Stufenlose
Hilfe
Dirk Scholz berät RUB-Beschäftigte, die ihre
Angehörigen pflegen
Hinter Stichworten wie „Familiengerechte
RUB” oder „Elternservice ProKids” steckt
mehr als die Betreuung der Kinder von Uni-Mitgliedern.
ProKids berät, informiert und entlastet auch Beschäftigte,
die Angehörige pflegen. Der RUB-Elternservice wird
dabei seit April 2009 vom Dipl.-Sozialarbeiter Dirk Scholz
unterstützt. Kürzlich wurde sein Vertrag um
ein Jahr verlängert. Mit ihm sprach Arne Dessaul
über Pflegestufen, Kostenträgerschaften und
handfeste Tipps.
RUBENS: Herr Scholz, wie ist Ihr Eindruck
nach den ersten Monaten als Pflegeberater an der RUB?
Dirk Scholz: Seitdem ich im April 2009 angefangen habe,
ist der Bedarf ganz eindeutig gestiegen. Zunächst
kamen jeweils zwei Ratsuchende in die Sprechstunde, mittlerweile
sind es drei bis vier. Mehr geht auch nicht bei etwa 40
Minuten Beratung pro Klient und der zweistündigen
Sprechzeit.
RUBENS: Wer kommt in Ihre Sprechstunde?
Dirk Scholz: Es sind ausschließlich Töchter
von Pflegebedürftigen. Das ist das alte Rollenverständnis:
Um die weichen Faktoren, um Pflege und Soziales, kümmert
sich die Frau. Es gab aber auch ein paar Männer,
die angerufen haben und mich um Rat fragten.
Wohnen im Alter
RUBENS: Was sind die häufigsten Fragen
– und daraus abgeleitet Ihre Ratschläge?
Dirk Scholz: An erster Stelle steht das Widerspruchsverfahren
bei Ablehnung der Pflegestufe. Da geht es meist um viel
Geld, deswegen klemmen wir uns sehr dahinter und rollen
zur Not das ganze Verfahren noch mal auf. Bisher immer
mit Erfolg. Zweites wichtiges Thema ist das Wohnen im
Alter bzw. der altersgerechte Umbau von Haus oder Wohnung.
Hier arbeiten wir eng mit dem Forschungsinstitut Technologie
und Behinderung in Volmarstein zusammen, wo es beispielsweise
altersgerechte Musterwohnungen gibt. Eine dritte häufig
gestellte Frage betrifft die Kostenträgerschaft
bei stationärer Unterbringung.
RUBENS: Trägt das nicht die Pflegeversicherung?
Dirk Scholz: Nicht komplett. Laut SGB XII, dem aktuellen
Sozialgesetzbuch, müssten hier auch die Kommunen
einspringen. Wir empfehlen aber in der Regel die ambulante
Unterbringung, da die Pflegebedürftigen so in ihrem
gewohnten sozialen Umfeld bleiben. Viele Angehörige
haben zwar die Befürchtung, dass Mutter oder Vater
genau dann stürzen und hilflos liegenbleiben, während
sie selbst bei der Arbeit sind und die ambulante Pflege
auch nicht gerade zufällig im Haus ist. Ich sage
dann immer, dass es auch im Pflegeheim passieren kann,
dass jemand mitten in der Nacht aus dem Bett fällt
und die Pfleger merken es erst am nächsten Morgen.
RUBENS: Und das wirkt?
Dirk Scholz: Ja, als Außenstehender hat man es
oft einfacher, die Leute zu überzeugen. Das betrifft
auch die Pflegebedürftigen. Es gibt ja den klassischen
Fall der 85-jährigen Demenzkranken, die ausgerechnet
in der halben Stunde, wo der Medizinische Dienst der
Krankenversicherung zur Feststellung der Pflegestufe
im Haus ist, zu Höchstform aufläuft, keinerlei
Symptome zeigt und behauptet, ganz allein den Haushalt
zu schmeißen. Das geht natürlich gar nicht,
da ist die eigentlich vollkommen berechtigte Pflegestufe
in Gefahr. Und wie man sich vorstellen kann, würde
die Dame nicht unbedingt auf ihre Tochter hören.
Ich habe als Außenstehender bessere Chancen. Ich
kann aber in solchen Situationen auch die Ärzte
von MDK bitten, noch etwas zu warten, bis sich erste
Demenzsymptome zeigen.
RUBENS: Das heißt, sie gehen durchaus
auch zu den Menschen nach Hause?
Dirk Scholz: Ja, aber das ist doch eher die Ausnahme.
Trägerunabhängig
RUBENS: Sind Sie bisweilen in ganz schweren
Stunden auch als Seelsorger gefragt?
Dirk Scholz: Gefragt ja, aber diese Aufgabe kann ich
bei aller Anteilnahme und einem gewissen Einfühlungsvermögen
dann doch nicht leisten. Hier würde ich eher Hospiz-Mitarbeiter
oder Pfarrer empfehlen.
RUBENS: Was ist als Dringendstes zu tun, wenn plötzlich
Mutter oder Vater zum Pflegefall werden, beispielsweise
nach einem Sturz?
Dirk Scholz: Zunächst wird es einen Krankenhausaufenthalt
geben und auch eine Reha-Maßnahme. Das gibt einem
schon mal ein paar Wochen Zeit, sich um eine Kurzzeitpflegeeinrichtung
zu kümmern und die Kostenträgerschaft zu klären.
Dann kann man auch schon mal gucken, was zu Hause umgebaut
werden müsste, damit Vater oder Mutter dort noch
gut klarkommen, falls es auf eine ambulante Pflege hinausläuft.
Als Nächstes geht’s um die Pflegestufe.
RUBENS: Und Sie begleiten diesen Prozess?
Dirk Scholz: Ich berate, informiere, helfe beim Ausfüllen
von Formularen. Und einiges mehr. Ich kann auch erste
Kontakte zu Pflegediensten oder Einrichtungen herstellen.
Da wir trägerunabhängig arbeiten, steht uns
hier die ganze Palette offen: von der bundesweit tätigen
Institution bis hin zur selbständig arbeitenden
Pflegerin, die eine 24-stündige ambulante Betreuung
übernimmt.
RUBENS: Welche Ziele haben Sie für Ihr
zweites Jahr an der RUB?
Dirk Scholz: Zum einen möchten wir die Zusammenarbeit
mit dem Forschungsinstitut Technologie und Behinderung
intensivieren. Geplant sind auch Infoveranstaltungen
an der Ruhr-Uni mit Leuten aus der Pflegepraxis und
eine Kooperation mit dem Bochumer NRW-Demenzstützpunkt
an der Unistraße. Ich möchte auch mit dafür
sorgen, dass das Thema „Vereinbarung von Pflege
und Beruf” weiterhin so gut angenommen wird an
der RUB. Das Schöne ist ja, dass wir nicht einfach
irgendwas anbieten, weil das in der weiten Welt honoriert
wird, das aber vor Ort niemanden interessiert. Das Gegenteil
ist der Fall: Unser Angebot ist nachfrageorientiert:
Der Bedarf ist da und wir passen das Angebot den Nachfragern
an.
Pflegeberatung an der RUB
Die Pflegeberatung an der RUB ist Aufgabe vom Elternservice
ProKids. Ansprechpartner ist Uwe Koßmann (UV 1/131,
-22772). Seine Sprechzeiten sind: Di 9-12 u. 14-16 h,
Mi 9-12 h, Do 12-16 h. Unterstützt wird er vom
Dipl.-Sozialarbeiter Dirk Scholz, der an jedem letzten
Dienstag im Monat von 16-18 h in Raum UV 2/231 berät
(nächster Termin: 26.1.2010). Das Angebot umfasst
Infos u.a. über: die Leistungen des Pflegeversicherungsgesetzes;
mögliche Leistungen und spezielle Beratungsangebote
im sozialen Bereich; die örtlichen Anbieter und
deren Leistungsangebote im pflegerischen und sozialen
Bereich; Einzelfallberatung über die erforderlichen
ambulanten, teilstationären, vollstationären
und komplementären Hilfen; Beratung zur Finanzierung
von notwendigen Hilfen, z.B. nach dem Pflegeversicherungsgesetz
und Unterstützung bei der Antragstellung; Koordination
einer oder mehrerer Hilfen und auf Wunsch Kontaktherstellung
mit zuständigen Anbietern; Vermittlungs-/Lotsendienste
(z.B. Informationsdienste für Senioren, Wohnberatung,
Krankenhaussozialdienste, ehrenamtliche Hilfen usw.).
Mehr unter: http://www.ruhr-uni-bochum.de/familiengerecht/
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