RUBENS Nr. 145 - 1. Oktober 2010
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"Heftmacher" auf Zeit

rubin: Aus Labor und in die Wissenschaftsredaktion


Wo so viel Wissen schon hinter dem kleinsten Teilergebnis steckt, da fällt es nicht leicht, das eigene Forschungsprojekt mal schnell dem interessierten Tischnachbarn in der Mensa zu erklären. Geschweige denn, sich für den perfekten Medienauftritt auf das Wesentliche zu beschränken und das dann auch noch möglichst einfach auszudrücken – bis hin zu zwei, drei Sätzen für ein Hörfunkinterview. Das will gelernt sein, oder zumindest einmal geübt.


Genau dafür bietet die Ruhr University Research School ihren Doktorand/innen Trainingsmöglichkeiten an. 2009 nahmen während der Winter Academy 20 Graduierte an einem zweitägigen Medientraining teil. Unter professioneller Anleitung schlüpften die jungen Wissenschaftler/innen in die Rolle von Journalisten, übten sich im Interview vor und hinter der Kamera oder probten den gelungenen Auftritt auf einer Pressekonferenz.

Buntgemischt

In diesem Jahr wechselten zwölf junge Forscherinnen und Forscher „Aus Labor und Bibliothek in die Wissenschaftsredaktion” des Uni-Magazins RUBIN. Nach dem Einstiegsworkshop gab die RUBIN-Redaktion gern einmal das Heft aus ihren Händen in die einer wirklich buntgemischten „Forscher-Community” – bestehend aus Chemikerin, Physiker und Neuroinformatiker, Philologe, Historikerin, Philosophin, Psychologin und Religionswissenschaftlerin, dazu zwei Biologinnen sowie ein Neurowissenschaftler und eine Neurowissenschaftlerin. Kein Mangel also an Stoff für Wissenschaftsgeschichten.
Im Workshop folgte der Theorie – den goldenen Regeln des Nachrichtenjournalismus – bald als erste praktische Übung die Presseinformation. Die Vorgabe: Jeder sollte über ein Projekt berichten, das inhaltlich möglichst weit weg vom eigenen Forschungsfeld liegt. So hatte der Experimentalphysiker Jan Schulze neue Erkenntnisse zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in den Tropen im Visier und im Gegenzug berichtete die Biologin Janina Wolf darüber, wie modernste Teilchenbeschleuniger Licht ins Dunkel der Materie bringen. Die Neurowissenschaftlerin kam mit dem Philologen über Ciceros verschollenes Werk „De re publica” ins Gespräch und erfuhr, wie es ein Gelehrter zu Zeiten der Französischen Revolution für Propaganda-Zwecke zu rekonstruieren wusste. Der Philologe wiederum vermeldete, was im Gehirn passiert, wenn wir auf Zeitreisen in die Vergangenheit oder Zukunft gehen und wie sich in der Hirnaktivität beides voneinander unterscheidet.
Ob nun das eigene Thema wirklich einfacher umzusetzen sein wird? Beim Nachdenken über einen passenden Einstieg in den Artikel und über Aufbau und Struktur kamen dem Einen oder Anderen dann schon mal leise Zweifel. Dennoch, das Rüstzeug sollte reichen für die nächste Etappe, die Phase des freien Schreibens mit online-Kontakt zur RUBIN-Redaktion. Über mehrere Wochen rauschen dann sehr spezielle Textstücke durch das Netz: „…Was sind überhaupt Derivate?...”, „…ob bei der Diskussion über christlichen Hip Hop neue Antworten eingegangen sind?...”, „…alles rot angemarkert…”, „…das Blubbern der Bombe…”, „… nicht erschrecken, das sieht alles viel schlimmer aus, als es ist…”, „….in mehreren Etagen reihen sich solarbetriebene Fluggleiter in den ewig summenden Verkehr…” – und die Artikel nehmen immer mehr Gestalt an.

Dauerhafte Seitenwechsel?

Inzwischen ist Damian Gorczany, RUB-Student der Medienwissenschaft und Philosophie und für dieses Projekt RUBIN-Fotograf, mit der Kamera vor Ort zwischen zwölf Lehrstühlen unterwegs. „Erklär‘ mir mal kurz was Du machst?”, ist meist seine erste Frage, dann denken beide – Fotograf und Doktorand – über ein passendes Bildkonzept nach, zuletzt werden viele Fotos gemacht.
Und dann ist „plötzlich” alles geschafft – man trifft sich wieder zum Erfahrungsaustausch und reicht die fertigen Texte und Bilder für das Layout an die Designagentur weiter. Die Grafikerinnen haben einen ersten Cover-Entwurf mitgebracht. In die Redaktionssitzung hineingehört: „... Es ist unglaublich schwierig, Dinge allgemeinverständlich auszudrücken. – Aber da war auch eine Unsicherheit in der anderen Richtung, vielleicht ist das jetzt zu unterkomplex, es ist doch Wissenschaftsjournalismus. – Ja, die Balance zu finden zwischen zu wissenschaftlichem Schreiben und den Leser nicht für blöd zu erklären…”
Es war eine spannende Erfahrung, da sind sich alle einig, und es wird auch schon mal über einen dauerhaften Seitenwechsel nachgedacht.


RUBIN Junge Forschung – die Themen
Sie schrieben ihre eigenen Wissenschaftsgeschichten: Simone Heinemann – Das Spiel mit dem Risiko (Der verantwortungsvolle Umgang mit Finanzderivaten), Christoph Kraume – Politik vom Schreibpult (Wie aus Ciceros verschollenem Dialog De re publica eine monarchistische Tendenzschrift wurde), Olena Petrenko – Die Leben der Ljudmila Foja (Frauenschicksale im ukrainischen Widerstand), Anna Neumaier – Keine Tabus im virtuellen Bibelkreis (Religiosität online ausgelebt – Angebote von ganz eigenem Reiz), Meike Mischo – Sehen und Fühlen auf der Nanoskala (Chemische Nanoskope machen winzige Oberflächen sichtbar), Jan Schulze – „3+3+5=938” (Experimentalphysiker der starken Wechselwirkung auf der Spur), Matthias Tuma – Das Blubbern der Bombe (Computer lernen, Spuren von Atomtests in Unterwassersignalen zu finden), Julia Weiler – Zeitreisen, nicht nur Science-Fiktion (Hirnforscher untersuchen Gedankenwanderungen in Vergangenheit und Zukunft), Annika Cimdins – Manche mögen‘s heiß (Bakterien können mit Hilfe von RNA-Thermometern die Temperatur messen), Claudia Christine Wolf – Gekonnt geparkt (Kognitive Mechanismen beim Einparken), Janina Wolf – Tatort: Reagenzglas (Die Schlafkrankheit im Visier der Biochemie), Michael Karus – Matrix reloaded again (Was die Matrix uns über die Funktion Neuronaler Stammzellen erzählt).

bk, Foto: Damian Gorczany | Themenübersicht