RUBENS Nr. 145 - 1. Oktober 2010
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Een beetje Deutsch

Wissenschaft.2010: Tage der Sprachen im Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet ist von Menschen geprägt, die aus vielen Ländern eingewandert sind. Sie brachten nicht nur ihre Arbeitskraft mit, sondern auch fremde Sitten und Gebräuche – und ihre Sprachen. Heute sprechen ihre Kinder und Kindeskinder oft zwei Sprachen: mit den Großeltern die Herkunftssprache, mit Lehrern Deutsch und mit Freunden eventuell einen Mix. Doch wie funktioniert das im Alltag? In einem von Prof. Dr. Franz Lebsanft (früher RUB, jetzt Bonn) und Prof. Dr. Gerald Bernhard (RUB) entworfenen Projekt analysieren Sprachwissenschaftler der Unis Bochum, Bonn und Duisburg-Essen, wie Menschen mit Migrationshintergrund ihre Zweisprachigkeit erleben. Das RUHR.2010-Projekt mündet Mitte Oktober in die „Tage der Sprachen im Ruhrgebiet“, ein wissenschaftliches Highlight im Kulturhauptstadtjahr.

Zusammen mit Studentinnen der beteiligten Lehrstühle haben die Wissenschaftler in den letzten Monaten per Interview die Sprachbiographien von 42 zweisprachigen Menschen erhoben. Der Clou dabei: Auch die Interviewerinnen beherrschen jeweils beide Sprachen, sodass im Gespräch munter gewechselt wird. „Besser kann man Zweisprachigkeit nicht illustrieren“, meint Prof. Bernhard. Sieben Sprachen wurden derart erforscht: Spanisch in Bonn; Russisch, Italienisch, Arabisch in Bochum; Türkisch, Portugiesisch, Niederländisch an der Uni Duisburg-Essen.

Handfeste Ziele

Fast alle Interviewten waren Studenten und damit genauso alt wie die Interviewerinnen; das förderte den gewünschten lockeren Umgang. Die Interviews dauerten zwischen 15 und 35 Minuten und wurden im Studio des Multimedia Support Zentrums aufgezeichnet. Sie waren zwar anhand eines Fragebogens strukturiert, zwischendurch wurde jedoch oft ins freie Interview gewechselt; Nachfragen waren ebenfalls möglich. Daraus resultiert die unterschiedliche Länge – und daraus, dass Menschen mit russischem Hintergrund bisweilen etwas zurückhaltender sind als solche mit niederländischen Wurzeln. „Sie musste man bisweilen nur kurz anstoßen, schon sprudelte es aus ihnen heraus”, sagt Gerald Bernhard. Der Romanist belegt das mit entsprechenden Interviewszenen, in denen sich zwei Studentinnen äußerst angeregt auf Deutsch und Niederländisch unterhalten.
Doch bei aller Lockerheit in den Interviews verfolgt das Projekt natürlich handfeste wissenschaftliche Ziele, wie Prof. Bernhard erläutert: „Zunächst geht es um gelebte, um ganz elementare sprachliche Alltagskultur, die wir wissenschaftlich beleuchten. Wir können außerdem anhand der Analysen der Interviews zeigen, dass man keineswegs in Schubladen denken darf: Mehrsprachig gleich Migrationshintergrund gleich schlechtes Deutsch. Stattdessen steckt hinter jedem Schicksal eine sprachliche Eigenheit. Und natürlich gibt es eine sehr große Vielfalt bzw. Unterschiede zwischen den einzelnen Kulturen, was Umgang und Erleben mit Mehrsprachigkeit angeht. Zudem konnten wir herausfinden, ob es ästhetische Aspekte gibt, also ob man eine seiner Sprachen schöner findet als die andere, und wie es sich mit der Sprachloyalität verhält: Soll mein Kind auch mit meiner Herkunftssprache aufwachsen? Darin sehen alle Interviewten einen Gewinn.”

Einmaliges Material

Detaillierte Ergebnisse präsentieren die Sprachwissenschaftler auf einer zweitägigen Konferenz in Bochum, den „Tagen der Sprache im Ruhrgebiet”. Für ihre Vorträge am ersten Tag wählen sie passende Sequenzen aus den Videos aus. „Losgelöst davon können sich die Gäste aber auch einzelne Interviews in voller Länge ansehen”, sagt Gerald Bernhard. „Wir bauen PCs auf, wo alle Videos abrufbar sind. Das Material, knapp 20 Stunden, ist einmalig in seiner Fülle und Tiefe. Wir bieten es aufbereitet an: Man kann nicht nur bestimmte Interviews zur gewünschten Sprache auswählen, man kann sogar innerhalb der Interviews nach bestimmten Aspekten suchen.”
Am zweiten Konferenztag berichten Mitarbeiter aus kommunalen, kirchlichen und gesellschaftlichen Institutionen von ihrem Arbeitsalltag, der häufig von Mehrsprachigkeit geprägt ist. Darüber hinaus gibt es an beiden Tagen die Videos, eine Ausstellung zu den sieben Sprachen und ein Büffet. Die Tagung richtet sich an Sprachwissenschaftler und an Laien, sie ist frei zugänglich, auch der Eintritt ist frei. ad
Info: Tage der Sprachen im Ruhrgebiet, 14./15.10., 9-18 h, Veranstaltungszentrum, Saal 2a, Eintritt frei, http://www.wissenschaft2010.de; Projekt und Konferenz sind Bestandteil von Wissenschaft.2010 bzw. RUHR.2010, u.a. vom Projekt Melez.

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