Nur 12 Minuten entfernt
Ruhr-Uni und Bergbau-Museum bilden gemeinsam Doktoranden
aus
Der Blick auf ein Exponat im Deutschen Bergbau-Museum
und die dazugehörige Infotafel sorgt meist für
ein Aha-Erlebnis und einen echten Erkenntnisgewinn. Zum
Teil sind die Exponate Resultate von Dissertationsprojekten
am DBM. Denn das Haus ist Museum und zugleich außeruniversitäres
Forschungsinstitut. Seine Wissenschaftler arbeiten eng
mit der Ruhr-Universität zusammen, auch bei der Doktorandenausbildung.
Momentan entstehen etwa 20 Dissertationen am DBM. Doch
die Doktoranden forschen nicht nur. Zuletzt haben sie
eine vielbeachtete Tagung organisiert.
„Das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat
(RWKS) und die Konzentration im Ruhrbergbau”, „Der
Handel mit Mühlsteinen und Tuff aus der Osteifel
im Mittelalter und der Frühen Neuzeit” oder
„Die Archäologie der Eisenzeit am Kavango im
Nordosten Namibias”: Der Forschung und damit den
Doktorarbeiten am Deutschen Bergbau-Museum (DBM) sind
weder geografische noch zeitliche Grenzen gesetzt –
solange die übergeordnete Forschungsfrage des Museums
behandelt wird. „Die Forschung im DBM dokumentiert
und bewertet umfassend die Entwicklung und Geschichte
des Bergbaus als Urproduktion der Menschheit und unverzichtbare
Notwendigkeit bis in die Gegenwart hinein” lautet
die allgemeine Formel; dahinter liegen Forschungsfelder
wie Montanarchäologie, Archäometallurgie, Bergbaugeschichte,
Bergbautechnik, Informationssysteme und Denkmalschutz/Materialkunde.
„Dabei geht es aber keineswegs ausschließlich
um Steinkohle, sondern um jede Form von Bergbau”,
betont Dr. Stefan Brüggerhoff, der stellvertretende
Forschungsdirektor des DBM.
Strukturierte Doktorandenausbildung
Die Doktoranden des Leibniz-Forschungsmuseums sind
auf all diese Forschungsbereiche verteilt. Die meisten
von ihnen haben dort feste Verträge; ihre Stellen
wurden zuvor international ausgeschrieben und so kamen
die erfolgreichen Bewerber nicht nur aus Deutschland,
sondern auch aus den USA, aus Georgien oder aus Jordanien.
Einige Doktoranden sind an anderen Universitäten
beschäftigt, die meisten in Bochum. Studiert haben
sie vorher Fächer wie Archäologie, Wirtschafts-
oder Technikgeschichte, bisweilen auch Chemie, Geologie
oder Geografie.
Viele Disziplinen, viele Herkunftsländer –
das ist interdisziplinär und international, das
duftet aber auch nach babylonischem Sprachgewirr. Doch
davon ist nichts zu spüren. Im Gegenteil: Das DBM
setzt auf eine strukturierte Doktorandenausbildung.
Die Doktoranden bilden sich zusammen fort, besuchen
gemeinsam Seminare zum Thema Wissenschaftsmanagement,
tauschen sich untereinander aus, vernetzen sich, wählen
aus ihren Reihen Sprecher/innen – und sie haben
Ende November in Eigenregie eine Doktoranden-Tagung
am DBM veranstaltet. „Normalerweise trifft man
sich fachbezogen zu Kolloquien und stellt dort den anderen
seine Doktorarbeit vor. Wir wollten aber alle Doktoranden
des DBM auf einmal haben, auch die externen Doktorvätern
und natürlich die internen Forschungsleiter. So
ist das alles eine Nummer größer geworden.
Der PhD Student Day dauerte einen ganzen Tag, es gab
acht ausführliche Fachvorträge – auf
Englisch, um die Vortragspraxis zu schulen – plus
Diskussionen”, fasst Jan Ludwig die Tagung zusammen.
Bislang fungierte er als kommissarischer Sprecher der
DBM-Doktoranden und als Organisator der Tagung. „Das
lag aber auch daran, dass ich meine Arbeit schon abgegeben
habe und mehr Zeit hatte als die anderen”, schmunzelt
der Historiker, der in seiner Dissertation den „Erzbergbau
im Sauerland” untersuchte.
Graduiertenkolleg geplant
Da Jan Ludwig demnächst – mit Doktorhut
– das Museum verlassen wird, wurden auf der Tagung
zwei neue Sprecher/innen gewählt. „Zwei,
weil wir für beide großen Gruppen je einen
Ansprechpartner haben möchten”, erklärt
Erica Hanning. Die US-Amerikanerin ist Sprecherin der
hauptsächlich Feldforschung betreibenden Archäologen.
Daneben gibt es die Gruppe der eher in Archiven forschenden
Historiker, ihr Sprecher ist Meinrad Pohl. Zu den Aufgaben
der beiden gehört auch die Organisation der nächsten
Doktoranden-Tagung, denn eine solche soll es fortan
jährlich geben.
Dass die Doktorandenausbildung fürs Museum von
„hoher Bedeutung” ist, hob Museumschef Prof.
Dr. Rainer Slotta auf der Tagung hervor. Andererseits
besitzt das DBM (genau wie andere außeruniversitäre
Forschungsinstitute) kein eigenes Promotionsrecht und
ist für die Betreuung seiner Doktoranden auf die
Kooperation mit Universitäten angewiesen. Insbesondere
der Ruhr-Uni als direkte Nachbarin (12 U-Bahn-Minuten
entfernt!) kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.
Sechs Professoren der RUB betreuen zurzeit Doktorarbeiten
am DBM: Prof. Andreas Hauptmann, Prof. Thomas Stöllner
und Prof. Ünsal Yalcin (alle Archäologische
Wissenschaften), Prof. Carsten Jürgens (Geografisches
Institut), Prof. Dieter Ziegler (Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte)
und Prof. Klaus Tenfelde (Institut für soziale
Bewegungen). Hauptmann, Stöllner und Yalcin sind
zugleich Forschungsleiter am DBM. Damit wird zugleich
die enge Zusammenarbeit von Bergbaumuseum und Ruhr-Uni
deutlich, von der auch die Uni profitiert. Wenn es nach
Dr. Stefan Brüggerhoff geht, wird sie demnächst
in ein Graduiertenkolleg münden: „Wir sind
gerade dabei, eines einzuwerben und hoffen, dass es
2011 so weit ist.”
Bronzezeitlicher Hochofen
Soweit der Blick hinter die Kulissen des Bergbaumuseums.
Vor den Kulissen locken Tausende von Exponaten und Infotafeln.
Sie gehen zum Teil direkt zurück auf die Forschungen,
sind die „Popularisierung der Forschungsergebnisse”,
wie Stefan Brüggerhoff es ausdrückt. Am Beispiel
von Erica Hannings montanarchäologischer Dissertation
zum ostalpinen Bergbau der Bronzezeit lässt sich
das gut prognostizieren. Dort geht es u.a. um Verhüttungsversuche
in einem nachgebauten bronzezeitlichen Hochofen, um
Erkenntnisse zur Erzproduktion dieser Epoche zu gewinnen.
Ein solcher, per Blasebalg betriebener Mini-Hochofen
könnte ab 2015 zu den Attraktionen eines neuen
Kernrundgangs im Bergbaumuseum gehören. Dann werden
vor allem in den Hallen 12, 13 und 14 noch viele weitere
Exponate zu bewundern sein, die den Doktorarbeiten von
heute entspringen.
Deutsches Bergbau-Museum
Das 1930 gegründete Deutsche Bergbau-Museum zählt
jährlich etwa 400.000 Besucher/innen und gilt als
bedeutendstes Bergbaumuseum der Welt. Auf einer Ausstellungsfläche
von über 12.000 qm werden Exponate zu Geschichte
und Gegenwart des Bergbaus gezeigt. Die momentan im
Umbau befindliche Halle 1 dient 2010 als Bochumer Besucherzentrum
im Kulturhauptstadtjahr. Am 6. Dezember wurde mit der
Sonderausstellung „Glück auf! Ruhrgebiet
– der Steinkohlebergbau nach 1945” der im
Volksmund „Schwarzer Diamant” genannte Erweiterungsbau
des DBM offiziell eröffnet. Infos:
http://www.bergbaumuseum.de.
ad
|