„Paragraph 300 schlag mich tot“
Toto und Harry berichten Jura-Studenten von ihrem Alltag als Streifenpolizisten
Die Polizei sorgt für die öffentliche Sicherheit
– das weiß jeder. Nach welchen Rechtsgrundsätzen
dies funktioniert, das lernen die Jura-Studenten in der
Vorlesung zum Polizei- und Ordnungsrecht von Prof. Ines
Härtel. Am 14. Januar haben sie außerdem erfahren,
ob und wie diese Grundsätze den Polizeialltag beeinflussen.
Die Streifenpolizisten Toto und Harry lieferten Infos
„Es ist wichtig, dass die Studenten nicht nur die
theoretischen Grundlagen des Polizeirechts lernen, sondern
sich mit dem tatsächlichen Leben im Alltag auseinandersetzen“,
erklärt Prof. Ines Härtel. Die Leiterin des
Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Verwaltungs-,
Europa-, Agrar- und Umweltrecht hat deshalb in ihre Vorlesung
die beiden bekanntesten (echten) Polizisten Deutschlands
in den proppevollen Hörsaal HMA 10 eingeladen: Polizeioberkommissar
Torsten Heim und Polizeioberkommissar Thomas Weinkauf
– besser bekannt als „Toto & Harry”.
Die beiden Beamten laufen bzw. fahren seit vielen Jahren
gemeinsam in Bochum Streife, schlichten Streitigkeiten
zwischen Nachbarn, in der Familie oder unter Kneipengästen,
sie suchen Ausreißer und werden bisweilen mit einer
Leiche konfrontiert. 2001 wurden die beiden fürs
Fernsehen entdeckt. Seitdem werden sie regelmäßig
von einem Kamerateam bei der Arbeit begleitet –
die daraus resultierenden Reportagen zeigt SAT1. Mittlerweile
haben Heim und Weinkauf zudem einige Bücher (mit)verfasst
und diese bei öffentlichen Lesungen vorgetragen.
Sie sind es also gewohnt, vor Publikum aufzutreten. Beide
sind Mitte Januar allerdings das erste Mal an einer Uni.
„Die Studenten sind sicher ein anspruchsvolles Publikum.
Das ist für uns eine Herausforderung“, erklärt
Toto vor der Veranstaltung. Bei dieser ist jedoch von
Nervosität nichts zu spüren: Mit Elan, Witz
und Begeisterung schildern Toto und Harry Fälle aus
ihrer alltäglichen Streifenpraxis und diskutieren
darüber mit den Studenten.
Blutproben und Barbie
Dabei geht es z.B. um Blutproben, die ohne richterlichen
Beschluss eigentlich nicht genommen werden dürfen.
Dass es mitten in der Nacht bisweilen doch gemacht wird,
liegt auch daran, dass man sich beim zuständigen
Richter nicht gerade beliebt macht, wenn man ihn aus
dem Bett klingelt. Für viel gute Laune im Auditorium
sorgt eine Anekdote von Toto über eine neue Beamtin,
die unter den Polizeikollegen nicht nur umgehend den
Spitznamen „Barbie“ verpasst bekommt, sondern
ebenso schnell den Beschützer-Instinkt der männlichen
Polizisten weckt und bei ihrem ersten Einsatz ausgerechnet
zum Bordell fahren muss.
Launig, unterhaltsam und bisweilen schlüpfrig geht
es zu, auch als Harry die rund 400 Studenten fragt,
ob Sex in der Ehe wohl gesetzlich geregelt sei. Das
in etwa unentschiedene Abstimmungsergebnis zeigt, dass
noch nicht alle Studenten das BGB auswendig gelernt
haben. Die exakte Stelle hat jedoch auch Harry nicht
parat: „Paragraph 300 schlag mich tot.“
Bei allem Entertainment sind die mehr als 90 Minuten
vor allem interessant und informativ. Als Toto von einem
persönlichen Erlebnis zu Beginn seiner Polizeilaufbahn
erzählt (wo er auf offener Straße brutal
zusammengeschlagen wurde, ohne dass ihm jemand geholfen
hätte) und sehr eindringlich mehr Zivilcourage
einfordert, wird es auch mal still im Saal.
Das „Experiment“, von dem Prof. Härtel
bei ihrer Einführung gesprochen hat, ist jedenfalls
gelungen. Es zeigte sich zwar, dass die praktischen
Erfahrungen der beiden Polizisten mit den theoretischen
Rechtsgrundsätzen, die die Studenten (z.T. spätere
Anwälte, Staatsanwälte oder Richter) lernen,
nicht immer deckungsgleich sind, dass allerdings beide
Seiten voneinander lernen können. ad
PS: Es hätte alles so schön sein können,
wenn nicht ein paar Leute das am MA geparkte Dienstfahrzeug
(einen praktisch neuen VW-Bus) von Toto & Harry
zerstört hätten (s. Interview
auf S. 2).
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