Studierenden schreiben, mit einer gewissen Freiheit und ohne Notendruck. Deshalb gibt es auch in den beiden aktuellen Seminaren wieder acht Blogs.

Die wahren Europäer

RUBENS: Woher kommt Ihre Liebe zum Balkan?
Schaak: Die Menschen. Das Essen. Die Musik. Ehrlich, die Menschen dort sind großartig. Für mich die wahren Europäer. Wenn ich allein an die Sprachkenntnisse denke: Alle dort sprechen viele verschiedene Sprachen: die Muttersprache, die Sprachen der Nachbarländer, sehr oft Deutsch, immer häufiger auch Englisch. Schön finde ich auch, dass die Menschen auf dem Balkan staatliche und soziale Strukturen nicht so furchtbar ernst nehmen. Sie sind nicht so angstbesetzt wie wir. Wir zittern ja schon, wenn uns der Chef mal böse anschaut. Das Essen mag ich einfach und auch die Musik, einen Mix aus einheimischen Klängen mit Rock und Pop. Meine Begeisterung für den Balkan wird immer größer.

RUBENS: Seit wann geht das so?
Schaak: Schon seit vielen Jahren. Wissenschaftlich komme ich zwar aus der Slawistik, bin aber vor vier Jahren auf Anregung von Prof. Stefan Reichmuth in der Orientalistik gelandet. Bei ihm schreibe ich auch meine Dissertation.

RUBENS: Worum geht da?
Schaak: Um meine Lieblingsthemen: um das Stadtleben und um religiöse Erfahrungswelten mit Schwerpunkt Islam. Ich kann durch viele interessante Städte reisen und darüber schreiben.

RUBENS: Ein ganz anderes Thema ist Ihr Engagement im Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaften, wo Sie Dozenten-Treffen organisieren.
Schaak: Das sind mehr so informelle Treffen einmal im Monat. Wer kommen mag, der kommt. Das soll bloß nicht irgendwie verpflichtend oder institutionalisiert sein, eher nach dem Motto: Wenn Menschen miteinander reden, dann kann das Spaß machen. Wir Dozenten haben ja im Grunde alle die gleichen Aufgaben, Probleme und Lösungen. Bei den Treffen soll es aber bitteschön nur Lösungen geben: Was funktioniert bei Dir?


Balkan Kolloquium

Das Konzept des „Balkan Kolloquiums“ beruht auf der Entwicklung einer Internet-Studienplattform für Seminare, Vorlesungen und Übungen mit Balkan-Bezug und umfasst unterschiedliche Dimensionen der thematischen Auseinandersetzung. Die Plattform dient nicht nur als Sammelpunkt für alle Arten von Recherchen und Forschungsergebnissen aus und über laufende Veranstaltungen, sondern vernetzt auch die Teilnehmer verschiedener Kurse untereinander sowie mit unterschiedlichen beteiligten Projektpartnern.

ad, Foto: Schaak | Themenübersicht