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RUBENS 139

4. Januar 2010

Damit Grübeln nicht zur Depression wird



RUB-Psychologen bieten neuartige Therapie zur Rückfall-Prophylaxe an



Der Torhüter Robert Enke war kein Einzelfall. Mindestens vier Mio. Menschen in Deutschland leiden an Depressionen. Das Risiko, im ersten Jahr nach einer Behandlung erneut zu erkranken, liegt bei 30 bis 70 Prozent. 15 Prozent der Betroffenen nehmen sich das Leben. Um Rückfälle zu minimieren, bieten Dr. Tobias Teismann und Prof. Dr. Ulrike Willutzki am Zentrum für Psychotherapie (ZPT) der RUB eine für den deutschsprachigen Raum neue Therapie an: „Bewältigung depressiven Grübelns“ heißt das Forschungsprojekt, das mit kognitiver Verhaltenstherapie arbeitet. Ziel ist es, zwei Thesen zu bestätigen: zum einen, dass sich über eine Reduktion depressiven Grübelns eine Reduktion depressiver Symptome erreichen lässt und zum anderen, dass die Therapie nachweislich hilft, die Rückfallquote zu reduzieren.


Menschen, die im Alltag viel grübeln, erkranken öfter an Depressionen als Menschen, die es wenig tun. Depressive Menschen, die besonders viel nachdenken, profitieren zudem weniger von Therapieangeboten, d.h. Grübeln wirkt sich immer negativ auf eine Depression aus. Das sind die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen, u.a. von der Universität Yale und der RUB. Dabei unterscheidet sich das Grübeln depressiver Menschen qualitativ nicht von dem gesunder Menschen. „Jeder Mensch grübelt hin und wieder über sich und das Leben“, sagt Dr. Tobias Teismann, der seit 2004 am ZPT arbeitet und die Therapie dort mit zwei Kolleg/innen durchführt. „Unterschiede gibt es nur in der Intensität. Während gesunde Menschen nur über kurze Phasen hinweg grübeln, kann es sich bei depressiven Menschen über Stunden hinziehen.“ Grübler drehen sich im Kreis, sie kommen zu keiner Lösung. Merkmale sind Abstraktheit und Selbstfokussierung. Oft wird das Grübeln auch selbst zum Thema.

Die Angst vor der Angst

So wie bei Tina K. (Name von der Redaktion geändert). Sie studiert an der RUB Erziehungswissenschaft und Soziologie. Nach dem frühen Tod ihres Vaters hatte sie immer öfter das Gefühl, in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gefangen zu sein. „Ich habe gemerkt, dass ich das Leben anscheinend schwerer nehme als andere, habe das aber immer auf meine Persönlichkeit zurückgeführt.“ Dass sie an einer Depression leidet, hat sie erst in der Therapie erfahren. „Ich habe mir selbst ständig vorgeworfen, hyperempfindlich und nicht belastbar zu sein. Damit habe ich mich immer mehr unter Druck gesetzt, Leistung zu erbringen und normal zu funktionieren“, erzählt Tina. „Ich fühlte mich oft leer, kraft- und wertlos. Meine alltäglichen Arbeiten ließen sich auf einmal nicht mehr bewältigen. Und das Schlimme ist“, betont sie, „wenn es einem besser geht, kämpft man mit der Angst vor der Angst. Sobald man wieder diese grüblerische Unruhe empfindet, gerät man in Panik und denkt sich, oh nein, nicht schon wieder.“
Seit Frühjahr 2008 bietet das ZPT eine im deutschsprachigen Raum neue Gruppentherapie an. Teilnehmen (s. Kasten) können Menschen, die bereits depressiv waren, aktuell aber keine oder wenige Beschwerden haben, und Menschen, die erste Anzeichen einer Depression zeigen. Dazu gehören in erster Linie Niedergeschlagenheit, Energie- und Freudlosigkeit, aber auch Appetitlosigkeit, Schlaf- und Libidostörungen, Suizidgedanken und allgemeine Verstimmung. Aktuell laufen fünf Gruppen. Im Januar kommen zwei weitere hinzu, das Angebot wird kontinuierlich fortgesetzt. Jede Gruppe besteht aus fünf bis acht Teilnehmern und zeigt ein völlig heterogenes Bild. Sowohl Studierende und Dozenten als auch Hausfrauen, Polizisten und Arbeitslose nehmen teil. „Das ist ja gerade typisch für Depression“, erklärt Teismann, „sie kann jeden treffen, unabhängig vom sozialen Stand und ungeachtet dessen, ob es jemandem objektiv gesehen gut gehen müsste.“

Frauen grübeln häufiger

So kommen oft Betroffene zu Teismann, die sich ihren Zustand nicht erklären können. „Sie sagen, sie hätten doch einen guten Beruf, eine glückliche Ehe und einen Mercedes vor ihrem Haus – und sind dennoch niedergeschlagen und depressiv.“ Insgesamt sind bei der Therapie deutlich mehr Frauen als Männer vertreten. Dies entspricht einer aktuellen Statistik, wonach durchschnittlich jede fünfte Frau, aber nur jeder zehnte Mann einmal im Leben an Depression erkrankt. Auch neigen Frauen eher zum Grübeln als Männer.
Da der Schwerpunkt der Behandlung nicht auf den Inhalten des Grübelns liegt (wie meist bei einer Einzeltherapie), sondern auf dem Grübelprozess als solchem, ist eine Gruppentherapie gut möglich. Schnell merken die Teilnehmer, dass sie trotz unterschiedlicher Lebenssituationen alle in gleicher Weise mit Problemen umgehen, das schafft Verbundenheit. In den Sitzungen geht es um Fragen wie „Wie verhalte ich mich bei Problemen?“ und „Wie kann ich mit dem Grübeln insgesamt anders umgehen?“ Dabei liefern die Therapeuten thematische Anstöße, die die Teilnehmer in Gesprächsrunden bearbeiten. Ziel der Therapie „Bewältigung depressiven Grübelns“ ist es also nicht, Lösungen für individuelle Probleme zu finden, sondern das eigene Grübeln zu erkennen, es sich bewusst zu machen und Ersatzstrategien zu entwickeln, mit denen man neuen Problemen erfolgreich entgegentreten kann.
Tina K. hat von Mai bis Juli 2009 an der Therapie teilgenommen und enorm viel über sich und ihr Grübeln gelernt: „Besonders interessant war es zu erkennen, dass hier ganz irrationale Annahmen zum Tragen kommen. Etwa, dass Grübeln einem dazu verhelfen würde, mental stets auf den worst case vorbereitet zu sein, um sich damit vor möglichen Enttäuschungen zu schützen.“ Tatsächlich hilft Grübeln aber nicht, sondern lähmt die eigene, zukunftsorientierte Aktivität.

Positives Fazit

Das Forschungsprojekt ist langfristig ausgerichtet, vorerst läuft es bis 2011. Bis dahin wird es auch finanziell von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt der Untersuchungen: Kann diese Therapie helfen, depressive Stimmungen zu verbessern? Und: Kann sie zudem helfen, die Rückfallquote zu verringern? 90 Probanden braucht Teismann, um repräsentative Aussagen über den Erfolg der Therapie zu machen. Dafür werden alle Teilnehmer auch ein Jahr lang nach Abschluss der Therapie weiter begleitet und auf Depressionssymptome hin untersucht. Die Ergebnisse der ersten Probanden sind viel versprechend, bislang wurden aber erst Daten von 20 Personen systematisch ausgewertet. Tina K. zieht ein durchweg positives Fazit der Therapie, die es auch nach 2011 geben soll. „Für mich glich die Therapie fast einer Offenbarung. Zum einen haben wir ganz praktische Methoden an die Hand bekommen, das Grübeln zu verhindern. Zum anderen war es eine tolle Erfahrung, in einer Gruppe zu arbeiten, die einen wie ein schützender Raum umgibt und in der man sehr intime Erfahrungen und Gedanken teilen kann.“



Therapie
Die Therapie „Bewältigung depressiven Grübelns“ wird vom Zentrum für Psychotherapie (ZPT) angeboten (GAFO 03/914). Sie findet im Rahmen eines Forschungsprojektes unter Leitung von Dr. Tobias Teismann und Prof. Dr. Ulrike Willutzki statt. Melden können sich Menschen, die depressiv waren, aktuell aber nicht depressiv sind oder nur noch an einer Restsymptomatik leiden, sowie Menschen, die erste Symptome einer Depression zeigen. Unter 0234/32-22323 ist ein Anrufbeantworter geschaltet. Interessenten werden zurückgerufen. Die Gruppentherapie findet elf Mal statt, einmal pro Woche. Pro Sitzung (100 Minuten) fällt eine Zuzahlung von 15 Euro an. Es starten regelmäßig neue Gruppen. Mehr Infos: Tobias Teismann, 0234-3224915, http://www.rub.de/klipsychologie/ae/deae/dr_teismann_de.html.

Julia Brosig
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Letzte Änderung: 4.1.2010| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik