Am Puls der Zeit
Ian Mcewans neuer Roman "Solar"
Ian McEwan schafft es in all seinen Werken, die tiefen, oft düsteren Einblicke in die menschliche Seele mit stets anderen Themen kenntnisreich zu würzen: Terrorismus, Spionage, Krieg etc. In „Solar” blickt er (mit dem Co-Thema Wissenschaft) vergleichsweise humorvoll in die Psyche von Michael Beard. Beard ist Physikprofessor und dank eines von ihm entwickelten und nach ihm (und Albert Einstein) benannten Theorems Nobelpreisträger. Höher geht’s in der Wissenschaft bekanntlich nicht hinaus – was gleichzeitig heißt: Es kann nur noch bergab gehen. Zumindest was das Produzieren von wissenschaftlichen Höchstleistungen angeht. Ansonsten lässt es sich mit dem Renommee eines Nobelpreisträgers prima leben: Türen, hinter denen Gelder für neue Forschungsprojekte vergeben werden, öffnen sich wie von selbst; auch schöne Frauen erliegen gern dem Charme des großen Ruhms.
Michael Beard trennt sich zu Beginn des Romans von seiner fünften Ehefrau und leitet ein – mit viel Geld von der britischen Regierung gefördertes – Forschungslabor für erneuerbare Energien. Wir schreiben (noch) das Jahr 2000 und somit ist es mit dem britischen Engagement in diesem Feld noch nicht so weit her. Beard hat freie Hand bei der Wahl seiner Projekte. Zwar sind ihm erneuerbare Energien genau so herzlich egal wie die Zukunft der Erde, doch zumindest den Schein will er wahren und so lässt er seine Wissenschaftler ein bisschen an der Windenergie herum forschen, damit die staatlichen Fördergelder hübsch verprasst werden. Einer von Beards Doktoranden freilich hat längst Pläne für ein sinnvolleres Projekt in der Schreibtischschublade liegen – und dass es dabei um Sonnenenergie geht, lässt schon der Titel des Buches erahnen.
Später verlässt die Geschichte das Jahr 2000 und nähert sich nicht nur der Gegenwart, sondern auch dem Puls der Zeit, was die Erforschung erneuerbarer Energien angeht. Es wird sehr wissenschaftlich, und man merkt, wie gut McEwan vorab recherchiert hat, selbst in Spitzbergen ist er gewesen, um schwindende Gletscher zu betrachten. Andererseits behält „Solar” dank des sympathischen, allzu menschlichen Antihelden Beard stets eine heitere Note: egal ob es nun um String-Theorie, Photosynthese, Quantenmechanik oder das Beseitigen einer Leiche geht.
Info: Ian McEwan: „Solar”, 402 S., 21,90 Euro, Diogenes, Zürich 2010.
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