Klischees
zerbröseln unbemerkt
Deutsche
und türkischstämmige Familien und ihre sozialen
Netzwerke
Hier das Bild der Großfamilie, dort das vom Ehepaar
mit Hund. Doch spiegeln solche deutsch-türkischen
Klischees auch das tägliche Leben wieder? Psychologen
der RUB vergleichen türkischstämmige mit deutschen
Familien in ihren sozialen Netzwerken.
Kol kirilir yen icinde, bas yarilir bork icinde kalir
– Was auch immer in der Familie geschieht, bleibt
das Geheimnis der Familie. Das türkische Sprichwort
passt zum Pauschalbild von Familie, das viele Deutsche
ihren türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern
oder ihren Nachbarn mit Migrationshintergrund zuschreiben.
Es ist das Bild der Großfamilie, die fest zusammenhält
und in der sich die Familienmitglieder nach Kräften
unterstützten. Probleme werden traditionell intern
geregelt. Auf der anderen, der türkischen Seite stellt
sich die deutsche Familie eher als kleine Kernfamilie
mit losem Kontakt zur weiteren Verwandtschaft dar. Weit
verbreitet ist das Klischee vom fehlenden Familiensinn
der Deutschen: So mancher türkische Mitbürger
ist davon überzeugt, dass es deutschen Eltern am
liebsten sei, die Kinder gingen mit 18 aus dem Haus oder
dass Kinder überhaupt immer weniger gewollt seien.
Zumindest dieses Bild entspannt sich beim Blick auf die
Statistik: Gegenüber durchschnittlich 1,3 Kindern
der deutschen Familien machen 2,3 Kinder Familien mit
Migrationshintergrund auch nicht gleich zur Großfamilie.
Familienprojekt Migration
Entsprechen die gegenseitigen Vorstellungen von türkisch-deutschen
und deutschen Familien überhaupt noch der Realität?
Auf diese Frage können die Bochumer Psychologen
PD Dr. Birgit Leyendecker und Dr. Banu Citlak jetzt
zumindest für das Ruhrgebiet Antworten geben. Der
Einfluss der Migration auf den Stellenwert von Familie
und wie sich türkisch-deutsche und deutsche Familien
darin unterscheiden waren Fragestellungen zweier Projekte
ihres Teams. „Migration ist in vieler Hinsicht
ein Familienprojekt”, so Birgit Leyendecker. Erst
kommen die meist männlichen Pioniermigranten, dann
zieht die Familie nach. Prinzipiell kann Migration sowohl
den Zusammenhalt in der Familie stärken, als auch
Familien zerbrechen lassen, je nachdem, wie sie die
Herausforderungen und den Stress bewältigen, sich
an eine völlig andere kulturelle Umwelt anzupassen.
Interviews türkischer Eltern in der Türkei
und in Deutschland zeigen, dass die Bedeutung von Familie
nach der Migration zunimmt: Den in Deutschland lebenden,
meist aus ländlichen Regionen stammenden, türkischen
Familien liegt eine enge lebenslange familiäre
Bindung noch mehr am Herzen als den in der Türkei
lebenden Familien. So gehen türkischstämmige
Mütter der ersten Generation in Deutschland sehr
viel vorsichtiger mit Zugeständnissen an die Autonomie
ihrer Kinder um, als dies vergleichsweise Istanbuler
Mütter tun.
Familie stärkt die eigene kulturelle Identität
gegenüber der fremden Kultur, daher kontrastieren
türkischstämmige Mütter in Deutschland
die eigenen Erwartungen häufig noch mit ihrer Wahrnehmung
deutscher Familien. So betont etwa eine junge Mutter
der ersten Zuwanderer-Generation: „Sogar wenn
mein Sohn 30 und ein erfolgreicher Anwalt ist, möchte
ich, dass er bei uns wohnt, bis er heiratet.”
Auch bei Müttern den zweiten Generation, die in
Deutschland aufgewachsen sind, blieb der Stellenwert
von Familie sehr hoch.
Ein überraschend differenziertes Bild zeigen die
Ergebnisse einer umfangreichen Befragung zu den sozialen
Netzwerken von rund 150 türkischen und 130 deutschen
Müttern mit Kindern im Alter von anderthalb bis
vier Jahren. Dabei stand im Mittelpunkt, wen die Mütter
zu ihrem sozialen Netzwerk rechnen und welche Art von
Unterstützung sie erhalten. Zwar bilden in den
meisten sozialen Netzwerken türkischstämmiger
Mütter die Verwandten den größten Anteil
und werden als am wichtigsten eingeschätzt; ebenso
bestätigt sich der Wunsch nach möglichst langem
gemeinsamen Wohnen und lebenslangen engen Beziehung
zwischen Kindern, Eltern und Geschwistern. Doch viele
junge Mütter äußerten sich in Interviews
durchaus ambivalent zu den Beziehungen innerhalb der
Familie.
Schwiegermütter im sozialen Netzwerk kaum
gefragt
Die eigene Familie (aus Sicht der Mutter) ist sowohl
den türkischen als auch den deutschen Müttern
wichtiger als die eingeheiratete Familie. Dass bei den
türkischen Müttern insbesondere die Schwiegermütter
im sozialen Netzwerk kaum gefragt waren und seltener
in die Betreuung der Kinder einbezogen wurden, überraschte.
Auch die eigene Familie wird von einigen Müttern
durchaus kritisch gesehen: „Als ich jung war,
musste ich immer auf meine Geschwister aufpassen….
Ich trug immer ein Kind auf meinem Rücken; sobald
eins laufen konnte, war das nächste da. Meine Eltern
konnten nicht lesen und schreiben, hatten keine Schulbildung.”
Deutsche Mütter zeigten sich anhand der Studie
viel familienorientierter als erwartet. Viele junge
Familien wohnen in enger räumlicher Nähe zu
Eltern oder Schwiegereltern. Oft sind die Schwiegereltern
stark in die Kinderbetreuung eingebunden. Die Mütter
wünschen sich vor allem, dass ihre Kinder auch
später mit ihren Problemen zu ihnen kommen und
dass die Familie immer wichtig für die Kinder bleibt.
Aussagen wie „sie (die Kinder) werden ja irgendwann
heiraten oder zusammen leben”, oder „…,
dass sie sich verstehen … mit dem Mann oder mit
der Frau, und, dass sie eine gute Familie haben –
das würde mich freuen” machten sowohl deutsche
als auch türkischstämmige Mütter, die
seit früher Kindheit in Deutschland leben. Beginnen
hier Klischees vielleicht ganz unbemerkt zu zerbröseln?
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Der Beitrag – hier in leicht gekürzter Form
wiedergegeben – stammt aus dem aktuellen Wissenschaftsmagazin
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Barbara
Kruse
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