Leitbild für die Lehre
Rektor Prof. Elmar Weiler zu den Studierendenprotesten im WS
Die europaweiten Studierendenproteste gegen die Ausgestaltung
der Studienreform sind auch an der Ruhr-Universität
nicht spurlos vorübergegangen. Neben vielen konstruktiven
Gesprächen zwischen Studierenden und Universitätsleitung
gab es dabei auch einige unerfreuliche Auswüchse
von Randgruppen. Darüber, aber auch über das
grundsätzliche Bekenntnis zur Bologna-Reform und
über ein Leitbild für die Lehre an der RUB sprach
RUBENS: Europaweit war das Wintersemester von Studierendenprotesten
geprägt. Auch an der RUB demonstrierten Studierende
gegen die ihrer Meinung nach nicht optimale Umsetzung
der Bologna-Reform. Wie beurteilen Sie diese Proteste?
Prof. Weiler: Das ist eine sehr komplexe
Gemengelage. Ursprung der Proteste ist ja Österreich,
aber dort gibt es einen völlig anderen Hintergrund
als bei uns. Bei der Debatte in Deutschland wird oft übersehen,
dass es in den Bundesländern und an den einzelnen
Universitäten ganz unterschiedliche Stufen und Geschwindigkeiten
bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses gibt und gewiss
nicht überall die gleiche Ernsthaftigkeit. An der
RUB sind wir die Sache bekanntlich sehr frühzeitig
– mit dem Magisterreformmodell sogar noch weit vor
der Bologna-Erklärung –, sehr beherzt und sehr
tiefgehend angegangen. Deswegen hat es hier mit der Einführung
der gestuften Studiengänge trotz einiger Anlaufschwierigkeiten
gut geklappt. Vieles an den Bochumer Protesten ist von
daher fast ein bisschen skurril, da die hierhin transportierten
Ziele des allgemeinen Protests an der RUB längst
erreicht sind.
Gemeinsam vorantreiben
RUBENS: Haben sie dennoch auch Verständnis
für einige Kritikpunkte?
Prof. Weiler: Ja, schließlich
haben wir auch in Bochum noch keinen Idealzustand erreicht.
Darüber sind wir uns mit den Studierenden einig
und wir wollen den Prozess auch gemeinsam vorantreiben.
Unter Umständen ist der Umstellungsprozess bislang
eine Spur zu organisatorisch, zu technokratisch gelaufen.
Wir sollten ihn lebendiger gestalten, ein Leitbild für
die Lehre entwickeln und transportieren. Das Studium
ist mehr als reine Vorbereitung auf den Beruf, es geht
um die Ausbildung und die Bildung von jungen Menschen.
Das sind ja nun mal zwei verschiedene Dinge, die wir
beide betreiben müssen. Doch welches Leitbild steckt
dahinter? Was sollen unsere Alumni mitnehmen aus der
Universität? Das kann nicht nur Fachwissen sein,
das ihnen in die Köpfe getrichtert wird. Diese
Debatte um ein Leitbild für die universitäre
Bildung und Ausbildung ist in Deutschland, glaube ich,
nicht genügend geführt worden. Das bemängeln
die Studierenden zu Recht. Man hätte sich viel
früher Gedanken um Zielrichtungen machen müssen.
Das kann nicht nur bedeuten, möglichst schnell
berufsqualifizierende Abschlüsse zu erzeugen. Da
würden Universitäten auch einen Teil ihres
Auftrags nicht erfüllen.
Aber noch mal zu den Protesten: Den meisten protestierenden
Studierenden geht es um einen konstruktiven Dialog mit
uns. Doch am Rande gibt es einige, denen es offenbar
um etwas anderes geht. Daraus resultieren einige inakzeptable
Begleiterscheinungen: Ich denke da an die Verwüstungen
und Zerstörungen im besetzten Audimax. Ich finde
es auch seltsam, dass es eine kleine Gruppe von Besetzern
nachgerade als selbstverständlich nimmt, dass die
Uni große Summen investiert, um ein Gebäude
wieder herzurichten.
RUBENS: Weiß man schon, wie viel das kosten
wird?
Prof. Weiler: Weit über hunderttausend
Euro, schätzen wir. Wir wollen das noch ganz genau
ausrechnen. Für das Geld hätte man mehrere
Arbeitsverträge abschließen können.
Das darf man nicht vergessen. Und wenn es dann noch
zu Sachbeschädigungen auf dem Campus kommt, zur
Demolierung von Autos, ist das eine Form, die ich ganz
scharf verurteile und die ich für völlig inakzeptabel
halte.
Situation beherzt nutzen
RUBENS: Sie sprechen es gerade an: Unrühmlicher
Höhepunkt war gewiss die mutwillige Zerstörung
des Dienstwagens der Bochumer Polizei, mit dem „Toto
und Harry“ Mitte Januar an der RUB waren, um dort
eine Jura-Vorlesung mitzugestalten.
Prof. Weiler: Hier wurde sehr deutlich
die Grenze überschritten. Das ist purer Vandalismus,
mit dem den friedlich protestierenden Studierenden –
und das ist ja die überwältigende Mehrheit
– im Übrigen ein Bärendienst erwiesen
wird, was die öffentliche Wahrnehmung betrifft.
RUBENS: Hatten Sie Kontakt zur Bochumer Polizei
bzw. zu Toto und Harry?
Prof. Weiler: Ja, ich habe ihnen einen
Brief geschrieben, in dem ich mich für diesen Vorfall
in aller Form entschuldige.
RUBENS: Lassen Sie uns nach vorn blicken: Da
das Rektorat die inhaltliche Kritik ernst nimmt, wird
es nun alles versuchen, Verbesserungen zu erzielen?
Prof. Weiler: Das ist auch in allen
Fakultäten so angekommen, bei den Dekanen und bei
den Lehrenden. Ich spüre jedenfalls eine große
Sympathie dafür, die Situation jetzt ganz beherzt
zu nutzen, um all das, was sich an Verbesserungen kurzfristig
umsetzen lässt, schnell und gezielt anzugehen.
Daran wird sich ein längerfristiger Prozess anschließen,
um unsere akademische Lehre weiterzuentwickeln –
vor dem Hintergrund eines Leitbildes. Wir rufen die
Studierenden dezidiert auf, sich hier einzubringen.
Immerhin, das sage ich zu jeder Gelegenheit, sind die
Studierenden Mitglieder dieser Universität und
damit auch Mitgestalter von Universität.
Lassen Sie mich aber noch eine letzte Bemerkung machen.
Was ich ganz scharf kritisiere an der Diskussion über
den Bologna-Prozess in den Medien: Es wird der Eindruck
erweckt, hier sei ein völliger Fehlschuss erfolgt.
Dabei sind Bachelor und Master auf dem Arbeitsmarkt
längst „angekommen“ und erfreuen sich
zunehmender Akzeptanz. Das, was einige derer, die sich
öffentlich zu Wort melden, aus welchen Interessenlagen
auch immer, glauben, vorbringen zu müssen, wird
auf dem Rücken zehntausender Studierender ausgetragen,
die in gestuften Studiengängen erfolgreich studieren
und sich nun fragen, was sie da eigentlich studieren.
Ich möchte von jedem dieser Kritiker, die sagen,
das war eine Fehlentwicklung oder wir müssen die
Reform reformieren, doch mal eine Aussage dazu hören,
was sie all den jungen Menschen in diesen Studiengängen
direkt sagen würden.
Siehe auch den Beitrag auf Seite 3.
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