Damit Grübeln
nicht zur Depression wird
RUB-Psychologen bieten neuartige Therapie zur Rückfall-Prophylaxe
an
Der Torhüter Robert Enke war kein Einzelfall. Mindestens
vier Mio. Menschen in Deutschland leiden an Depressionen.
Das Risiko, im ersten Jahr nach einer Behandlung erneut
zu erkranken, liegt bei 30 bis 70 Prozent. 15 Prozent
der Betroffenen nehmen sich das Leben. Um Rückfälle
zu minimieren, bieten Dr. Tobias Teismann und Prof. Dr.
Ulrike Willutzki am Zentrum für Psychotherapie (ZPT)
der RUB eine für den deutschsprachigen Raum neue
Therapie an: „Bewältigung depressiven Grübelns“
heißt das Forschungsprojekt, das mit kognitiver
Verhaltenstherapie arbeitet. Ziel ist es, zwei Thesen
zu bestätigen: zum einen, dass sich über eine
Reduktion depressiven Grübelns eine Reduktion depressiver
Symptome erreichen lässt und zum anderen, dass die
Therapie nachweislich hilft, die Rückfallquote zu
reduzieren.
Menschen, die im Alltag viel grübeln, erkranken öfter
an Depressionen als Menschen, die es wenig tun. Depressive
Menschen, die besonders viel nachdenken, profitieren zudem
weniger von Therapieangeboten, d.h. Grübeln wirkt
sich immer negativ auf eine Depression aus. Das sind die
Ergebnisse mehrerer Untersuchungen, u.a. von der Universität
Yale und der RUB. Dabei unterscheidet sich das Grübeln
depressiver Menschen qualitativ nicht von dem gesunder
Menschen. „Jeder Mensch grübelt hin und wieder
über sich und das Leben“, sagt Dr. Tobias Teismann,
der seit 2004 am ZPT arbeitet und die Therapie dort mit
zwei Kolleg/innen durchführt. „Unterschiede
gibt es nur in der Intensität. Während gesunde
Menschen nur über kurze Phasen hinweg grübeln,
kann es sich bei depressiven Menschen über Stunden
hinziehen.“ Grübler drehen sich im Kreis, sie
kommen zu keiner Lösung. Merkmale sind Abstraktheit
und Selbstfokussierung. Oft wird das Grübeln auch
selbst zum Thema.
Die Angst vor der Angst
So wie bei Tina K. (Name von der Redaktion geändert).
Sie studiert an der RUB Erziehungswissenschaft und Soziologie.
Nach dem frühen Tod ihres Vaters hatte sie immer
öfter das Gefühl, in Hoffnungslosigkeit und
Verzweiflung gefangen zu sein. „Ich habe gemerkt,
dass ich das Leben anscheinend schwerer nehme als andere,
habe das aber immer auf meine Persönlichkeit zurückgeführt.“
Dass sie an einer Depression leidet, hat sie erst in
der Therapie erfahren. „Ich habe mir selbst ständig
vorgeworfen, hyperempfindlich und nicht belastbar zu
sein. Damit habe ich mich immer mehr unter Druck gesetzt,
Leistung zu erbringen und normal zu funktionieren“,
erzählt Tina. „Ich fühlte mich oft leer,
kraft- und wertlos. Meine alltäglichen Arbeiten
ließen sich auf einmal nicht mehr bewältigen.
Und das Schlimme ist“, betont sie, „wenn
es einem besser geht, kämpft man mit der Angst
vor der Angst. Sobald man wieder diese grüblerische
Unruhe empfindet, gerät man in Panik und denkt
sich, oh nein, nicht schon wieder.“
Seit Frühjahr 2008 bietet das ZPT eine im deutschsprachigen
Raum neue Gruppentherapie an. Teilnehmen (s. Kasten)
können Menschen, die bereits depressiv waren, aktuell
aber keine oder wenige Beschwerden haben, und Menschen,
die erste Anzeichen einer Depression zeigen. Dazu gehören
in erster Linie Niedergeschlagenheit, Energie- und Freudlosigkeit,
aber auch Appetitlosigkeit, Schlaf- und Libidostörungen,
Suizidgedanken und allgemeine Verstimmung. Aktuell laufen
fünf Gruppen. Im Januar kommen zwei weitere hinzu,
das Angebot wird kontinuierlich fortgesetzt. Jede Gruppe
besteht aus fünf bis acht Teilnehmern und zeigt
ein völlig heterogenes Bild. Sowohl Studierende
und Dozenten als auch Hausfrauen, Polizisten und Arbeitslose
nehmen teil. „Das ist ja gerade typisch für
Depression“, erklärt Teismann, „sie
kann jeden treffen, unabhängig vom sozialen Stand
und ungeachtet dessen, ob es jemandem objektiv gesehen
gut gehen müsste.“
Frauen grübeln häufiger
So kommen oft Betroffene zu Teismann, die sich ihren
Zustand nicht erklären können. „Sie
sagen, sie hätten doch einen guten Beruf, eine
glückliche Ehe und einen Mercedes vor ihrem Haus
– und sind dennoch niedergeschlagen und depressiv.“
Insgesamt sind bei der Therapie deutlich mehr Frauen
als Männer vertreten. Dies entspricht einer aktuellen
Statistik, wonach durchschnittlich jede fünfte
Frau, aber nur jeder zehnte Mann einmal im Leben an
Depression erkrankt. Auch neigen Frauen eher zum Grübeln
als Männer.
Da der Schwerpunkt der Behandlung nicht auf den Inhalten
des Grübelns liegt (wie meist bei einer Einzeltherapie),
sondern auf dem Grübelprozess als solchem, ist
eine Gruppentherapie gut möglich. Schnell merken
die Teilnehmer, dass sie trotz unterschiedlicher Lebenssituationen
alle in gleicher Weise mit Problemen umgehen, das schafft
Verbundenheit. In den Sitzungen geht es um Fragen wie
„Wie verhalte ich mich bei Problemen?“ und
„Wie kann ich mit dem Grübeln insgesamt anders
umgehen?“ Dabei liefern die Therapeuten thematische
Anstöße, die die Teilnehmer in Gesprächsrunden
bearbeiten. Ziel der Therapie „Bewältigung
depressiven Grübelns“ ist es also nicht,
Lösungen für individuelle Probleme zu finden,
sondern das eigene Grübeln zu erkennen, es sich
bewusst zu machen und Ersatzstrategien zu entwickeln,
mit denen man neuen Problemen erfolgreich entgegentreten
kann.
Tina K. hat von Mai bis Juli 2009 an der Therapie teilgenommen
und enorm viel über sich und ihr Grübeln gelernt:
„Besonders interessant war es zu erkennen, dass
hier ganz irrationale Annahmen zum Tragen kommen. Etwa,
dass Grübeln einem dazu verhelfen würde, mental
stets auf den worst case vorbereitet zu sein, um sich
damit vor möglichen Enttäuschungen zu schützen.“
Tatsächlich hilft Grübeln aber nicht, sondern
lähmt die eigene, zukunftsorientierte Aktivität.
Positives Fazit
Das Forschungsprojekt ist langfristig ausgerichtet,
vorerst läuft es bis 2011. Bis dahin wird es auch
finanziell von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) unterstützt. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt
der Untersuchungen: Kann diese Therapie helfen, depressive
Stimmungen zu verbessern? Und: Kann sie zudem helfen,
die Rückfallquote zu verringern? 90 Probanden braucht
Teismann, um repräsentative Aussagen über
den Erfolg der Therapie zu machen. Dafür werden
alle Teilnehmer auch ein Jahr lang nach Abschluss der
Therapie weiter begleitet und auf Depressionssymptome
hin untersucht. Die Ergebnisse der ersten Probanden
sind viel versprechend, bislang wurden aber erst Daten
von 20 Personen systematisch ausgewertet. Tina K. zieht
ein durchweg positives Fazit der Therapie, die es auch
nach 2011 geben soll. „Für mich glich die
Therapie fast einer Offenbarung. Zum einen haben wir
ganz praktische Methoden an die Hand bekommen, das Grübeln
zu verhindern. Zum anderen war es eine tolle Erfahrung,
in einer Gruppe zu arbeiten, die einen wie ein schützender
Raum umgibt und in der man sehr intime Erfahrungen und
Gedanken teilen kann.“
Therapie
Die Therapie „Bewältigung depressiven Grübelns“
wird vom Zentrum für Psychotherapie (ZPT) angeboten
(GAFO 03/914). Sie findet im Rahmen eines Forschungsprojektes
unter Leitung von Dr. Tobias Teismann und Prof. Dr.
Ulrike Willutzki statt. Melden können sich Menschen,
die depressiv waren, aktuell aber nicht depressiv sind
oder nur noch an einer Restsymptomatik leiden, sowie
Menschen, die erste Symptome einer Depression zeigen.
Unter 0234/32-22323 ist ein Anrufbeantworter geschaltet.
Interessenten werden zurückgerufen. Die Gruppentherapie
findet elf Mal statt, einmal pro Woche. Pro Sitzung
(100 Minuten) fällt eine Zuzahlung von 15 Euro
an. Es starten regelmäßig neue Gruppen. Mehr
Infos: Tobias Teismann, 0234-3224915, http://www.rub.de/klipsychologie/ae/deae/dr_teismann_de.html.
Julia
Brosig
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