Wohlklang der Landschaft
Reihe RUB minus 50
Große Jubiläen werfen ihre Schatten bisweilen weit voraus: 2015 wird die RUB 50-jähriges Bestehen feiern. Das Universitätsarchiv blickt schon jetzt in einer kleinen Serie zurück, jeweils genau 50 Jahre – heute also geht der Blick in den Herbst 1960: Für die „Universität neuen Typs“ des NRW-Kultusministers Schütz, von der in der erste Folge die Rede war, bedurfte es eines geeigneten Standorts. Vor 50 Jahren wurden die Weichen Richtung Bochum gestellt.
„Seltsame Gerüchte“ waren das, die Dortmunds Oberbürgermeister Keunig im November 1960 zu Ohren gekommen waren, dass nämlich die neue Universität im Lande nicht wie landläufig erwartet in seiner Stadt errichtet werden würde, sondern möglicherweise in Bochum. Sein Parteigenosse, Bochums Oberstadtdirektor Petschelt, spielte die Sache herunter, dabei hatte er bereits am 2. September Verhandlungen mit der Landesregierung über die Angelegenheit und insbesondere auch über das Querenburger Gelände geführt.
Für die Landesregierung zählte nicht, dass die Stadt Dortmund schon drei mögliche Standorte vorgeschlagen und gar die unentgeltliche Überlassung der Gelände in Aussicht gestellt hatte. Sie schien, selbst in dieser Frage, einen eigenen, neuen Weg beschreiten zu wollen, der sich von allen bisherigen Vorschlägen (insbesondere der Oppositionsparteien im Landtag) abhob. Dieses parteipolitische „Spielchen“ sollte die CDU später noch, im Vorfeld der Landtagsentscheidung über den Standort, in einige Schwierigkeiten bringen.
Lokalpolitische Lobbyarbeit
Dass die Wahl der Landesregierung überhaupt auf Bochum gefallen war, ist der erfolgreichen Lobbyarbeit des dortigen Lokalpolitikers Wolfgang Brüggemann (CDU) zuzuschreiben, der, durch Innenminister Dufhues animiert, schon im Juni 1960 Pläne des Querenburger Geländes im Landesplanungsamt präsentiert hatte – alles im Geheimen und ohne Wissen der Bochumer Stadtoberen. Die Wahl Bochums bedurfte aber auch einer Untermauerung von Expertenseite. Der Kultusminister beauftragte daher den Stuttgarter Ministerialdirigenten Horst Linde, ein Gutachten über die Eignung des ausersehenen Areals im Süden der Stadt zu erstellen. Linde war Architekt, ab 1957 Leiter der Staatlichen Bauverwaltung Baden-Württemberg und ab 1961 Ordentlicher Professor für Architektur und Direktor des Instituts für Hochschulbau und Stadtplanung der Uni Stuttgart. Bereits ab 1947 hatte er sich durch seine Mitwirkung am Wiederaufbau der Uni Freiburg einen Namen als „Hochschulbauexperte“ gemacht.
Sein „Gutachten über Lage und Eignung des Geländes ‚Querenburg‘, Gemarkung der Stadt Bochum, zur Errichtung einer Universität“ legte Linde am 9. November 1960 vor, gut zweieinhalb Wochen nachdem er das Terrain in Augenschein genommen hatte. Es ist erstaunlich, mit welcher Nonchalance der Gutachter darin auf knapp fünfeinhalb Schreibmaschinenseiten mit Gemeinplätzen und teils blumiger Sprache die hervorragende Eignung des Geländes mit seinem „natürlichen Wohlklang der umgebenden Landschaft“ bescheinigen konnte. Allein drei Seiten nehmen dabei die Ausführungen zu dem Vorteil der Größe des bebaubaren Grundes in Anspruch. Hier könnten alle erdenklichen Universitätsgebäude ihren Platz finden, selbst „Einzelhäuser für Assistenten und Professoren sind in den jeweils gemässen Lebensraum einzuordnen.“ Der weiträumige Ansatz stelle insgesamt „die Voraussetzung dar für die organische und gesunde Entwicklung der wissenschaftlichen Welt im Sinne der Universitas“, nicht zuletzt sei auch das Klima „durch Höhenlage und Waldreichtum angenehm, besser als das Rheintalklima.“
Unbemerkte Begutachtung
Erst auf den Seiten vier und fünf seines Gutachtens geht Linde auf Standortfaktoren wie Bevölkerung, Schulen, kulturelle Einrichtungen und Verkehrslage ein. Gerade bei letzterer wirkte sich natürlich die Lage zwischen den größeren Städten Essen und Dortmund positiv aus. Im Übrigen stützte sich Linde hier auf Karten und Statistiken der Stadt Bochum, die so auch in deren Memorandum „Technische Universität Ruhrgebiet“ vom 1. Dezember 1960 wieder auftauchten.
Es ist zu fragen, ob die Landesregierung überhaupt anderes wollte als ein Gutachten in der beschriebenen Schlichtheit; sein Zweck war kein anderer als ein politischer. In Anbetracht der Kürze der Zeit hätte zudem keine Analyse erstellt werden können, die eine fundierte Entscheidung ermöglicht hätte. Und Linde war sich sicher darüber im Klaren gewesen, was von ihm erwartet wurde. Allerdings wollte er sich auch nicht instrumentalisieren lassen: Als er im Frühjahr 1961 gebeten wurde, auch für die Dortmunder Gelände eine Expertise zu erstellen – der „Städtekampf“ war bereits lange ausgebrochen –, schrieb er in der Einleitung: „Das Gutachten macht sich … nicht zur Aufgabe die von anderen Städten … angebotenen Grundstücke mit der Situation in Dortmund zu vergleichen.“
Zu fragen ist weiterhin, warum ihn die Landesregierung nicht gleich im Herbst 1960 um die Begutachtung aller in Frage stehenden Gelände gebeten hatte. Offenbar war sie nicht an einer ergebnisoffenen Entscheidungsfindung interessiert. Sie hatte gar dafür Sorge getragen, dass die Begutachtung des Querenburger Geländes unbemerkt von irgendeiner Öffentlichkeit, und damit auch unbemerkt von den Befürwortern Dortmunds, von statten ging.
Jörg Lorenz, Foto: Presse- und Informationsamt der Stadt Bochum | Themenübersicht

