Ab statt an
Jetzt ohne Antestat: Das Physikalische Praktikum für Mediziner wurde neu konzipiert
Auch das ist eine Form der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Lehre: Wenn ein Fachbereich einen anderen mit seinem Know-how unterstützt. Die Anglisten bringen den Wiwi-Studenten Wirtschaftsenglisch bei. Die Mathematiker unterstützen die ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fächer und haben dazu eigens ein Servicezentrum gegründet. Sehr fleißig sind auch die Physiker der RUB, die u.a. Praktika für Biologie, Geologie- oder Medizinstudenten anbieten. Das physikalische Praktikum für Mediziner wurde nun von Grund auf renoviert. Beispielsweise dürfen
Wenn das Stichwort „Optik” fällt, denkt fast jeder automatisch an Physik und ans Auge und damit an Medizin. Beim Begriffspaar „Röntgenstrahlung/Röntgendiagnostik” ist der Bezug noch offenkundiger. Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer physikalisch-medizinischer Überschneidungen: Ein wichtiger Grundbegriff der Elektrizitätslehre z.B. heißt elektrisches Potential bzw. Potentialverteilung. Dieses Potential wiederum ist Grundlage für die Erklärung der Entstehung von EKG- und EEG-Signalen. Da der menschliche Körper ein leitfähiges Medium ist, ist das Auftreten elektrischer Potentialdifferenzen dort immer mit Strömen verbunden.
Ab sofort induktiv
In jedem der genannten Fälle besitzen Physiker
per se genau das Wissen, das sich Mediziner dringend
aneignen müssen. Was also liegt näher, als
dass Medizinstudenten diesen Stoff bei Physikdozenten
lernen?! So funktioniert seit Urzeiten das Physikalische
Praktikum für Mediziner. Bislang stand dabei die
physikalische Theorie im Vordergrund: Vor dem ersten
Gang ins Labor mussten die Medizin-Erstsemester physikalische
Formeln und Gesetze pauken und im sog. Antestat beweisen,
dass sie dies wirklich getan hatten. Wer die Fragen
der Betreuer nicht ausreichend beantworten konnte, durfte
im schlimmsten Fall gar nicht an die Versuchsaufbauten.
Doch selbst wenn die Studenten es dorthin schafften,
mussten sie sich mit Dingen beschäftigen, die oft
keinen greifbaren Bezug zum Medizinstudium hatten. „Ganz
klar: Physik war ohnehin noch nie die Haupttriebfeder
für Medizinstudierende bei ihrer Fachauswahl, doch
unter diesen Umständen wurde die Physik erst recht
stiefmütterlich und ohne jegliche Motivation behandelt”,
umschreibt es Dr. Dirk Meyer salopp. Als Praktikumsleiter
muss er es wissen und als solcher wollte er die Situation
natürlich verbessern. Mit Hilfe eines an der Uni
Düsseldorf praktizierten Modells ist ihm das auch
gelungen. „Zwei wesentliche Unterschiede zeichnen
das neue Praktikum aus”, so Meyer, „Zum
einen wird der didaktische Ansatz komplett ins Induktive
gedreht: Statt wie bisher zunächst aufwändig
die Theorie zu lernen, gehen die Studenten nun als erstes
in Labor und lernen die physikalischen Phänomene
kennen. Erst hinterher sollen sie sich die theoretischen
Grundlagen dazu aneignen. Das überprüfen wir
dann beim darauffolgenden Termin. Also sozusagen Ab-
statt Antestat.” Zum anderen, so Meyer weiter,
seien die Inhalte so ausgewählt, dass sie für
das weitere Studium und die anschließende Berufstätigkeit
relevant sind: „Die physikalischen Inhalte werden
direkt im medizinischen Kontext vermittelt”, sagt
Meyer.
Erfolgreich evaluiert
Eingebunden ist das Physikalische Praktikum in eine
Grundlagenvorlesung für Erstsemester. Von Oktober
bis Mitte Dezember besuchten die Studenten ausschließlich
die Vorlesung, doch kurz vor Weihnachten ging es erstmals
ins Praktikum. Auf dem Programm (noch im Hörsaal)
stand die Auswertung von Messdaten. Die Studenten maßen
ihre Körpertemperatur (am Ohr): bei sich und bei
den Nachbarn und alle paar Minuten aufs Neue. Sie ermittelten
dabei eine riesige Zahl an Daten. „Wir haben den
Studenten gezeigt, was man mit diesen Daten, die ja
zugleich physikalische wie medizinische Größen
sind, alles machen kann und damit zugleich, was man
grundsätzlich mit Daten machen kann”, erklärt
Dirk Meyer.
Seit Anfang Januar kommen die Mediziner wöchentlich
in die Praktikumsräume im Norden von NB 04 und
führen sieben Versuche durch: Elektrische Potentiale/EKG,
Geometrische Optik/Auge, Röntgenstrahlung/Röntgendiagnostik,
Absorptionsspektrometrie/Labordiagnostik, Elektrische
Leitung/Ionentransport, RC-Schaltung/Elektrotonus und
Ultraschall/Sonographie. Mit einem ausgeklügelten
System, in einer Matrix dargestellt, sorgen Meyer und
sein Team dafür, dass alle auf 29 Gruppen aufgeteilten
290 Medizinstudenten jeden Versuch durchführen.
Im März wird das Praktikum mit einer Klausur abgeschlossen.
Man kann davon ausgehen, dass das reformierte Praktikum
an der RUB fortgeführt wird. An der Uni Düsseldorf
läuft es seit zehn Jahren auf diese Weise und wurde
ausführlich evaluiert: mit großem Erfolg.
Die dortigen Studenten zeigten sich ebenso angetan (vor
allem vom hohen medizinischen Bezug und der induktiven
Herangehensweise) wie die Betreuer (vor allem von den
hoch motivierten Studenten). „Ohne diese positiven
Ergebnisse hätte ich das Modell ohnehin nicht für
Bochum ausgesucht und der Medizinischen Fakultät
vorgeschlagen”, erklärt Dr. Meyer.
Infos: http://www.physik.rub.de/praktikum/medizin/regeln_medizin.html
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