RUBENS Nr. 140 - 1. Februar 2010
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Wenn Roboter tanzen

Premiere: Drei Praxistage für die E-Technik-Erstsemester

„Mist, jetzt betet der schon wieder“, ärgert sich ein Robotercoach, während ein anderer beherzt zu Boden stürzt, um seinen Schützling wieder aufzurichten. Hier in einem der großen Praktikumsräume im ICFO muss man heute genau schauen, wohin man tritt. 15 kleine Roboter werden hier trainiert, und ihre Wege sind unberechenbar.

Drei Tage lang dreht sich in der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik alles um die kleinen Zweibeiner. Sämtliche 234 Erstsemester machen bei den erstmals stattfindenden Praxistagen mit. Jeweils paarweise zusammengelost haben sie einen Roboter bekommen. In einer zweistündigen Einführung gab es Infos zu seinen Fähigkeiten und Eigenschaften: 16 Motoren, je um 180 Grad drehbar, ermöglichen ihm die unglaublichsten Verrenkungen, der Empfänger für die Fernbedienung sitzt im Kopf. Einige Bewegungsabläufe sind vorprogrammiert, aber um die geht es nicht: Selbermachen ist angesagt mittels Steuerprogramm, das jedem Gelenk einen Beugungswinkel zuweist und so Zeile für Zeile Bewegungsabläufe möglich macht. Zur Pflicht gehört, dass der Roboter zwei Meter geradeaus in möglichst kurzer Zeit zurücklegt. Wie er sich fortbewegt, ist egal. Das ist nicht so einfach wie es sich anhört.

Ständig gefegt

„Dem müsste man mal so einen Mikrofaseranzug häkeln und ihn zu Hause unter die Schränke schicken“, träumt Dr.-Ing. Gerhard Roll, einer der Betreuer der Praxistage, mit Blick auf einen am Boden robbenden Roboter, der allerdings kaum vorwärts kommt. Das Linoleum ist glatt, und egal wie oft man auch fegt (und es wurde oft gefegt), es bleibt immer das eine oder andere Steinchen übrig, das zusätzlich behindert. In einem Nachbarraum sollen Studierende ihrem Roboter doppelseitiges Klebeband unter die Füße geklebt und mit Sand bestreut haben, um den Grip zu erhöhen, „aber das hat nichts genützt“, schmunzelt Roll. Das allein wäre nicht so schlimm, wenn nicht die Roboter durch die kleinste Unebenheit aus dem Gleichgewicht geraten würden. Die Balance zu halten ist das Allerschwierigste, da sind sich alle einig. Und die Richtung einzuhalten ist auch nicht ohne: „Hier auf dem Boden sind noch die Markierungen vom Zweimeterlauf“, zeigt Roll. „Wie man sieht, mussten wir einen Zweimeterhalbkreis um den Startpunkt markieren, so ganz geradeaus wollen die nämlich nicht.“ Bald hat sich herausgestellt, dass aufrecht auf zwei Beinen zu gehen ineffizient ist. Besser klappt’s im Krebsgang seitwärts oder akrobatisch mit Überschlägen. Der Sieger des Raums hat Räder geschlagen und die Distanz in 19 Sekunden zurückgelegt. „Aber Geschwindigkeit ist nicht alles: Morgen gibt es die Prämierung der skurrilsten Fortbewegungsart“, sagt Roll.
Hauptattraktion am dritten Tag wird aber die Endausscheidung in der Kür werden: In allen zwölf Räumen ermitteln die Teams, die sich für die Kür zusammenschließen können wie sie wollen, den Roboter mit dem ausgefuchstesten Programm und schicken ihn ins Rennen. Auf den Gesamtsieger warten „schöne Preise – aber die sind noch geheim“, sagt Meike Klinck, Marketingbeauftragte der Fakultät.


Auf den Kopf zielen

Entsprechend motiviert feilen die Teams in ICFO an ihren Shows. Während einer seinem Roboter das „Beten“ austreibt, zählt ein anderer rückwärts, damit Tanzprogramm und Begleitmusik vom Handy zeitgleich starten. In einer anderen Ecke peilen fünf Studenten mit fünf Fernbedienungen exakt je einen der Köpfe der fünf Roboter an, die zusammenspielen sollen. „Man muss genau zielen, sonst kriegt einer das Signal nicht mit“, erklärt Alexandra Mowe, die als studentische Hilfskraft die Praxistage mit vorbereitet hat und seit September mit den Robotern beschäftigt ist. „Wenn die Batterien in der Fernbedienung nicht mehr voll sind, kann es Verzögerungen geben.“
Auch die Akkus der kleinen Tänzer haben Grenzen, ihre Kraft muss abgeschätzt werden. „Die müssen noch ein bisschen laden, dann können wir mit der Vorausscheidung anfangen“, sagt Gerhard Roll und entwirft ein Abstimmungsschema. Sechs Gruppen treten an, jede kann für die Show der anderen einen (ausbaufähig), zwei (gut) oder drei Punkte (genial) vergeben. Dann wird es ernst: Die „Travolta-Group“ tritt als erste auf. Gespanntes Schweigen im Publikum, das sich im Kreis um die Tanzfläche versammelt hat, Fotoapparate und Handykameras im Anschlag. Drei – zwei – eins – die Musik beginnt. Noch ist im Tanz kein Muster zu erkennen – „Du hast den falsch rum hingelegt!“, merkt der Teampartner – nicht schlimm, jeder hat drei Versuche. Auf ein Neues, diesmal klappt es. Begeisterter Applaus, 10,5 Punkte.
Des Weiteren sind zu sehen: Ein Roboter, der im Kopfstand „Heal the World“ intoniert, eine Fünfergruppe, die „Macarena“ singt und tanzt, ein Roboter, der ein atemberaubendes Sportprogramm mit einhändigen Liegestützen absolviert und einiges mehr. Unumstrittener Sieger sind jedoch die „Village People“ mit „YMCA“, die Begeisterung kennt keine Grenzen. Es freuen sich Kevin, Börge, Fabian, Nico und Viktor, die jetzt in Verhandlungen mit den anderen eintreten. Morgen früh bleiben noch vier Stunden, das Programm zu perfektionieren, Versatzstücke aus anderen einzubauen, sich zu einer großen Tanzgruppe zusammenzuschließen etc.

Gleich dreimal YMCA

Einen Tag später: Die Endausscheidung naht, Hörsaal HIC ist voll, es wimmelt vor aufgeregten Studenten mit Robotern und Fernbedienungen. Robert Grosche vom Dekanat behält Nerven und Überblick. Er hat gut Lachen und freut sich, „denn anfangs gab es Leute, die haben gesagt, sowas kann man überhaupt nicht machen mit allen Erstis. Aber die Begeisterung übertrifft das, was wir erwartet hatten.“ Als Dankeschön für alle werden fünf Professoren später draußen 400 Würstchen grillen. Aber zuerst geht es ans Eingemachte. Fünf skurrile Gangarten werden vorgeführt, von Rückwärtskrabbeln bis zum Trockenschwimmen. Aber eigentlich warten alle auf die Tänze. Zwölf Gruppen treten an, am Ende wird per Applausbarometer abgestimmt. Mit einer Videokamera wird alles auf die große Leinwand übertragen.
Gleich drei Gruppen haben sich für „YMCA“ entschieden – dumm gelaufen, aber ein guter zweiter Platz für die Raumsieger aus ICFO. Unumstrittener Sieger wird die Gruppe Robobreakies, deren Show unübertroffen synchron und mit professioneller Musikuntermalung den Vogel abschießt. Vom donnernden Applaus klingeln später die Ohren.
Jetzt gibt es nur noch ein Problem: Sämtliche Siegerteams betonen, dass es sich bei ihnen um Gemeinschaftsprojekte handelt – 27 Zweierteams sind beteiligt, es gibt aber nur sechs Preise: die kleinere Ausführung des Roboters, dafür ausgestattet mit allerhand Sensoren. „Da überlegen wir uns schon eine kreative Lösung“, vertagt Robert Grosche das Dilemma, bevor er die begeisterte Menge zur Grillparty entlässt.


Info: 117 Roboter wurden für die 234 Erstsemester aus Studienbeiträgen angeschafft und zunächst aufwändig getestet. Am Lehrstuhl von Prof. Dr.-Ing. Jan Lunze wurde u.a. Begleitmaterial erstellt für Teilnehmer und die 53 Betreuer der Praxistage. Die drei Tage sollen Spaß machen, Programmierkenntnisse bringen und daneben für neue Bekanntschaften unter den Studierenden sorgen.

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