Wenn Roboter tanzen
Premiere: Drei Praxistage für die E-Technik-Erstsemester
„Mist, jetzt betet der schon wieder“, ärgert sich ein Robotercoach, während ein anderer beherzt zu Boden stürzt, um seinen Schützling wieder aufzurichten. Hier in einem der großen Praktikumsräume im ICFO muss man heute genau schauen, wohin man tritt. 15 kleine Roboter werden hier trainiert, und ihre Wege sind unberechenbar.
Drei Tage lang dreht sich in der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik alles um die kleinen Zweibeiner. Sämtliche 234 Erstsemester machen bei den erstmals stattfindenden Praxistagen mit. Jeweils paarweise zusammengelost haben sie einen Roboter bekommen. In einer zweistündigen Einführung gab es Infos zu seinen Fähigkeiten und Eigenschaften: 16 Motoren, je um 180 Grad drehbar, ermöglichen ihm die unglaublichsten Verrenkungen, der Empfänger für die Fernbedienung sitzt im Kopf. Einige Bewegungsabläufe sind vorprogrammiert, aber um die geht es nicht: Selbermachen ist angesagt mittels Steuerprogramm, das jedem Gelenk einen Beugungswinkel zuweist und so Zeile für Zeile Bewegungsabläufe möglich macht. Zur Pflicht gehört, dass der Roboter zwei Meter geradeaus in möglichst kurzer Zeit zurücklegt. Wie er sich fortbewegt, ist egal. Das ist nicht so einfach wie es sich anhört.
Ständig gefegt
„Dem müsste man mal so einen Mikrofaseranzug
häkeln und ihn zu Hause unter die Schränke
schicken“, träumt Dr.-Ing. Gerhard Roll,
einer der Betreuer der Praxistage, mit Blick auf einen
am Boden robbenden Roboter, der allerdings kaum vorwärts
kommt. Das Linoleum ist glatt, und egal wie oft man
auch fegt (und es wurde oft gefegt), es bleibt immer
das eine oder andere Steinchen übrig, das zusätzlich
behindert. In einem Nachbarraum sollen Studierende ihrem
Roboter doppelseitiges Klebeband unter die Füße
geklebt und mit Sand bestreut haben, um den Grip zu
erhöhen, „aber das hat nichts genützt“,
schmunzelt Roll. Das allein wäre nicht so schlimm,
wenn nicht die Roboter durch die kleinste Unebenheit
aus dem Gleichgewicht geraten würden. Die Balance
zu halten ist das Allerschwierigste, da sind sich alle
einig. Und die Richtung einzuhalten ist auch nicht ohne:
„Hier auf dem Boden sind noch die Markierungen
vom Zweimeterlauf“, zeigt Roll. „Wie man
sieht, mussten wir einen Zweimeterhalbkreis um den Startpunkt
markieren, so ganz geradeaus wollen die nämlich
nicht.“ Bald hat sich herausgestellt, dass aufrecht
auf zwei Beinen zu gehen ineffizient ist. Besser klappt’s
im Krebsgang seitwärts oder akrobatisch mit Überschlägen.
Der Sieger des Raums hat Räder geschlagen und die
Distanz in 19 Sekunden zurückgelegt. „Aber
Geschwindigkeit ist nicht alles: Morgen gibt es die
Prämierung der skurrilsten Fortbewegungsart“,
sagt Roll.
Hauptattraktion am dritten Tag wird aber die Endausscheidung
in der Kür werden: In allen zwölf Räumen
ermitteln die Teams, die sich für die Kür
zusammenschließen können wie sie wollen,
den Roboter mit dem ausgefuchstesten Programm und schicken
ihn ins Rennen. Auf den Gesamtsieger warten „schöne
Preise – aber die sind noch geheim“, sagt
Meike Klinck, Marketingbeauftragte der Fakultät.
Auf den Kopf zielen
Entsprechend motiviert feilen die Teams in ICFO an
ihren Shows. Während einer seinem Roboter das „Beten“
austreibt, zählt ein anderer rückwärts,
damit Tanzprogramm und Begleitmusik vom Handy zeitgleich
starten. In einer anderen Ecke peilen fünf Studenten
mit fünf Fernbedienungen exakt je einen der Köpfe
der fünf Roboter an, die zusammenspielen sollen.
„Man muss genau zielen, sonst kriegt einer das
Signal nicht mit“, erklärt Alexandra Mowe,
die als studentische Hilfskraft die Praxistage mit vorbereitet
hat und seit September mit den Robotern beschäftigt
ist. „Wenn die Batterien in der Fernbedienung
nicht mehr voll sind, kann es Verzögerungen geben.“
Auch die Akkus der kleinen Tänzer haben Grenzen,
ihre Kraft muss abgeschätzt werden. „Die
müssen noch ein bisschen laden, dann können
wir mit der Vorausscheidung anfangen“, sagt Gerhard
Roll und entwirft ein Abstimmungsschema. Sechs Gruppen
treten an, jede kann für die Show der anderen einen
(ausbaufähig), zwei (gut) oder drei Punkte (genial)
vergeben. Dann wird es ernst: Die „Travolta-Group“
tritt als erste auf. Gespanntes Schweigen im Publikum,
das sich im Kreis um die Tanzfläche versammelt
hat, Fotoapparate und Handykameras im Anschlag. Drei
– zwei – eins – die Musik beginnt.
Noch ist im Tanz kein Muster zu erkennen – „Du
hast den falsch rum hingelegt!“, merkt der Teampartner
– nicht schlimm, jeder hat drei Versuche. Auf
ein Neues, diesmal klappt es. Begeisterter Applaus,
10,5 Punkte.
Des Weiteren sind zu sehen: Ein Roboter, der im Kopfstand
„Heal the World“ intoniert, eine Fünfergruppe,
die „Macarena“ singt und tanzt, ein Roboter,
der ein atemberaubendes Sportprogramm mit einhändigen
Liegestützen absolviert und einiges mehr. Unumstrittener
Sieger sind jedoch die „Village People“
mit „YMCA“, die Begeisterung kennt keine
Grenzen. Es freuen sich Kevin, Börge, Fabian, Nico
und Viktor, die jetzt in Verhandlungen mit den anderen
eintreten. Morgen früh bleiben noch vier Stunden,
das Programm zu perfektionieren, Versatzstücke
aus anderen einzubauen, sich zu einer großen Tanzgruppe
zusammenzuschließen etc.
Gleich dreimal YMCA
Einen Tag später: Die Endausscheidung naht, Hörsaal
HIC ist voll, es wimmelt vor aufgeregten Studenten mit
Robotern und Fernbedienungen. Robert Grosche vom Dekanat
behält Nerven und Überblick. Er hat gut Lachen
und freut sich, „denn anfangs gab es Leute, die
haben gesagt, sowas kann man überhaupt nicht machen
mit allen Erstis. Aber die Begeisterung übertrifft
das, was wir erwartet hatten.“ Als Dankeschön
für alle werden fünf Professoren später
draußen 400 Würstchen grillen. Aber zuerst
geht es ans Eingemachte. Fünf skurrile Gangarten
werden vorgeführt, von Rückwärtskrabbeln
bis zum Trockenschwimmen. Aber eigentlich warten alle
auf die Tänze. Zwölf Gruppen treten an, am
Ende wird per Applausbarometer abgestimmt. Mit einer
Videokamera wird alles auf die große Leinwand
übertragen.
Gleich drei Gruppen haben sich für „YMCA“
entschieden – dumm gelaufen, aber ein guter zweiter
Platz für die Raumsieger aus ICFO. Unumstrittener
Sieger wird die Gruppe Robobreakies, deren Show unübertroffen
synchron und mit professioneller Musikuntermalung den
Vogel abschießt. Vom donnernden Applaus klingeln
später die Ohren.
Jetzt gibt es nur noch ein Problem: Sämtliche Siegerteams
betonen, dass es sich bei ihnen um Gemeinschaftsprojekte
handelt – 27 Zweierteams sind beteiligt, es gibt
aber nur sechs Preise: die kleinere Ausführung
des Roboters, dafür ausgestattet mit allerhand
Sensoren. „Da überlegen wir uns schon eine
kreative Lösung“, vertagt Robert Grosche
das Dilemma, bevor er die begeisterte Menge zur Grillparty
entlässt.
Info: 117 Roboter wurden für
die 234 Erstsemester aus Studienbeiträgen angeschafft
und zunächst aufwändig getestet. Am Lehrstuhl
von Prof. Dr.-Ing. Jan Lunze wurde u.a. Begleitmaterial
erstellt für Teilnehmer und die 53 Betreuer der
Praxistage. Die drei Tage sollen Spaß machen,
Programmierkenntnisse bringen und daneben für neue
Bekanntschaften unter den Studierenden sorgen.
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