Floristische Volkszählung auf der A40
Botaniker der RUB inventarisieren Pflanzenarten beim „Still-Leben“
Fast unbemerkt fand am Rande des „Still-Lebens Ruhrschnellweg“ eine europaweit einzigartige floristische Aktion statt: Als am 18. Juli die A40 für den Verkehr gesperrt war, zählten und inventarisierten über 70 Wissenschaftler und Laien von Unis und Naturschutzverbänden alle Pflanzenarten, die am Randstreifen und auf dem Mittelstreifen wachsen. Mit dabei waren Forscher der RUB unter Leitung von Prof. Dr. Henning Haeupler, Prof. Dr. Thomas Schmitt, Dr. Götz Loos und Dipl.-Geogr. Peter Gausmann. Über 400 Arten konnten sie schließlich präsentieren. Damit ist jede sechste Pflanze, die in Deutschland vorkommt, vertreten. Darunter sind zahlreiche Erstfunde für die entsprechenden Stadtgebiete sowie viele seltene, geschützte Arten.
Aufgerufen zur floristischen Volkszählung im internationalen Jahr der Biodiversität hatten die Biologische Station Westliches Ruhrgebiet und der Bochumer Botanische Verein. Ziel war es, sich erstmals ein genaues Bild über die rätselhafte Pflanzenwelt auf einer viel befahrenen Autobahn zu machen und die Besonderheit dieses Biotops hervorzuheben. Denn wer konnte bis heute genau vorhersagen, was in diesem vom Fahrtwind umtosten Lebensraum zwischen Leitplanke, Betonwand und Pflasterritze zu erwarten war?
Flora und Fauna sind in vielen Lebensräumen im Ruhrgebiet gut untersucht. Die Autobahn galt aus der Sicht der Spezialisten dagegen bisher noch als exotischer weißer Fleck auf der wissenschaftlichen Landkarte. „Es gibt Botaniker, die im Radio die Staumeldungen abhören und extra in einen Stau fahren, um die Pflanzenwelt am Mittelstreifen zu untersuchen“, erzählt Dipl.-Biologin Corinne Buch von der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet und Vorsitzende des Bochumer Botanischen Vereins. Ihre Aussage macht deutlich, was diese floristische Aktion für einen wissenschaftlichen Stellenwert besitzt.
Einwanderungswege
Große Verkehrswege wie Autobahnen und Eisenbahnlinien gelten schon lange als Einwanderungswege für nicht heimische Pflanzenarten (sog. Neophyten), die Mittelpunkt von Forschungsfragen sind, mit denen sich auch Wissenschaftler der RUB intensiv beschäftigen. Einige Spezies kommen im Ruhrgebiet bislang nur entlang von Autobahnen vor und erobern von dort die Städte. Die bei Hobbygärtnern beliebte Stockrose (Alcea rosea) wird im Garten angepflanzt, ist aber mit ihren großen rosa Blüten auch wild wachsend auf dem Mittelstreifen eine willkommene Abwechslung. Das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens), jedem spätsommerlichen Stauopfer als allgegenwärtiger Blütenteppich am Autobahnrand bekannt, benutzte in den 70er-Jahren die Autobahnen, um sich in Europa auszubreiten. Ursprünglich aus Südafrika stammend und mit Wolltransporten in europäische Häfen gelangt, erreichte die Pflanze erst um 1980 das Ruhrgebiet, um heute massenhaft und praktisch überall am Straßenrand ihre gelben Korbblüten in die Höhe zu strecken.
Besonders interessant sind auch die eher unscheinbaren salztoleranten Pflanzenarten wie das Dänische Löffelkraut (Cochlearia danica) oder der Krähenfuß-Wegerich (Plantago coronopus), die an die Bedingungen an der Autobahn angepasst sind. Salz, eigentlich ein Pflanzengift, gibt es in ihrem natürlichem Lebensraum an den Küsten der Nordsee im Überfluss und so finden diese kleinen Überlebenskünstler an unseren Autobahnen durch die Streusalzausbringung im Winter optimale Lebensbedingungen, mit denen außer ihnen nur sehr wenige weitere Pflanzenarten zurechtkommen.
Artenvielfalt auf der Autobahn? Diese Frage kann spätestens seit der floristischen Inventarisierung beim „Still-Leben“ mit einem deutlichen „ja“ beantwortet werden.
Ingo Hetzel, Foto: Bernd Margenburg | Themenübersicht

