RUBENS Nr. 142 - 1. Mai 2010
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Schreib es doch einfach einfacher!

Germanistik-Studierende lernen Verwaltungssprache kennen und verbessern

Im Germanistik-Blockseminar „Verständliche Sprache in Recht und Verwaltung“ lernen Studierende, welche Merkmale Verwaltungssprache prägen, wie man Kompliziertes einfacher sagen kann und welche Fallstricke dabei zu beachten sind. Im Praxistest überarbeiten sie selbst Verwaltungsschreiben. Und siehe da: Auch Schreiben der RUB lassen sich optimieren.

Seit über zehn Jahren beschäftigt sich Michaela Blaha mit schwer verständlichen Verwaltungstexten und der Frage, wie man sie sprachlich und strukturell verbessern kann. Aus dem Pilotprojekt IDEMA (Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache) am Germanistischen Institut unter Leitung von Prof. Hans-Rüdiger Fluck ist mittlerweile die IDEMA/NOVATEC GmbH geworden. Zahlreiche Kommunal- und Landesverwaltungen sowie die Bundesverwaltung bauen auf die Expertise der Bochumer Sprachwissenschaftler und Juristen und lassen Amtsschreiben unter die Lupe nehmen. Die optimierten Texte stehen in einer Datenbank samt Wörterbuch allen Mitgliedern zu Verfügung, sie können heruntergeladen und verwendet werden.

Kein Lesefluss

Blaha erkannte schnell, dass es häufig dieselben Strukturen sind, die die Schreiben so schwer verständlich machen: „Auf der einen Seite hat man es immer wieder mit zu langen Sätzen, zu vielen Fachbegriffen und Abkürzungen sowie sehr langen Wörtern zu tun, die das Verständnis beeinträchtigen. Auf der anderen Seite erschweren lange Gesetzesverweise mitten im Satz oft den Lesefluss.“ Hinzu kommt meist eine wenig serviceorientierte Sprache.

Im Blockseminar „Verständliche Sprache in Recht und Verwaltung“ bekamen nun Studierende einen Einblick in die Textarbeit von IDEMA. Im Theorie-Abschnitt präsentierte Blaha die wichtigsten Merkmale schwer verständlicher Verwaltungstexte sowie Lösungsansätze zur sprachlichen Optimierung. Im zweiten Abschnitt hatten die Studierenden Gelegenheit, Texte aus dem Fundus von IDEMA selbst zu bearbeiten. Besonders interessant für die Teilnehmenden: Authentische Verwaltungstexte der eigenen Hochschule zu überarbeiten – eben solche, die sie vielleicht selbst schon einmal bekommen und nicht auf den ersten Blick verstanden haben.

Am letzten Tag des Seminars präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse im Rahmen eines Wettbewerbs. Vier Gruppen stellten je einen selbst ausgewählten, überarbeiteten Text vor. Entscheidend für die Bewertung durch die sechsköpfige Jury (vier Studierende des Seminars, zwei Mitarbeiterinnen von IDEMA) waren, neben Gruppenleistung und Präsentation, vor allem die Qualität von Textanalyse und Verbesserungsvorschlägen. Drei Gruppen blieben der RUB treu und überarbeiteten z.B. Studienbeitragsbescheide. Nur die spätere Siegergruppe mit Kerstin Fröse, Christine Stork und Katja Weber wählte den Text einer Kommunalverwaltung aus. „Wenn die Zielgruppe Studierende sind, kann man erwarten, dass sie auch mit kompliziertem Amtsdeutsch zurechtkommen“, findet Fröse. „Bei einem kommunalen Text weiß man dagegen nicht, wen der Text erreicht. Vielleicht hat man es hier mit weniger gebildeten Adressaten zu tun – und hilft umso mehr, wenn man den Text klar und verständlich formuliert.“

IDEMA Campus

Dass die Studierenden auch Schreiben der RUB kritisch analysieren konnten, ist dem neuen Projekt „IDEMA Campus“ zu verdanken. Es bietet seit Anfang 2010 auch Hochschulverwaltungen die Möglichkeit, den Service der Textoptimierung und die Datenbank zu nutzen. Die RUB nimmt als erste Hochschule teil. Durchaus möglich ist, dass Anregungen der Studierenden in die tatsächlichen IDEMA-Versionen einfließen. „Gerade das hat uns motiviert“, sagt Maik Philip, der mit seiner Gruppe einen Zulassungs- und einen Ablehnungsbescheid der RUB bearbeitet hat. „Wir helfen beim Verbessern der Schreiben, um nachfolgenden Studenten das Verständnis zu erleichtern. So hat unsere Arbeit einen Nutzen auch über die Veranstaltung hinaus.“

Als Anerkennung für die durchweg guten Ergebnisse gab es Sachpreise, die von der Stadt Bochum und vom Campus Center unter Leitung von Uwe Maresch und Peter Stobbe zur Verfügung gestellt wurden. So freuten sich die Gewinner über Kaffeetassen, Mousepads oder Gutscheine für den Copy-Shop.

Insgesamt ziehen die Studierenden ein positives Fazit des Seminars. Florian Müller ist sicher, Verwaltungsschreiben in Zukunft mit anderen Augen zu lesen und nimmt sich vor, selbst verständlicher zu schreiben. Besonders interessant fand Mona vom Dahl, dass man mit so klaren und einfachen Mitteln Texte derart verständlich gestalten kann. Wobei sie auch anmerkt: „Es gab auch ein paar Unstimmigkeiten in der Gruppe. Ganz so einfach, wie die Tipps anfangs klangen, waren sie dann doch nicht immer.“ Das betont auch Michaela Blaha: „Unsere Arbeit wird häufig unterschätzt, weil die Verbesserungsvorschläge in der Theorie einfach klingen. In der Praxis ist eine korrekte Umformulierung bestehender Inhalte aber oft kompliziert und kann zahlreiche Arbeitsstunden kosten.“

Im Wintersemester 10/11 bietet Blaha erneut ein Proseminar zum Thema „Verständliche Verwaltungssprache“ an. Bereits im Sommersemester referiert sie zweimal in der Ringvorlesung „Angewandte Sprachwissenschaft“ über Möglichkeiten verständlicher Textgestaltung: zusammen mit Prof. Fluck am 16. Juni, allein am 30. Juni, je 8.30-10 h in HGB 20.

Infos zu IDEMA: http://www.moderne-amtssprache.de

Julia Brosig | Themenübersicht