RUBENS Nr. 140 - 1. Februar 2010
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„Gelenkte Blicke“

„lehrreich“-prämierte Ausstellung im Malakowturm

Als wissenschaftliche Strömung hat begonnen, was letztlich für Hunderttausende die Zwangssterilisation oder den Tod bedeutet hat: Die Eugenik, die Lehre von der Erbgesundheit, die um 1900 international von sich reden machte, stand am Anfang. Wer genau hinschaut, erkennt schon in ersten Veröffentlichungen Zeichen von Willkür. Da steht der Mensch als Krone der Schöpfung ganz oben im Stammbaum. Da werden Menschen unterschiedlichen Gruppen zugeordnet, je nachdem wie lang ihr Schädel ist oder wie groß sie sind. Da drängen sich erste Wertungen auf – sind die Kleinen nicht weniger wert als die Großen?

Genau hinzuschauen, dazu lädt die Ausstellung „Gelenkte Blicke – Rassenhygienische Propaganda und Politik im Kontext des Nationalsozialismus“ im Malakowturm ein. Sie ist das Ergebnis eines im Wettbewerb „lehrreich“ prämierten Projekts, das für Medizin- und Geschichtsstudierende sowie im Optionalbereich angeboten wurde. Ein Seminar im Sommersemester und ein einwöchiges Blockseminar in den Ferien organisierten und leiteten Dr. Christina Benninghaus (Fakultät für Geschichtswissenschaft) und PD Dr. Stefan Schulz (Abteilung für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin).
Um allen Studienordnungen gerecht zu werden, waren die Veranstaltungsteile flexibel belegbar und mit unterschiedlichen Leistungsnachweisen verbunden. 40 Studierende belegten das Seminar, 30 zusätzlich die Blockwoche. In dieser Zeit galt es, die Ausstellung komplett zu planen und die Produktion vorzubereiten: Die Teilnehmer mussten sich ins Thema einarbeiten, sich mit den Regeln der Ausstellungsorganisation vertraut machen, sich inspirieren lassen und Material vorauswählen, u.a. beim Besuch von Ausstellungen zu verwandten Themen und einschlägigen Archiven. Ein Ausstellungskonzept musste entwickelt und erläuternde Ausstellungstexte mussten geschrieben werden. Nach aufwendigen Recherchen und Überarbeitungen konnten die Ausstellungstafeln schließlich im Druckzentrum der RUB produziert werden. „Hinter so einer Ausstellung steckt unheimlich viel Arbeit“, betonen die Projektleiter – das ist den Teilnehmern nun bewusst, ein gewollter Lerneffekt.

„Trage Deine Sippe ein“

Die Arbeit lässt einen aber auch irgendwann nicht mehr los, auch das ist etwas, das viele im Lauf der Zeit festgestellt haben. „Manche haben sich richtig ins Zeug gelegt und nicht lockergelassen, bis sie zum Beispiel ihr Archivmaterial bekommen hatten – das fanden wir toll“, freut sich Christina Benninghaus. „Uns war wichtig, dass man mal herauskommt aus dem ‚Probehandeln‘, das das Studium sonst oft bestimmt. Da schreibt man eine Hausarbeit, und sie wird nur vom Dozenten gelesen und wandert dann in die Schublade. Hier präsentiert man sich der Öffentlichkeit, das ist was ganz anderes.“
Entsprechend beeindruckend ist das Ergebnis. Auf sieben Ebenen des Malakowturms präsentiert die Ausstellung fünf große Bereiche, angefangen bei der Evolutionstheorie, die allem vorausging. Zu jedem Bereich gibt es einen Einleitungstext und eine Säule mit Erläuterungen der Exponate, meist Bildtafeln und Bücher, dazu zwei Filmausschnitte.
An einigen Stellen können Besucher die Materialien direkt in die Hand nehmen. Da gibt es etwa eine Schulszene mit Kopien von originalen Unterrichtsmaterialien, die die damaligen Schüler in didaktisch avancierter Form zu eigenen Aktivitäten anleiteten. „Trage Deine Sippe in den Stammbaum ein“ lautete die Aufgabe in Biologie, „Was kostet die Betreuung Erbkranker? Wie viele Arbeiter müssen dafür ihren Jahreslohn hergeben?“ in Mathematik. „An diesen Aufgaben sieht man, wie diese Biologisierung plötzlich allgegenwärtig wurde“, erklärt Stefan Schulz.

Perfide Methoden

Gleichzeitig wurde eine Dringlichkeit aufgebaut, Angst erzeugt vor dem, was bei der Vermehrung angeblich mangelhaften Erbguts aus dem Volk zu werden drohte. Bedrückende Szenarien wurden entworfen und reißerisch bebildert, in denen bis ins Jahr 2000 vorausberechnet wurde, wie groß die Last durch die Alten, die Minderwertigen, Kriminellen oder die Ausländer für die jungen, gesunden Deutschen sein würde.
„In der Ausstellung versuchen wir, solche Propaganda durchschaubar zu machen“, sagt Christina Benninghaus. „Man muss sich vor Augen führen, mit welchen Darstellungsmitteln klar unterscheidbar Gruppen konstruiert wurden, und wie jede Eigenschaft und jedes Laster allein auf die Vererbung zurückgeführt wurden.“ Das Material, das sonst nicht öffentlich gezeigt wird, bedarf der genauen Betrachtung, um entlarvt zu werden. „Denn die nationalsozialistische Propaganda war ausgesprochen gerissen, so dass es dem Betrachter auf den ersten Blick kaum gelang, sich ihrer Wirkung zu entziehen“, sagt Stefan Schulz. Mit perfiden grafischen Methoden entstehen Bedrohungsszenarien, die sich den Anstrich von Wissenschaftlichkeit geben. Die Grenze zwischen wissenschaftlicher Darstellung und Propaganda verschwimmt.
Diesem eindringlich vermittelten Handlungsbedarf standen durchaus Taten gegenüber: Schon 1933 wurde das Gesetz zur Zwangssterilisation verabschiedet, mit großem Rückhalt in der Politik – nicht nur bei den Rechten – und in der Bevölkerung. Ein standardisiertes Melde- und Untersuchungsverfahren trat in Kraft, zu dem auch ein für damalige Verhältnisse üblicher Intelligenztest gehörte, mit dessen Fragen man sich in der Ausstellung auseinandersetzen kann. Förderprogramme für „erbgesunde“ Familien, Regeln zur Gattenwahl und voreheliche Untersuchungen und Beratungen sollten dagegen der Vermehrung der gesunden Bevölkerung Schwung geben.

Erste Gräueltaten

Im Unterschied zu den Zwangssterilisationen fanden die Euthanasiemorde im Geheimen statt und hatten nie eine rechtliche Basis. Hier war auch an den Orten, wo die Geheimhaltung nicht gelang, der Widerstand in der Bevölkerung groß, so dass die Nationalsozialisten einzelne Tötungsanstalten sogar schließen mussten. Mit Absicht findet man diesen dunklen Bereich der Ausstellung etwas versteckt hinter einer Wand. In Tötungsanstalten wurde zuerst praktiziert, was schließlich Vorbild für die Ermordung von Millionen Juden in den Konzentrationslagern wurde. In grauen Bussen wurden Behinderte abgeholt und in Anstalten wie die in Hadamar gebracht, wo sie später vergast und verbrannt wurden. Den Angehörigen teilte man mit, sie seien einen natürlichen Tod gestorben.
Man sollte sich Zeit nehmen für die Ausstellung, um genau hinzuschauen.

Info: Die Ausstellung ist bis zum 21. Februar im Malakowturm Julius Philipp, Markstr. 258a, 44799 Bochum, zu sehen. Öffnungszeiten: Mi. 9-12 u. 14-18 h, Sa. 14-18 h, So. 11-18 h.

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