RUBENS Nr. 141 - 1. April 2010
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Giftige Brühe aus dem Brunnen

Bochumer Geograph untersucht die Trinkwasserqualität im Senegal

Eigentlich ist André Baumeister nach Afrika gefahren, um in Dakar den Nitratgehalt der ungesättigten Zone des Bodens zu untersuchen. Nach Hause kam er drei Monate später mit einer Masterarbeit über die Verunreinigung des Trinkwassers in einem Vorort von Dakar, mit haarsträubenden Ergebnissen.

„Es hat sich vor Ort ziemlich schnell gezeigt, dass ich mein eigentliches Vorhaben nicht würde umsetzen können“, erzählt er. Zwar arbeitete er mit dem hydrogeologischen Institut in Dakar zusammen, mit dem der Lehrstuhl seines Betreuers Prof. Stefan Wohnlich schon lange Beziehungen unterhält. Aber Zeit- und Terminpläne werden dort anders gesehen als hier und die Ausstattung ließ zu wünschen übrig. „Ein hydrogeologisches Institut ohne Pumpe ist wie ein Auto ohne Motor“, sagt Baumeister. Er sattelte also um und nahm sich eines Themas an, das er buchstäblich vor der Nase hatte: die Auswirkungen einer riesigen öffentlichen Müllkippe auf die Trinkwasserqualität. Drumherum schöpfen die Menschen ihr Trinkwasser aus handgegrabenen Brunnen, der Grundwasserspiegel ist nur zwei bis fünf Meter tief. Da Dakar direkt am Atlantik liegt, ist der Boden sandig und filtert so gut wie keine Schadstoffe aus dem versickernden Wasser heraus.

Tag und Nacht gebohrt

Weil die Brunnen zusätzlich durch oberflächliche Einflüsse verunreinigt werden – z. B. Öl, mit dem die Pumpen geschmiert werden – musste Baumeister das Wasser für seine Proben anderswo gewinnen. Er machte sich auf und bohrte selbst. „Die letzten vier Wochen, die ich im Senegal war, nachdem das Projekt endlich stand, habe ich praktisch rund um die Uhr gearbeitet. Bei unglaublicher Hitze, in unzugänglichem Gebiet“, beschreibt er. „So nah am Meer trifft man oft auf Muschelbänke, da geht es nicht weiter, also muss man an anderer Stelle ein neues Loch bohren.“ Am Ende entstand so ein Netz mit 15 Messpunkten rund um die Müllkippe, zu denen eigens gebohrte Löcher, Brunnen und zwei Oberflächengewässer gehörten.

Die Proben auszuwerten, stellte ein weiteres Problem dar. „Den Nitratgehalt kann man optisch messen, und ein Photometer hatte ich. Aber Schwermetalle und organische Rückstände lassen sich nur chromatographisch messen. Ein Chromatograph war zwar für das Labor mit Entwicklungshilfegeldern mal angeschafft worden – aber keiner wusste, wie man damit umgeht.“ Also mussten die Proben mit nach Deutschland, und dafür konserviert werden. Die Konservierung wiederum verhindert, dass sich organische Bestandteile genau messen lassen, weswegen sich Baumeister auf deren Summe beschränken musste, den sog. TOC-Wert (total organic carbon).

Die Ergebnisse würden jeden Umweltmediziner erblassen lassen. Der international zulässige Nitrat-Grenzwert wurde stellenweise um ein Zehnfaches überschritten. „Das ist vor allem für Säuglinge ein Problem, weil Nitrat für sie krebserregend ist“, erklärt er. Auch Schwermetalle wie Cadmium, Blei, Chrom und Zink fand er in hohen Konzentrationen. „Das eigentliche Problem sind aber organische Verbindungen wie PAKs – polyzyklische Kohlenwasserstoffe, die teils krebserregend sind.“

Niemand ist interessiert

Überraschend war die Verteilung der Verunreinigung. Nicht immer war sie in Fließrichtung des Wassers im Abstrom größer als im Zustrom, wie man annehmen würde. „Wahrscheinlich gibt es punktuelle Verschmutzungsquellen, von denen man gar nichts weiß“, mutmaßt der Geograph, und stellt sich etwa eine Autowerkstatt vor, die immer mal wieder Altöl entsorgt. „Die Wissenschaft interessiert sich nicht für solche Ergebnisse, und die Kommune natürlich auch nicht – die Bevölkerung ahnt nichts von der Gefahr, und so lange fordert sie auch nichts – da kann man nichts machen.“ Sein Plädoyer lautet allerdings: die richtigen Entwicklungshilfeprojekte unterstützen. „Es bringt nichts, afrikanische Länder immer mehr in Globalisierungsprozesse einzubeziehen, man darf die dörflichen Strukturen nicht zerstören, sondern muss sie erhalten und trotzdem helfen.“ Vorbildlich nennt er Projekte, die in Afrika tiefere Brunnen bohren. „Wenn das Trinkwasser statt aus fünf aus 150 Metern Tiefe kommt, ist es sauber und die Menschen können ihre gewohnten Brunnen trotzdem weiter benutzen“, beschreibt er.

Fürs erste hat André Baumeister genug Afrika erlebt und widmet sich nun am Lehrstuhl für Angewandte Physische Geographie anderen Themen. So ganz lässt ihn der Kontinent aber nicht los. „Man erlebt eine ungeheure Frustration, aber auch eine große Menschlichkeit. Ich habe zwar schnell wieder angefangen, mich über die Nebenkostenabrechnung oder die hohen Spritpreise aufzuregen und vergesse dabei oft, wie gut es uns eigentlich geht. Auch wenn ich mich vorerst wieder für ein Leben in Deutschland entschieden habe, dürfen die Erlebnisse und Erfahrungen dieser Zeit nicht in Vergessenheit geraten.“

md, Foto: Andre Baumeister | Themenübersicht