RUBENS Nr. 143 - 1. Juni 2010
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Nachts, wenn die Kinder schlafen...

100 UAMR-Forscher arbeiten ein Jahr lang in der Global Young Faculty

Nachts, wenn die Kinder schlafen, wird der Computer nochmal hochgefahren: Dann wenden sich Juniorprofessorin Dr. Anjana Devi und Dr. Florian Leese globalen Problemen zu, verbunden per Skype. Beide sind Sprecherin und Co-Sprecher der Klimagruppe der Global Young Faculty (GYF), einem Kulturhauptstadt-Projekt, in das die Stiftung Mercator 100 Forscher der Universitätsallianz Metropole Ruhr eingeladen hat. Innerhalb eines Jahres sollen sie sich mit drängenden globalen Themen befassen – was herauskommen soll, wurde bewusst offen gelassen.

„Das ist ein ganz schön mutiges und visionäres Experiment”, findet Florian Leese. „Man vertraut uns ein komfortables Budget an und sagt: Macht mal!” Was sie machen wollen, konnten die Forscher ganz allein entscheiden. Allein gelassen fühlten sie sich dennoch nicht. „Zum Auftakt des Projekts in der Philharmonie Essen gab es ein Treffen mit allen Teilnehmern, so eine Art Speeddating. Dann trafen sich die Untergruppen mit je einem Moderator separat, in unserem Fall die Klimagruppe – ich war da ja eigentlich nur so hineingeraten, meine erste Wahl war die Technologiegruppe”, erzählt Anjana Devi, von Haus aus Chemikerin und Spezialistin für Materialforschung. Zusammen mit Biologen wie Florian Leese, Soziologen, Historikern, Physikern, Wirtschafts- und Geowissenschaftlern galt es, einen Plan zu entwerfen: Was will man in einem Jahr erreichen?
„Kaum einer von uns ist wirklich Klimaexperte. Wir können also schwerlich an einer wissenschaftlichen Lösung arbeiten, sondern besser Informationen recherchieren und aufbereiten. Daher waren uns schnell einig, dass wir keine wissenschaftliche Publikation wollen, sondern dass unsere Inhalte alle Menschen ansprechen sollen”, sagt Florian Leese. Und wie geht das besser als via Internet? Der Plan war also gefasst: Die zusammengestellten und aufbereiteten Informationen über den Klimawandel sollen in Google Earth integriert werden.

Wie funktioniert Emissionshandel?

Wie viel Urwald kostet die normale Reisetätigkeit eines Wissenschaftlers pro Jahr? Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Natur in Brasilien? Welche Veränderungen wird er für die Artenvielfalt in den Polarregionen bringen (Leeses eigener Forschungsgegenstand)? Was sind die Konsequenzen aus klimawandelbedingten Extremwetterereignissen wie des Hurrikans Katrina in New Orleans für die Bevölkerung? Wie funktioniert das eigentlich mit dem Emissionshandel für CO2? Wie lässt sich fossile Energie effektiver nutzen? Gibt es einen Klimawandel im Ruhrgebiet? Diese Fragen und viele andere Sachverhalte sollen in Form von Filmen, Grafiken, Präsentationen beantwortet und dargestellt werden. „Wir wollen, dass die Menschen die vielen Gesichter des Phänomens Klimawandel erahnen, Zusammenhänge erkennen und hoffentlich etwas ändern”, so Leese.
Um das alles in einem Jahr auf die Beine zu stellen, müssen die Mitglieder der Gruppe ein gutes Tempo vorlegen. Nach dem ersten Treffen gab es eine gemeinsame Exkursion zum „Klimahaus 8°Ost” und zum Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) nach Bremerhaven. Im Gespräch mit ausgewiesenen Experten, darunter Michael Liebert, wissenschaftlicher Ausstellungsleiter des Klimahaus, und Prof. Dr. Peter Lemke, dem Leiter des Bereichs Klimawissenschaften am AWI und Mitautor des UN-Klimaberichts wurden die Teilnehmer ins Thema eingeführt. Seitdem haben sie sich noch zweimal am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen (KWI) getroffen – aber „80 Prozent der Arbeit läuft am virtuellen Schreibtisch – meistens nach 22 Uhr, wenn die Kinder im Bett sind”, sind sich Florian Leese und Anjana Devi einig. „Unser Geld verdienen wir ja mit anderen Dingen, und die dürfen nicht zu kurz kommen. Zeit ist immer knapp.”

Druck hilft dranzubleiben

Dafür gibt es aber auch was zurück, vor allem Kontakte innerhalb der UAMR und in alle Welt. Als Pendant zur GYF hat die VolkswagenStiftung 100 weitere Forscher aus der ganzen Welt ins Projekt „Our Common Future” eingeladen. Auch mit ihnen besteht reger Austausch. „Ich habe in der Global Young Faculty schon zwei unglaublich gute Kontakte zu Nachwuchsforschern an der Uni Duisburg-Essen gefunden und wir planen auch außerhalb der GYF gemeinsame Experimente – der Kontakt wäre sonst nie zustanden gekommen”, freut sich Anjana Devi.
Im Sommer werden beim sog. Mid-Term-Meeting die Forscher der GYF mit den „Our Common Future” Stipendiaten zusammentreffen und erste Ergebnisse präsentieren und diskutieren. Im November müssen die Projekte abgeschlossen sein. Vom 2. bis zum 6.11. findet in Essen und Hannover der Kongress „Our Common Future” statt – Höhepunkt und Abschluss der Global Young Faculty. Die Mitglieder können hier zusammen mit den internationalen Stipendiaten der VolkswagenStiftung ihre Arbeitsergebnisse präsentieren und mit führenden Persönlichkeiten aus Forschung, Wirtschaft, Politik und Kultur diskutieren. „Mehr Zeit wäre prinzipiell toll gewesen”, sagt Florian Leese, „aber so eine Deadline ist auch ganz gut – der Druck hilft dranzubleiben.” Beide hoffen, dass die Projekte der GYF über das Jahr 2010 hinaus betreut werden.

Global Young Faculty
In fünf Gruppen (Klima, Technologie, Ökonomie, Gesundheit, Kultur sowie Gesellschaft) diskutieren 100 Forscher aus dem Ruhrgebiet (allein 42 aus der Ruhr-Uni) die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Dabei soll ein interdisziplinäres Netzwerk herausragender Forscher in der Metropole Ruhr entstehen, die ihre innovativen wissenschaftlichen Ideen gemeinsam entwickeln und präsentieren und sich global vernetzen sollen. Die GYF ist eine Initiative der Stiftung Mercator, die dafür 500.000 Euro zur Verfügung stellt. Die Koordination hat das KWI in Essen übernommen. Die GYF ist ein Beitrag zur Kulturhauptstadt und wird vom Land NRW unterstützt. http://www.global-young-faculty.de

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