RUBENS Nr. 140 - 1. Februar 2010
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Leitbild für die Lehre

Rektor Prof. Elmar Weiler zu den Studierendenprotesten im WS

Die europaweiten Studierendenproteste gegen die Ausgestaltung der Studienreform sind auch an der Ruhr-Universität nicht spurlos vorübergegangen. Neben vielen konstruktiven Gesprächen zwischen Studierenden und Universitätsleitung gab es dabei auch einige unerfreuliche Auswüchse von Randgruppen. Darüber, aber auch über das grundsätzliche Bekenntnis zur Bologna-Reform und über ein Leitbild für die Lehre an der RUB sprach

RUBENS: Europaweit war das Wintersemester von Studierendenprotesten geprägt. Auch an der RUB demonstrierten Studierende gegen die ihrer Meinung nach nicht optimale Umsetzung der Bologna-Reform. Wie beurteilen Sie diese Proteste?

Prof. Weiler: Das ist eine sehr komplexe Gemengelage. Ursprung der Proteste ist ja Österreich, aber dort gibt es einen völlig anderen Hintergrund als bei uns. Bei der Debatte in Deutschland wird oft übersehen, dass es in den Bundesländern und an den einzelnen Universitäten ganz unterschiedliche Stufen und Geschwindigkeiten bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses gibt und gewiss nicht überall die gleiche Ernsthaftigkeit. An der RUB sind wir die Sache bekanntlich sehr frühzeitig – mit dem Magisterreformmodell sogar noch weit vor der Bologna-Erklärung –, sehr beherzt und sehr tiefgehend angegangen. Deswegen hat es hier mit der Einführung der gestuften Studiengänge trotz einiger Anlaufschwierigkeiten gut geklappt. Vieles an den Bochumer Protesten ist von daher fast ein bisschen skurril, da die hierhin transportierten Ziele des allgemeinen Protests an der RUB längst erreicht sind.

Gemeinsam vorantreiben

RUBENS: Haben sie dennoch auch Verständnis für einige Kritikpunkte?
Prof. Weiler: Ja, schließlich haben wir auch in Bochum noch keinen Idealzustand erreicht. Darüber sind wir uns mit den Studierenden einig und wir wollen den Prozess auch gemeinsam vorantreiben. Unter Umständen ist der Umstellungsprozess bislang eine Spur zu organisatorisch, zu technokratisch gelaufen. Wir sollten ihn lebendiger gestalten, ein Leitbild für die Lehre entwickeln und transportieren. Das Studium ist mehr als reine Vorbereitung auf den Beruf, es geht um die Ausbildung und die Bildung von jungen Menschen. Das sind ja nun mal zwei verschiedene Dinge, die wir beide betreiben müssen. Doch welches Leitbild steckt dahinter? Was sollen unsere Alumni mitnehmen aus der Universität? Das kann nicht nur Fachwissen sein, das ihnen in die Köpfe getrichtert wird. Diese Debatte um ein Leitbild für die universitäre Bildung und Ausbildung ist in Deutschland, glaube ich, nicht genügend geführt worden. Das bemängeln die Studierenden zu Recht. Man hätte sich viel früher Gedanken um Zielrichtungen machen müssen. Das kann nicht nur bedeuten, möglichst schnell berufsqualifizierende Abschlüsse zu erzeugen. Da würden Universitäten auch einen Teil ihres Auftrags nicht erfüllen.
Aber noch mal zu den Protesten: Den meisten protestierenden Studierenden geht es um einen konstruktiven Dialog mit uns. Doch am Rande gibt es einige, denen es offenbar um etwas anderes geht. Daraus resultieren einige inakzeptable Begleiterscheinungen: Ich denke da an die Verwüstungen und Zerstörungen im besetzten Audimax. Ich finde es auch seltsam, dass es eine kleine Gruppe von Besetzern nachgerade als selbstverständlich nimmt, dass die Uni große Summen investiert, um ein Gebäude wieder herzurichten.

RUBENS: Weiß man schon, wie viel das kosten wird?
Prof. Weiler: Weit über hunderttausend Euro, schätzen wir. Wir wollen das noch ganz genau ausrechnen. Für das Geld hätte man mehrere Arbeitsverträge abschließen können. Das darf man nicht vergessen. Und wenn es dann noch zu Sachbeschädigungen auf dem Campus kommt, zur Demolierung von Autos, ist das eine Form, die ich ganz scharf verurteile und die ich für völlig inakzeptabel halte.

Situation beherzt nutzen

RUBENS: Sie sprechen es gerade an: Unrühmlicher Höhepunkt war gewiss die mutwillige Zerstörung des Dienstwagens der Bochumer Polizei, mit dem „Toto und Harry“ Mitte Januar an der RUB waren, um dort eine Jura-Vorlesung mitzugestalten.
Prof. Weiler: Hier wurde sehr deutlich die Grenze überschritten. Das ist purer Vandalismus, mit dem den friedlich protestierenden Studierenden – und das ist ja die überwältigende Mehrheit – im Übrigen ein Bärendienst erwiesen wird, was die öffentliche Wahrnehmung betrifft.

RUBENS: Hatten Sie Kontakt zur Bochumer Polizei bzw. zu Toto und Harry?
Prof. Weiler: Ja, ich habe ihnen einen Brief geschrieben, in dem ich mich für diesen Vorfall in aller Form entschuldige.

RUBENS: Lassen Sie uns nach vorn blicken: Da das Rektorat die inhaltliche Kritik ernst nimmt, wird es nun alles versuchen, Verbesserungen zu erzielen?
Prof. Weiler: Das ist auch in allen Fakultäten so angekommen, bei den Dekanen und bei den Lehrenden. Ich spüre jedenfalls eine große Sympathie dafür, die Situation jetzt ganz beherzt zu nutzen, um all das, was sich an Verbesserungen kurzfristig umsetzen lässt, schnell und gezielt anzugehen. Daran wird sich ein längerfristiger Prozess anschließen, um unsere akademische Lehre weiterzuentwickeln – vor dem Hintergrund eines Leitbildes. Wir rufen die Studierenden dezidiert auf, sich hier einzubringen. Immerhin, das sage ich zu jeder Gelegenheit, sind die Studierenden Mitglieder dieser Universität und damit auch Mitgestalter von Universität.
Lassen Sie mich aber noch eine letzte Bemerkung machen. Was ich ganz scharf kritisiere an der Diskussion über den Bologna-Prozess in den Medien: Es wird der Eindruck erweckt, hier sei ein völliger Fehlschuss erfolgt. Dabei sind Bachelor und Master auf dem Arbeitsmarkt längst „angekommen“ und erfreuen sich zunehmender Akzeptanz. Das, was einige derer, die sich öffentlich zu Wort melden, aus welchen Interessenlagen auch immer, glauben, vorbringen zu müssen, wird auf dem Rücken zehntausender Studierender ausgetragen, die in gestuften Studiengängen erfolgreich studieren und sich nun fragen, was sie da eigentlich studieren. Ich möchte von jedem dieser Kritiker, die sagen, das war eine Fehlentwicklung oder wir müssen die Reform reformieren, doch mal eine Aussage dazu hören, was sie all den jungen Menschen in diesen Studiengängen direkt sagen würden.

Siehe auch den Beitrag auf Seite 3.

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