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RUBENS 139

4. Januar 2010

Stufenlose Hilfe


Dirk Scholz berät RUB-Beschäftigte, die ihre Angehörigen pflegen



Hinter Stichworten wie „Familiengerechte RUB” oder „Elternservice ProKids” steckt mehr als die Betreuung der Kinder von Uni-Mitgliedern. ProKids berät, informiert und entlastet auch Beschäftigte, die Angehörige pflegen. Der RUB-Elternservice wird dabei seit April 2009 vom Dipl.-Sozialarbeiter Dirk Scholz unterstützt. Kürzlich wurde sein Vertrag um ein Jahr verlängert. Mit ihm sprach Arne Dessaul über Pflegestufen, Kostenträgerschaften und handfeste Tipps.

RUBENS: Herr Scholz, wie ist Ihr Eindruck nach den ersten Monaten als Pflegeberater an der RUB?
Dirk Scholz: Seitdem ich im April 2009 angefangen habe, ist der Bedarf ganz eindeutig gestiegen. Zunächst kamen jeweils zwei Ratsuchende in die Sprechstunde, mittlerweile sind es drei bis vier. Mehr geht auch nicht bei etwa 40 Minuten Beratung pro Klient und der zweistündigen Sprechzeit.

RUBENS: Wer kommt in Ihre Sprechstunde?
Dirk Scholz: Es sind ausschließlich Töchter von Pflegebedürftigen. Das ist das alte Rollenverständnis: Um die weichen Faktoren, um Pflege und Soziales, kümmert sich die Frau. Es gab aber auch ein paar Männer, die angerufen haben und mich um Rat fragten.

Wohnen im Alter

RUBENS: Was sind die häufigsten Fragen – und daraus abgeleitet Ihre Ratschläge?
Dirk Scholz: An erster Stelle steht das Widerspruchsverfahren bei Ablehnung der Pflegestufe. Da geht es meist um viel Geld, deswegen klemmen wir uns sehr dahinter und rollen zur Not das ganze Verfahren noch mal auf. Bisher immer mit Erfolg. Zweites wichtiges Thema ist das Wohnen im Alter bzw. der altersgerechte Umbau von Haus oder Wohnung. Hier arbeiten wir eng mit dem Forschungsinstitut Technologie und Behinderung in Volmarstein zusammen, wo es beispielsweise altersgerechte Musterwohnungen gibt. Eine dritte häufig gestellte Frage betrifft die Kostenträgerschaft bei stationärer Unterbringung.

RUBENS: Trägt das nicht die Pflegeversicherung?

Dirk Scholz: Nicht komplett. Laut SGB XII, dem aktuellen Sozialgesetzbuch, müssten hier auch die Kommunen einspringen. Wir empfehlen aber in der Regel die ambulante Unterbringung, da die Pflegebedürftigen so in ihrem gewohnten sozialen Umfeld bleiben. Viele Angehörige haben zwar die Befürchtung, dass Mutter oder Vater genau dann stürzen und hilflos liegenbleiben, während sie selbst bei der Arbeit sind und die ambulante Pflege auch nicht gerade zufällig im Haus ist. Ich sage dann immer, dass es auch im Pflegeheim passieren kann, dass jemand mitten in der Nacht aus dem Bett fällt und die Pfleger merken es erst am nächsten Morgen.

RUBENS: Und das wirkt?
Dirk Scholz: Ja, als Außenstehender hat man es oft einfacher, die Leute zu überzeugen. Das betrifft auch die Pflegebedürftigen. Es gibt ja den klassischen Fall der 85-jährigen Demenzkranken, die ausgerechnet in der halben Stunde, wo der Medizinische Dienst der Krankenversicherung zur Feststellung der Pflegestufe im Haus ist, zu Höchstform aufläuft, keinerlei Symptome zeigt und behauptet, ganz allein den Haushalt zu schmeißen. Das geht natürlich gar nicht, da ist die eigentlich vollkommen berechtigte Pflegestufe in Gefahr. Und wie man sich vorstellen kann, würde die Dame nicht unbedingt auf ihre Tochter hören. Ich habe als Außenstehender bessere Chancen. Ich kann aber in solchen Situationen auch die Ärzte von MDK bitten, noch etwas zu warten, bis sich erste Demenzsymptome zeigen.

RUBENS: Das heißt, sie gehen durchaus auch zu den Menschen nach Hause?
Dirk Scholz: Ja, aber das ist doch eher die Ausnahme.

Trägerunabhängig

RUBENS: Sind Sie bisweilen in ganz schweren Stunden auch als Seelsorger gefragt?
Dirk Scholz: Gefragt ja, aber diese Aufgabe kann ich bei aller Anteilnahme und einem gewissen Einfühlungsvermögen dann doch nicht leisten. Hier würde ich eher Hospiz-Mitarbeiter oder Pfarrer empfehlen.

RUBENS: Was ist als Dringendstes zu tun, wenn plötzlich Mutter oder Vater zum Pflegefall werden, beispielsweise nach einem Sturz?

Dirk Scholz: Zunächst wird es einen Krankenhausaufenthalt geben und auch eine Reha-Maßnahme. Das gibt einem schon mal ein paar Wochen Zeit, sich um eine Kurzzeitpflegeeinrichtung zu kümmern und die Kostenträgerschaft zu klären. Dann kann man auch schon mal gucken, was zu Hause umgebaut werden müsste, damit Vater oder Mutter dort noch gut klarkommen, falls es auf eine ambulante Pflege hinausläuft. Als Nächstes geht’s um die Pflegestufe.

RUBENS: Und Sie begleiten diesen Prozess?

Dirk Scholz: Ich berate, informiere, helfe beim Ausfüllen von Formularen. Und einiges mehr. Ich kann auch erste Kontakte zu Pflegediensten oder Einrichtungen herstellen. Da wir trägerunabhängig arbeiten, steht uns hier die ganze Palette offen: von der bundesweit tätigen Institution bis hin zur selbständig arbeitenden Pflegerin, die eine 24-stündige ambulante Betreuung übernimmt.

RUBENS: Welche Ziele haben Sie für Ihr zweites Jahr an der RUB?
Dirk Scholz: Zum einen möchten wir die Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Technologie und Behinderung intensivieren. Geplant sind auch Infoveranstaltungen an der Ruhr-Uni mit Leuten aus der Pflegepraxis und eine Kooperation mit dem Bochumer NRW-Demenzstützpunkt an der Unistraße. Ich möchte auch mit dafür sorgen, dass das Thema „Vereinbarung von Pflege und Beruf” weiterhin so gut angenommen wird an der RUB. Das Schöne ist ja, dass wir nicht einfach irgendwas anbieten, weil das in der weiten Welt honoriert wird, das aber vor Ort niemanden interessiert. Das Gegenteil ist der Fall: Unser Angebot ist nachfrageorientiert: Der Bedarf ist da und wir passen das Angebot den Nachfragern an.

Pflegeberatung an der RUB
Die Pflegeberatung an der RUB ist Aufgabe vom Elternservice ProKids. Ansprechpartner ist Uwe Koßmann (UV 1/131, -22772). Seine Sprechzeiten sind: Di 9-12 u. 14-16 h, Mi 9-12 h, Do 12-16 h. Unterstützt wird er vom Dipl.-Sozialarbeiter Dirk Scholz, der an jedem letzten Dienstag im Monat von 16-18 h in Raum UV 2/231 berät (nächster Termin: 26.1.2010). Das Angebot umfasst Infos u.a. über: die Leistungen des Pflegeversicherungsgesetzes; mögliche Leistungen und spezielle Beratungsangebote im sozialen Bereich; die örtlichen Anbieter und deren Leistungsangebote im pflegerischen und sozialen Bereich; Einzelfallberatung über die erforderlichen ambulanten, teilstationären, vollstationären und komplementären Hilfen; Beratung zur Finanzierung von notwendigen Hilfen, z.B. nach dem Pflegeversicherungsgesetz und Unterstützung bei der Antragstellung; Koordination einer oder mehrerer Hilfen und auf Wunsch Kontaktherstellung mit zuständigen Anbietern; Vermittlungs-/Lotsendienste (z.B. Informationsdienste für Senioren, Wohnberatung, Krankenhaussozialdienste, ehrenamtliche Hilfen usw.). Mehr unter: http://www.ruhr-uni-bochum.de/familiengerecht/

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