„Gelenkte Blicke“
„lehrreich“-prämierte Ausstellung im Malakowturm
Als wissenschaftliche Strömung hat begonnen, was letztlich für Hunderttausende die Zwangssterilisation oder den Tod bedeutet hat: Die Eugenik, die Lehre von der Erbgesundheit, die um 1900 international von sich reden machte, stand am Anfang. Wer genau hinschaut, erkennt schon in ersten Veröffentlichungen Zeichen von Willkür. Da steht der Mensch als Krone der Schöpfung ganz oben im Stammbaum. Da werden Menschen unterschiedlichen Gruppen zugeordnet, je nachdem wie lang ihr Schädel ist oder wie groß sie sind. Da drängen sich erste Wertungen auf – sind die Kleinen nicht weniger wert als die Großen?
Genau hinzuschauen, dazu lädt die Ausstellung „Gelenkte
Blicke – Rassenhygienische Propaganda und Politik
im Kontext des Nationalsozialismus“ im Malakowturm
ein. Sie ist das Ergebnis eines im Wettbewerb „lehrreich“
prämierten Projekts, das für Medizin- und Geschichtsstudierende
sowie im Optionalbereich angeboten wurde. Ein Seminar
im Sommersemester und ein einwöchiges Blockseminar
in den Ferien organisierten und leiteten Dr. Christina
Benninghaus (Fakultät für Geschichtswissenschaft)
und PD Dr. Stefan Schulz (Abteilung für Medizinische
Ethik und Geschichte der Medizin).
Um allen Studienordnungen gerecht zu werden, waren die
Veranstaltungsteile flexibel belegbar und mit unterschiedlichen
Leistungsnachweisen verbunden. 40 Studierende belegten
das Seminar, 30 zusätzlich die Blockwoche. In dieser
Zeit galt es, die Ausstellung komplett zu planen und die
Produktion vorzubereiten: Die Teilnehmer mussten sich
ins Thema einarbeiten, sich mit den Regeln der Ausstellungsorganisation
vertraut machen, sich inspirieren lassen und Material
vorauswählen, u.a. beim Besuch von Ausstellungen
zu verwandten Themen und einschlägigen Archiven.
Ein Ausstellungskonzept musste entwickelt und erläuternde
Ausstellungstexte mussten geschrieben werden. Nach aufwendigen
Recherchen und Überarbeitungen konnten die Ausstellungstafeln
schließlich im Druckzentrum der RUB produziert werden.
„Hinter so einer Ausstellung steckt unheimlich viel
Arbeit“, betonen die Projektleiter – das ist
den Teilnehmern nun bewusst, ein gewollter Lerneffekt.
„Trage Deine Sippe ein“
Die Arbeit lässt einen aber auch irgendwann nicht
mehr los, auch das ist etwas, das viele im Lauf der
Zeit festgestellt haben. „Manche haben sich richtig
ins Zeug gelegt und nicht lockergelassen, bis sie zum
Beispiel ihr Archivmaterial bekommen hatten –
das fanden wir toll“, freut sich Christina Benninghaus.
„Uns war wichtig, dass man mal herauskommt aus
dem ‚Probehandeln‘, das das Studium sonst
oft bestimmt. Da schreibt man eine Hausarbeit, und sie
wird nur vom Dozenten gelesen und wandert dann in die
Schublade. Hier präsentiert man sich der Öffentlichkeit,
das ist was ganz anderes.“
Entsprechend beeindruckend ist das Ergebnis. Auf sieben
Ebenen des Malakowturms präsentiert die Ausstellung
fünf große Bereiche, angefangen bei der Evolutionstheorie,
die allem vorausging. Zu jedem Bereich gibt es einen
Einleitungstext und eine Säule mit Erläuterungen
der Exponate, meist Bildtafeln und Bücher, dazu
zwei Filmausschnitte.
An einigen Stellen können Besucher die Materialien
direkt in die Hand nehmen. Da gibt es etwa eine Schulszene
mit Kopien von originalen Unterrichtsmaterialien, die
die damaligen Schüler in didaktisch avancierter
Form zu eigenen Aktivitäten anleiteten. „Trage
Deine Sippe in den Stammbaum ein“ lautete die
Aufgabe in Biologie, „Was kostet die Betreuung
Erbkranker? Wie viele Arbeiter müssen dafür
ihren Jahreslohn hergeben?“ in Mathematik. „An
diesen Aufgaben sieht man, wie diese Biologisierung
plötzlich allgegenwärtig wurde“, erklärt
Stefan Schulz.
Perfide Methoden
Gleichzeitig wurde eine Dringlichkeit aufgebaut, Angst
erzeugt vor dem, was bei der Vermehrung angeblich mangelhaften
Erbguts aus dem Volk zu werden drohte. Bedrückende
Szenarien wurden entworfen und reißerisch bebildert,
in denen bis ins Jahr 2000 vorausberechnet wurde, wie
groß die Last durch die Alten, die Minderwertigen,
Kriminellen oder die Ausländer für die jungen,
gesunden Deutschen sein würde.
„In der Ausstellung versuchen wir, solche Propaganda
durchschaubar zu machen“, sagt Christina Benninghaus.
„Man muss sich vor Augen führen, mit welchen
Darstellungsmitteln klar unterscheidbar Gruppen konstruiert
wurden, und wie jede Eigenschaft und jedes Laster allein
auf die Vererbung zurückgeführt wurden.“
Das Material, das sonst nicht öffentlich gezeigt
wird, bedarf der genauen Betrachtung, um entlarvt zu
werden. „Denn die nationalsozialistische Propaganda
war ausgesprochen gerissen, so dass es dem Betrachter
auf den ersten Blick kaum gelang, sich ihrer Wirkung
zu entziehen“, sagt Stefan Schulz. Mit perfiden
grafischen Methoden entstehen Bedrohungsszenarien, die
sich den Anstrich von Wissenschaftlichkeit geben. Die
Grenze zwischen wissenschaftlicher Darstellung und Propaganda
verschwimmt.
Diesem eindringlich vermittelten Handlungsbedarf standen
durchaus Taten gegenüber: Schon 1933 wurde das
Gesetz zur Zwangssterilisation verabschiedet, mit großem
Rückhalt in der Politik – nicht nur bei den
Rechten – und in der Bevölkerung. Ein standardisiertes
Melde- und Untersuchungsverfahren trat in Kraft, zu
dem auch ein für damalige Verhältnisse üblicher
Intelligenztest gehörte, mit dessen Fragen man
sich in der Ausstellung auseinandersetzen kann. Förderprogramme
für „erbgesunde“ Familien, Regeln zur
Gattenwahl und voreheliche Untersuchungen und Beratungen
sollten dagegen der Vermehrung der gesunden Bevölkerung
Schwung geben.
Erste Gräueltaten
Im Unterschied zu den Zwangssterilisationen fanden
die Euthanasiemorde im Geheimen statt und hatten nie
eine rechtliche Basis. Hier war auch an den Orten, wo
die Geheimhaltung nicht gelang, der Widerstand in der
Bevölkerung groß, so dass die Nationalsozialisten
einzelne Tötungsanstalten sogar schließen
mussten. Mit Absicht findet man diesen dunklen Bereich
der Ausstellung etwas versteckt hinter einer Wand. In
Tötungsanstalten wurde zuerst praktiziert, was
schließlich Vorbild für die Ermordung von
Millionen Juden in den Konzentrationslagern wurde. In
grauen Bussen wurden Behinderte abgeholt und in Anstalten
wie die in Hadamar gebracht, wo sie später vergast
und verbrannt wurden. Den Angehörigen teilte man
mit, sie seien einen natürlichen Tod gestorben.
Man sollte sich Zeit nehmen für die Ausstellung,
um genau hinzuschauen.
Info: Die Ausstellung ist bis zum 21.
Februar im Malakowturm Julius Philipp, Markstr. 258a,
44799 Bochum, zu sehen. Öffnungszeiten: Mi. 9-12
u. 14-18 h, Sa. 14-18 h, So. 11-18 h.
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