RUBENS Nr. 140 - 1. Februar 2010
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„Paragraph 300 schlag mich tot“

Toto und Harry berichten Jura-Studenten von ihrem Alltag als Streifenpolizisten

Die Polizei sorgt für die öffentliche Sicherheit – das weiß jeder. Nach welchen Rechtsgrundsätzen dies funktioniert, das lernen die Jura-Studenten in der Vorlesung zum Polizei- und Ordnungsrecht von Prof. Ines Härtel. Am 14. Januar haben sie außerdem erfahren, ob und wie diese Grundsätze den Polizeialltag beeinflussen. Die Streifenpolizisten Toto und Harry lieferten Infos

„Es ist wichtig, dass die Studenten nicht nur die theoretischen Grundlagen des Polizeirechts lernen, sondern sich mit dem tatsächlichen Leben im Alltag auseinandersetzen“, erklärt Prof. Ines Härtel. Die Leiterin des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Verwaltungs-, Europa-, Agrar- und Umweltrecht hat deshalb in ihre Vorlesung die beiden bekanntesten (echten) Polizisten Deutschlands in den proppevollen Hörsaal HMA 10 eingeladen: Polizeioberkommissar Torsten Heim und Polizeioberkommissar Thomas Weinkauf – besser bekannt als „Toto & Harry”.
Die beiden Beamten laufen bzw. fahren seit vielen Jahren gemeinsam in Bochum Streife, schlichten Streitigkeiten zwischen Nachbarn, in der Familie oder unter Kneipengästen, sie suchen Ausreißer und werden bisweilen mit einer Leiche konfrontiert. 2001 wurden die beiden fürs Fernsehen entdeckt. Seitdem werden sie regelmäßig von einem Kamerateam bei der Arbeit begleitet – die daraus resultierenden Reportagen zeigt SAT1. Mittlerweile haben Heim und Weinkauf zudem einige Bücher (mit)verfasst und diese bei öffentlichen Lesungen vorgetragen.
Sie sind es also gewohnt, vor Publikum aufzutreten. Beide sind Mitte Januar allerdings das erste Mal an einer Uni. „Die Studenten sind sicher ein anspruchsvolles Publikum. Das ist für uns eine Herausforderung“, erklärt Toto vor der Veranstaltung. Bei dieser ist jedoch von Nervosität nichts zu spüren: Mit Elan, Witz und Begeisterung schildern Toto und Harry Fälle aus ihrer alltäglichen Streifenpraxis und diskutieren darüber mit den Studenten.

Blutproben und Barbie

Dabei geht es z.B. um Blutproben, die ohne richterlichen Beschluss eigentlich nicht genommen werden dürfen. Dass es mitten in der Nacht bisweilen doch gemacht wird, liegt auch daran, dass man sich beim zuständigen Richter nicht gerade beliebt macht, wenn man ihn aus dem Bett klingelt. Für viel gute Laune im Auditorium sorgt eine Anekdote von Toto über eine neue Beamtin, die unter den Polizeikollegen nicht nur umgehend den Spitznamen „Barbie“ verpasst bekommt, sondern ebenso schnell den Beschützer-Instinkt der männlichen Polizisten weckt und bei ihrem ersten Einsatz ausgerechnet zum Bordell fahren muss.
Launig, unterhaltsam und bisweilen schlüpfrig geht es zu, auch als Harry die rund 400 Studenten fragt, ob Sex in der Ehe wohl gesetzlich geregelt sei. Das in etwa unentschiedene Abstimmungsergebnis zeigt, dass noch nicht alle Studenten das BGB auswendig gelernt haben. Die exakte Stelle hat jedoch auch Harry nicht parat: „Paragraph 300 schlag mich tot.“
Bei allem Entertainment sind die mehr als 90 Minuten vor allem interessant und informativ. Als Toto von einem persönlichen Erlebnis zu Beginn seiner Polizeilaufbahn erzählt (wo er auf offener Straße brutal zusammengeschlagen wurde, ohne dass ihm jemand geholfen hätte) und sehr eindringlich mehr Zivilcourage einfordert, wird es auch mal still im Saal.
Das „Experiment“, von dem Prof. Härtel bei ihrer Einführung gesprochen hat, ist jedenfalls gelungen. Es zeigte sich zwar, dass die praktischen Erfahrungen der beiden Polizisten mit den theoretischen Rechtsgrundsätzen, die die Studenten (z.T. spätere Anwälte, Staatsanwälte oder Richter) lernen, nicht immer deckungsgleich sind, dass allerdings beide Seiten voneinander lernen können. ad
PS: Es hätte alles so schön sein können, wenn nicht ein paar Leute das am MA geparkte Dienstfahrzeug (einen praktisch neuen VW-Bus) von Toto & Harry zerstört hätten (s. Interview auf S. 2).

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