RUBENS Nr. 140 - 1. Februar 2010
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Ab statt an

Jetzt ohne Antestat: Das Physikalische Praktikum für Mediziner wurde neu konzipiert

Auch das ist eine Form der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Lehre: Wenn ein Fachbereich einen anderen mit seinem Know-how unterstützt. Die Anglisten bringen den Wiwi-Studenten Wirtschaftsenglisch bei. Die Mathematiker unterstützen die ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fächer und haben dazu eigens ein Servicezentrum gegründet. Sehr fleißig sind auch die Physiker der RUB, die u.a. Praktika für Biologie, Geologie- oder Medizinstudenten anbieten. Das physikalische Praktikum für Mediziner wurde nun von Grund auf renoviert. Beispielsweise dürfen

Wenn das Stichwort „Optik” fällt, denkt fast jeder automatisch an Physik und ans Auge und damit an Medizin. Beim Begriffspaar „Röntgenstrahlung/Röntgendiagnostik” ist der Bezug noch offenkundiger. Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer physikalisch-medizinischer Überschneidungen: Ein wichtiger Grundbegriff der Elektrizitätslehre z.B. heißt elektrisches Potential bzw. Potentialverteilung. Dieses Potential wiederum ist Grundlage für die Erklärung der Entstehung von EKG- und EEG-Signalen. Da der menschliche Körper ein leitfähiges Medium ist, ist das Auftreten elektrischer Potentialdifferenzen dort immer mit Strömen verbunden.

Ab sofort induktiv

In jedem der genannten Fälle besitzen Physiker per se genau das Wissen, das sich Mediziner dringend aneignen müssen. Was also liegt näher, als dass Medizinstudenten diesen Stoff bei Physikdozenten lernen?! So funktioniert seit Urzeiten das Physikalische Praktikum für Mediziner. Bislang stand dabei die physikalische Theorie im Vordergrund: Vor dem ersten Gang ins Labor mussten die Medizin-Erstsemester physikalische Formeln und Gesetze pauken und im sog. Antestat beweisen, dass sie dies wirklich getan hatten. Wer die Fragen der Betreuer nicht ausreichend beantworten konnte, durfte im schlimmsten Fall gar nicht an die Versuchsaufbauten.
Doch selbst wenn die Studenten es dorthin schafften, mussten sie sich mit Dingen beschäftigen, die oft keinen greifbaren Bezug zum Medizinstudium hatten. „Ganz klar: Physik war ohnehin noch nie die Haupttriebfeder für Medizinstudierende bei ihrer Fachauswahl, doch unter diesen Umständen wurde die Physik erst recht stiefmütterlich und ohne jegliche Motivation behandelt”, umschreibt es Dr. Dirk Meyer salopp. Als Praktikumsleiter muss er es wissen und als solcher wollte er die Situation natürlich verbessern. Mit Hilfe eines an der Uni Düsseldorf praktizierten Modells ist ihm das auch gelungen. „Zwei wesentliche Unterschiede zeichnen das neue Praktikum aus”, so Meyer, „Zum einen wird der didaktische Ansatz komplett ins Induktive gedreht: Statt wie bisher zunächst aufwändig die Theorie zu lernen, gehen die Studenten nun als erstes in Labor und lernen die physikalischen Phänomene kennen. Erst hinterher sollen sie sich die theoretischen Grundlagen dazu aneignen. Das überprüfen wir dann beim darauffolgenden Termin. Also sozusagen Ab- statt Antestat.” Zum anderen, so Meyer weiter, seien die Inhalte so ausgewählt, dass sie für das weitere Studium und die anschließende Berufstätigkeit relevant sind: „Die physikalischen Inhalte werden direkt im medizinischen Kontext vermittelt”, sagt Meyer.

Erfolgreich evaluiert

Eingebunden ist das Physikalische Praktikum in eine Grundlagenvorlesung für Erstsemester. Von Oktober bis Mitte Dezember besuchten die Studenten ausschließlich die Vorlesung, doch kurz vor Weihnachten ging es erstmals ins Praktikum. Auf dem Programm (noch im Hörsaal) stand die Auswertung von Messdaten. Die Studenten maßen ihre Körpertemperatur (am Ohr): bei sich und bei den Nachbarn und alle paar Minuten aufs Neue. Sie ermittelten dabei eine riesige Zahl an Daten. „Wir haben den Studenten gezeigt, was man mit diesen Daten, die ja zugleich physikalische wie medizinische Größen sind, alles machen kann und damit zugleich, was man grundsätzlich mit Daten machen kann”, erklärt Dirk Meyer.
Seit Anfang Januar kommen die Mediziner wöchentlich in die Praktikumsräume im Norden von NB 04 und führen sieben Versuche durch: Elektrische Potentiale/EKG, Geometrische Optik/Auge, Röntgenstrahlung/Röntgendiagnostik, Absorptionsspektrometrie/Labordiagnostik, Elektrische Leitung/Ionentransport, RC-Schaltung/Elektrotonus und Ultraschall/Sonographie. Mit einem ausgeklügelten System, in einer Matrix dargestellt, sorgen Meyer und sein Team dafür, dass alle auf 29 Gruppen aufgeteilten 290 Medizinstudenten jeden Versuch durchführen. Im März wird das Praktikum mit einer Klausur abgeschlossen.
Man kann davon ausgehen, dass das reformierte Praktikum an der RUB fortgeführt wird. An der Uni Düsseldorf läuft es seit zehn Jahren auf diese Weise und wurde ausführlich evaluiert: mit großem Erfolg. Die dortigen Studenten zeigten sich ebenso angetan (vor allem vom hohen medizinischen Bezug und der induktiven Herangehensweise) wie die Betreuer (vor allem von den hoch motivierten Studenten). „Ohne diese positiven Ergebnisse hätte ich das Modell ohnehin nicht für Bochum ausgesucht und der Medizinischen Fakultät vorgeschlagen”, erklärt Dr. Meyer.

Infos: http://www.physik.rub.de/praktikum/medizin/regeln_medizin.html

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