Der Pure LUXUS
Wiwi-Seminar beleuchtet das LuxusgÜtermarketing
Hier die Obdachlosenzeitung BODO, dort Luxusgüter wie Uhren und Autos – in den Veranstaltungen des Marketing-Lehrstuhls werden die Studierenden mit Extremen konfrontiert. „Wer mit diesen außergewöhnlichen Märkten zurechtkommt, der versteht auch alles, was dazwischen liegt”, erklärt Lehrstuhlinhaber Prof. Jan Wieseke. Im aktuellen und an deutschen Universitäten einmaligen Seminar „Luxusgütermarketing” schnuppern die Studierenden in die Welt von Gucci & Co. Repräsentanten dieser Unternehmen kommen zu Vorträgen an die Uni, später fahren die Studierenden zu den Firmen und analysieren deren Marketingstrategien.
Wenn 29 Studierende freiwillig und mit nicht nachlassendem Elan dienstags bis weit nach 21 Uhr im Seminarraum sitzen, muss ihnen schon etwas Besonderes geboten werden. Sie hören ab 18 Uhr zunächst Frank Beske zu. Der Brandmanager der Firma Lange Uhren erzählt den Studierenden, warum eine Uhr von Lange & Söhne so exklusiv ist und was es überhaupt mit dem Uhrenhersteller aus dem Erzgebirge auf sich hat. Direkt danach gibt’s den Kick-off für das komplette Seminar „Luxusgütermarketing”. Denn neben Frank Beske kommen im Laufe des Semesters noch weitere Firmenrepräsentanten an die RUB: u.a. von Gucci, Rolls Royce oder Alno Küchen.
Vorurteile abbauen
„Es hätten auch mehr als 29 sein können”, erklärt Sascha Alavi. Der Doktorand leitet das Seminar gemeinsam mit Prof. Jan Wieseke und war vorab für die Auswahl der Studierenden verantwortlich. Über 60 hatten sich beworben, inkl. Lebenslauf und Motivationsschreiben. Einige von ihnen haben im letzten Wintersemester ein Seminar besucht, in dessen Mittelpunkt die Obdachlosenzeitung BODO stand (RUBENS 143, Beilage Neues Lernen); alle haben schon ein profundes Wissen in Sachen Marketing erworben. Dieses Know-how ist auch hilfreich, denn das Seminar endet keineswegs mit den Vorträgen. Beim Kick-off bilden die Studierenden Zweier-Teams, entscheiden sich für ein Thema (Preispolitik, Produktpolitik, Kommunikationspolitik oder Distributionspolitik) und äußern den Wunsch für ein Unternehmen, das sie näher beleuchten möchten. Das heißt, die Teams entwerfen Fragebögen, die im Seminar optimiert werden und mit denen sie anschließend in die Firmenzentralen fahren, um mit den Verantwortlichen zu sprechen. Bei den Fragen geht es um aktuelle Herausforderungen im Marketing-Mix, um Stärken, Schwächen etc. Dabei ist jeder Fragebogen genau auf das jeweilige Unternehmen und jeweils eines der vier Themen zugeschnitten.
Marketing-Kenntnisse sind da in der Tat unentbehrlich. „Die Unternehmen sollen natürlich merken, dass wir die Sache ernsthaft und wissenschaftlich angehen. Ansonsten würden sie ja nicht wieder mit uns zusammenarbeiten”, erläutert Prof. Wieseke, der natürlich weiß, wie wichtig dieser intensive Praxisbezug ist. Davon profitieren die Studierenden auf vielfache Weise. Eine von ihnen, Gina Mende, hat bereits positive Erfahrungen gemacht: Durch eine Fallstudie in einem früheren Seminar bekam sie den Kontakt zu einem Unternehmen, der ihr einen Jahresjob einbrachte. Eine Anstellung bei einem Hersteller für Luxusartikel konnte sie sich zunächst nicht vorstellen. „Nach den ersten Vorträgen bin ich allerdings dabei, meine Vorurteile abzubauen. Das ist derart interessant und die Menschen, die dort arbeiten, sind so normal, kein bisschen abgehoben”, erklärt die Managementstudentin.
Uhren-Tester
Ihr Kommilitone Jan Nabbefeld ist gewissermaßen schon mittendrin. Für den Uhrenhersteller Nomos trägt er zurzeit probeweise eine Uhr. Mindestens drei Monate hat er das wertvolle Stück am Arm und ist Teil einer neuen Marketingstrategie von Nomos („Erst tragen, dann kaufen”). Im März fährt er – genau wie einige andere Uhrentester – zum Firmensitz in die sächsische Stadt Glashütte. „Dort werde ich aber nicht nur berichten, wie mir die Uhr gefallen hat. Ich soll auch analysieren, wie die Kommunikation zwischen Nomos und den Kunden abläuft”, beschreibt Jan Nabbefeld seinen Auftrag.
Vermittelt wurde der Uhrentest durch Michael Mauer. Der Bochumer Juwelier hatte auch die Idee zu dem einmaligen Seminar am Marketing-Lehrstuhl. „Ohne ihn hätten wir auch gar nicht die Kontakte zu den Luxusgüterherstellern bekommen”, sagt Jan Wieseke. Für Mauer ist die Kooperation von Wissenschaft und Praxis eine reine Herzensangelegenheit. Als Absolvent der Bochumer Wirtschaftsfakultät ist ihm die Ruhr-Uni noch immer sehr nahe. Seine Begeisterung – er nimmt an den wöchentlichen Seminaren immer teil – steckt Dozenten und Studierenden gleichermaßen an. Und sein Versprechen „Ich bin immer für Sie da”, ist wörtlich zu nehmen.
Was ist Luxus?
Mittlerweile ist entschieden, welche Unternehmen die Zweierteams besuchen werden: Gina Mende wird die modischen Geheimnisse der Produktpolitik von Meister & Co. lüften und Jan Nabbefeld wird herausfinden, warum man – z. B. anhand der Preispolitik – auch das Bier von Fiege als Luxus betrachten kann. Beide werden – wie alle anderen Seminarteilnehmer/innen auch – zunächst Datenbanken und Internet-Suchmaschinen durchforsten, nach Anzeigen Ausschau halten und mit Michael Mauer sprechen, um bestens über „ihr” Unternehmen und dessen Marketingstrategie informiert zu sein. Erst dann werden die Fragebögen ausgearbeitet. Und wer weiß, vielleicht bekommt der eine oder die andere Lust, dort zu arbeiten. Oder umgekehrt: Ein Unternehmen findet auf diese Weise einen potentiellen neuen Arbeitnehmer. „Schließlich suchen die Luxusgüterproduzenten Nachwuchs, zumal einige von ihnen zurzeit ihre Strategien ändern und beispielsweise ihre Absatzmärkte erweitern wollen”, sagt Prof. Wieseke.
Eine Frage freilich wird vielleicht auch am Seminarende noch unbeantwortet bleiben – trotz scheinbar einschlägiger ökonomischer Definitionen und sprachwissenschaftlicher Analysen: Was ist eigentlich alles Luxus? „Auch nach einigen Stunden Diskussion konnten wir uns in der Gruppe nicht darauf einigen”, schmunzelt Sascha Alavi. Andererseits: Wenn Studierende derart attraktive Praxiskontakte sozusagen auf dem Silbertablett serviert bekommen, dann ist zumindest das der pure Luxus.
ad, Foto: iStock | Themenübersicht

