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RUBENS 138

1. Dezember 2009

Klischees zerbröseln unbemerkt

Deutsche und türkischstämmige Familien und ihre sozialen Netzwerke



Hier das Bild der Großfamilie, dort das vom Ehepaar mit Hund. Doch spiegeln solche deutsch-türkischen Klischees auch das tägliche Leben wieder? Psychologen der RUB vergleichen türkischstämmige mit deutschen Familien in ihren sozialen Netzwerken.


Kol kirilir yen icinde, bas yarilir bork icinde kalir – Was auch immer in der Familie geschieht, bleibt das Geheimnis der Familie. Das türkische Sprichwort passt zum Pauschalbild von Familie, das viele Deutsche ihren türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern oder ihren Nachbarn mit Migrationshintergrund zuschreiben. Es ist das Bild der Großfamilie, die fest zusammenhält und in der sich die Familienmitglieder nach Kräften unterstützten. Probleme werden traditionell intern geregelt. Auf der anderen, der türkischen Seite stellt sich die deutsche Familie eher als kleine Kernfamilie mit losem Kontakt zur weiteren Verwandtschaft dar. Weit verbreitet ist das Klischee vom fehlenden Familiensinn der Deutschen: So mancher türkische Mitbürger ist davon überzeugt, dass es deutschen Eltern am liebsten sei, die Kinder gingen mit 18 aus dem Haus oder dass Kinder überhaupt immer weniger gewollt seien. Zumindest dieses Bild entspannt sich beim Blick auf die Statistik: Gegenüber durchschnittlich 1,3 Kindern der deutschen Familien machen 2,3 Kinder Familien mit Migrationshintergrund auch nicht gleich zur Großfamilie.

Familienprojekt Migration

Entsprechen die gegenseitigen Vorstellungen von türkisch-deutschen und deutschen Familien überhaupt noch der Realität? Auf diese Frage können die Bochumer Psychologen PD Dr. Birgit Leyendecker und Dr. Banu Citlak jetzt zumindest für das Ruhrgebiet Antworten geben. Der Einfluss der Migration auf den Stellenwert von Familie und wie sich türkisch-deutsche und deutsche Familien darin unterscheiden waren Fragestellungen zweier Projekte ihres Teams. „Migration ist in vieler Hinsicht ein Familienprojekt”, so Birgit Leyendecker. Erst kommen die meist männlichen Pioniermigranten, dann zieht die Familie nach. Prinzipiell kann Migration sowohl den Zusammenhalt in der Familie stärken, als auch Familien zerbrechen lassen, je nachdem, wie sie die Herausforderungen und den Stress bewältigen, sich an eine völlig andere kulturelle Umwelt anzupassen.
Interviews türkischer Eltern in der Türkei und in Deutschland zeigen, dass die Bedeutung von Familie nach der Migration zunimmt: Den in Deutschland lebenden, meist aus ländlichen Regionen stammenden, türkischen Familien liegt eine enge lebenslange familiäre Bindung noch mehr am Herzen als den in der Türkei lebenden Familien. So gehen türkischstämmige Mütter der ersten Generation in Deutschland sehr viel vorsichtiger mit Zugeständnissen an die Autonomie ihrer Kinder um, als dies vergleichsweise Istanbuler Mütter tun.
Familie stärkt die eigene kulturelle Identität gegenüber der fremden Kultur, daher kontrastieren türkischstämmige Mütter in Deutschland die eigenen Erwartungen häufig noch mit ihrer Wahrnehmung deutscher Familien. So betont etwa eine junge Mutter der ersten Zuwanderer-Generation: „Sogar wenn mein Sohn 30 und ein erfolgreicher Anwalt ist, möchte ich, dass er bei uns wohnt, bis er heiratet.” Auch bei Müttern den zweiten Generation, die in Deutschland aufgewachsen sind, blieb der Stellenwert von Familie sehr hoch.
Ein überraschend differenziertes Bild zeigen die Ergebnisse einer umfangreichen Befragung zu den sozialen Netzwerken von rund 150 türkischen und 130 deutschen Müttern mit Kindern im Alter von anderthalb bis vier Jahren. Dabei stand im Mittelpunkt, wen die Mütter zu ihrem sozialen Netzwerk rechnen und welche Art von Unterstützung sie erhalten. Zwar bilden in den meisten sozialen Netzwerken türkischstämmiger Mütter die Verwandten den größten Anteil und werden als am wichtigsten eingeschätzt; ebenso bestätigt sich der Wunsch nach möglichst langem gemeinsamen Wohnen und lebenslangen engen Beziehung zwischen Kindern, Eltern und Geschwistern. Doch viele junge Mütter äußerten sich in Interviews durchaus ambivalent zu den Beziehungen innerhalb der Familie.

Schwiegermütter im sozialen Netzwerk kaum gefragt


Die eigene Familie (aus Sicht der Mutter) ist sowohl den türkischen als auch den deutschen Müttern wichtiger als die eingeheiratete Familie. Dass bei den türkischen Müttern insbesondere die Schwiegermütter im sozialen Netzwerk kaum gefragt waren und seltener in die Betreuung der Kinder einbezogen wurden, überraschte. Auch die eigene Familie wird von einigen Müttern durchaus kritisch gesehen: „Als ich jung war, musste ich immer auf meine Geschwister aufpassen…. Ich trug immer ein Kind auf meinem Rücken; sobald eins laufen konnte, war das nächste da. Meine Eltern konnten nicht lesen und schreiben, hatten keine Schulbildung.”
Deutsche Mütter zeigten sich anhand der Studie viel familienorientierter als erwartet. Viele junge Familien wohnen in enger räumlicher Nähe zu Eltern oder Schwiegereltern. Oft sind die Schwiegereltern stark in die Kinderbetreuung eingebunden. Die Mütter wünschen sich vor allem, dass ihre Kinder auch später mit ihren Problemen zu ihnen kommen und dass die Familie immer wichtig für die Kinder bleibt. Aussagen wie „sie (die Kinder) werden ja irgendwann heiraten oder zusammen leben”, oder „…, dass sie sich verstehen … mit dem Mann oder mit der Frau, und, dass sie eine gute Familie haben – das würde mich freuen” machten sowohl deutsche als auch türkischstämmige Mütter, die seit früher Kindheit in Deutschland leben. Beginnen hier Klischees vielleicht ganz unbemerkt zu zerbröseln?

Auch RUBIN im neuen Gewand
Der Beitrag – hier in leicht gekürzter Form wiedergegeben – stammt aus dem aktuellen Wissenschaftsmagazin RUBIN „Familie und Demografischer Wandel”. Auch RUBIN erscheint modern und frisch im neuen CD der Ruhr-Uni – lassen Sie sich überraschen!

Barbara Kruse
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Letzte Änderung: 30.11.2009| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik