Es ist Kunst!
Erfahrungsbericht: Ein halbes Jahr Praktikum in Situation Kunst
Warum ist das Kunst? Diese Frage, gerne auch mit ironischem Unterton in der Variante: „Und das soll Kunst sein?“, ist besonders beliebt bei Schülern, die den Museumsbesuch nur mitmachen, weil danach Mathe ausfällt. Dennoch muss jeder Praktikant in Situation Kunst lernen, sie souverän zu beantworten. Nach einem sechsmonatigen Praktikum ist das aber kein Problem mehr, berichten Ronja Friedrichs und Martin Klemm.
Der Schwerpunkt von Situation Kunst liegt auf der ungegenständlichen Kunst nach 1945, sie erscheint manchen zunächst schwer verständlich. Das Besondere ist, wie der Name schon sagt, die Situation, in der die Werke präsentiert werden. Auf dem Museumsgelände befinden sich mehrere Gebäude, die speziell für die darin befindlichen Werke gebaut wurden. So können sie ihre Wirkung ideal entfalten. Die ständige Sammlung vereint Environments, Skulptur, Malerei, Zeichnung, Fotografie und Lichtkunst sowie ab Mai auch eine Video-Sound-Installation. Hinzu kommt mit der Eröffnung des Erweiterungsgebäudes Kubus auch eine große Fläche für Wechselausstellungen. Den Auftakt bildet eine Ausstellung mit Landschaftsbildern.
Doch nicht nur aufgrund des umfangreichen Kunstangebots lohnt sich ein Praktikum in Situation Kunst. Als Generation Praktikum ist sicherlich allen, besonders den Geisteswissenschaftlern, bewusst, wie wichtig gute Praktika während des Studiums sind. Jedoch fehlen dazu oft Zeit und Möglichkeit. Auf diese Problematik ist das Praktikum in Situation Kunst zugeschnitten. Es findet semesterbegleitend einmal in der Woche statt, sodass weder der Job noch die Uni darunter leiden müssen.
Von Anfang bis Ende
Die Praktikumsdauer von sechs Monaten macht es möglich, an Projekten nicht nur mitzuarbeiten, sondern sie von Anfang bis Ende mit zu betreuen. So hatten wir z. B. die Möglichkeit, an der Kunst-AG für Schüler/innen mitzuwirken. Dieses Projekt wurde von Maria Schulte (ehemalige Praktikantin und nun wissenschaftliche Mitarbeiterin von Situation Kunst) entwickelt. Ziel ist es, schon Grundschüler für Kunst zu interessieren und mit ihnen darüber zu sprechen. Wir sollten dabei u.a. Anträge für Sponsoren entwerfen sowie Ideen für Führungskonzepte und Infomaterial entwickeln. Zudem haben wir in den Schulen auf das Projekt aufmerksam gemacht. Eine gute Vorbereitung hierzu waren Schulführungen durch Situation Kunst, die auch Praktikanten machen dürfen. Spannend war auch, das Filmprogramm zu erstellen; in Situation Kunst wird jeden Sonntag kostenfrei ein Film gezeigt. Es liegt in der Verantwortung der Praktikanten, interessante Filme auszuwählen, die vorher gesichtet werden müssen. Thematisch orientierten wir uns zum einen an der laufenden Ausstellung, zum anderen konnten wir ein weiteres Thema frei wählen. Ein Höhepunkt war, gemeinsam mit Alexander von Berswordt-Wallrabe, dem Initiator von Situation Kunst, die Ausstellung „Krieg und Gewalt“ zu hängen. Dabei war die eigene Meinung zu einem guten Ausstellungskonzept ausdrücklich erwünscht. Auch wenn im Vorfeld die Hängung fest steht, kann sich dies, wie sich gezeigt hat, vor Ort noch ändern.
Die Überschaubarkeit des Museums ist ein großer Vorteil. Während Praktikanten in großen Museen meist nur der Einblick in einen Bereich möglich ist, erhält man in Situation Kunst einen umfangreichen Überblick der allgemeinen Aufgaben in einem Museum. Unter Anleitung der Kuratorin Iris Poßegger wirkten wir von der Pressearbeit bis zur Kunstvermittlung mit – Arbeitsfelder, die für den Betrieb eines Museums wichtig sind. Die Arbeitsatmosphäre ist besonders hervorzuheben. Das junge Team, meist selbst noch Studierende, Doktoranden oder ehemalige Praktikanten, ist hilfsbereit und freundlich.
So verlässt man Situation Kunst mit umfangreichem Wissen über den Museumsalltag und die ausgestellten Kunstwerke und Künstler. Der Frage, wieso das Kunst ist, geht man dann ganz souverän und ohne zu stottern im Gespräch mit den Gästen auf den Grund. Also: Wer in einen laufenden Museumsbetrieb reinschnuppern möchte und sich ein genaueres Bild von dessen Aufgabenbereich machen will, dem sei das Praktikum in Situation Kunst wärmstens empfohlen.
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