Inklusive Mehrwert
Der Hochschulratsvorsitzende Jürgen Schlegel über
die ersten zwei Jahre des neuen Gremiums der RUB
Seit zwei Jahren bestimmt der Hochschulrat die Geschicke
der Ruhr-Universität maßgeblich mit. Zeit
für ein erstes Zwischenfazit. Am Rande der Fakultäten-Konferenz
vom 12. November traf sich Arne Dessaul mit dem Hochschulratsvorsitzenden
Jürgen Schlegel. Die beiden sprachen auch über
die Chancen der RUB bei der Neuauflage der Exzellenzinitiative.
RUBENS: Herr Schlegel, inklusive der Zeit
im Kuratorium begleiten Sie die Ruhr-Uni seit gut sechs
Jahren in wichtigen Funktionen. Fühlen Sie sich
mittlerweile als echtes RUB-Mitglied oder betrachten
Sie die Uni sozusagen mit einem internen und einem externen
Auge?
Jürgen Schlegel: Nach dem Gesetz bin ich als Hochschulrat
Mitglied der RUB. Ich habe in den letzten Jahren vor
allem viel Sympathie für die Uni und hohen Respekt
vor ihren Leistungen entwickelt. Die RUB kenne ich weit
länger als diese sechs Jahre. Während meiner
Arbeit im NRW-Wissenschaftsministerium 1975 bis 1990
hatte ich regelmäßig sehr intensive Gespräche
mit Vertretern der Ruhr-Uni. Das ist in den letzten
sechs Jahren natürlich noch mehr geworden. Mittlerweile
traue ich mir auch schon eine gewisse Kenntnis der Innenverhältnisse
der RUB zu. Andererseits hat sich die Ruhr-Uni bewusst
für einen extern besetzten Hochschulrat entschieden,
um auch den Blick von außen zu bekommen. Dies
erfordert von uns auch eine gewisse Distanz zur Hochschule.
Zweites Standbein
RUBENS: Wenn man Sie sprechen hört,
gewinnt man den Eindruck, dass Sie es nicht bereuen,
sich in dieses Amt wählen zu lassen?
Jürgen Schlegel: Überhaupt nicht! Das Amt
ist fast zu einem zweiten Standbein für mich geworden.
Es bedeutet weit mehr als die vier Hochschulratstreffen
hier in Bochum. Wir stehen im Hochschulrat zwischen
den Terminen intensiv in Kontakt, per Telefon, per E-Mail.
Hinzu kommen Treffen mit Vertretern der RUB, mit anderen
Hochschulräten im Land und darüber hinaus.
RUBENS: Hat sich die Ruhr-Uni in den Jahren,
seit Sie sie kennen, verändert?
Jürgen Schlegel: Ja. Sie war von der ursprünglichen
Zielsetzung auf Lehre, auf Entlastung der alten Universitäten
und auf die Schaffung wohnortnahen Studienangebots für
die studierwilligen jungen Menschen des Ruhrgebiets
ausgerichtet. Gerade in den letzten Jahren hat sich
jedoch der Fokus auf exzellente Forschung extrem verstärkt.
Die Lehre wurde dabei erfreulicherweise nicht aus den
Augen verloren. Ich hoffe, dass das auch so bleibt.
RUBENS: Lassen Sie uns über die Arbeit
des Hochschulrats reden. Sie treffen sich regelmäßig
an der RUB. Welche Themen standen zuletzt im Mittelpunkt?
Jürgen Schlegel: Wir haben uns in der letzten Sitzung
intensiv mit der Verwendung der Studiengebühren
auseinandergesetzt und darüber mit der Hochschulleitung
diskutiert. Wir wünschen uns ausdrücklich
eine zielgerichtete und zeitnahe Verwendung. Wir sehen
auch, dass die Ruhr-Uni sich in außerordentlich
starkem Maße genau darum bemüht. Wir haben
mit der Wahl der Prorektoren eine wichtige personelle
Weichenstellung für die RUB vollzogen. Außerdem
haben wir mit dem Rektorat lange über die Struktur-
und Entwicklungsplanung, insbesondere den Hochschulentwicklungsplan
diskutiert und am Ende die eine oder andere Akzentuierung
reingebracht. Die Campussanierung hatten wir mehrfach
auf der Tagesordnung. Die Exzellenzinitiative II wirft
ihre Schatten voraus. Wir haben im Dezember eine Klausursitzung,
die sich mit der Vorbereitung beschäftigt.
Offen und einmütig
RUBENS: Verlaufen die Diskussionen und
Entscheidungen innerhalb des Rates und mit dem Rektorat
einmütig oder gibt es auch Kontroversen?
Jürgen Schlegel: Die Entscheidungen im Hochschulrat
waren bislang einmütig. Die Diskussionen sind offen,
zuweilen gibt es unterschiedliche Standpunkte, die wir
bislang aber immer harmonisieren konnten. Wir treten
im Gespräch mit dem Rektorat nicht als Gegner auf,
das Gespräch verläuft immer partnerschaftlich.
Das jetzige Rektorat halten wir für ein gut zusammengestelltes
Team, die Zusammenarbeit läuft sehr gut.
RUBENS: Sie kommen außerdem häufig
nach Bochum, um sich mit Funktionsträgern der RUB
auszutauschen: mit dem Rektorat, der Fakultäten-Konferenz,
dem Senatsvorsitzenden, den Personalräten oder
dem Asta. Auf diese Weise hören Sie tief ins Innere
der Uni hinein und dürften gut informiert sein.
Welche Themen stehen zurzeit oben auf der Agenda?
Jürgen Schlegel: Die Bauplanung ist ein wichtiges
Thema gerade für die Beschäftigten. Das gilt
bei Studierenden und Lehrenden für die Verwendung
der Studiengebühren. Die Exzellenzinitiative wird
zunehmend zum Thema. Anders als zum Beispiel der Bologna-Prozess,
der an anderen Unis kontrovers diskutiert wird, in Bochum
aber kaum. Es zahlt sich aus, dass die RUB sehr früh
in den Prozess eingestiegen ist. Wir haben den Eindruck,
dass es viele Umstellungsprobleme, von denen man andernorts
hört, hier nicht mehr gibt. Das heißt nicht,
dass alles perfekt ist; aber der Umstellungsprozess
ist hier doch schon sehr gut vorangekommen. Der Hochschulrat
steht hinter dem Bologna-Prozess und wird nach Kräften
dazu beitragen, ihn erfolgreich abzuschließen.
RUBENS: Dann gibt es auch noch regelmäßige
Treffen mit den Hochschulräten der beiden anderen
Hochschulen der Universitätsallianz. Haben Sie
das Gefühl, dass hier etwas zusammenwächst?
Jürgen Schlegel: Erst gestern haben sich die Hochschulräte
und die Rektoren der drei Universitäten getroffen.
Das war ein so offenes und vertrauensvolles Gespräch,
dass man wirklich sagen kann, bei aller Unterschiedlichkeit
der Schwerpunkte: Hier entsteht eine Zusammenarbeit,
in der die drei Hochschulen da, wo es sinnvoll ist,
in Forschung, Lehre und Studium zusammenwirken, in der
sie aber auch weiter eigene Schwerpunkte entwickeln
–nicht in Gegnerschaft, sondern in vertrauensvoller
Partnerschaft miteinander. Die drei Hochschulen werden
ihr eigenes Profil in der UAMR behalten; das müssen
sie auch. Denn eine Uni mit 80.000 Studenten ist nicht
das, was man sich wünschen sollte.
Intensive Beratung
RUBENS: Sehen Sie den Hochschulrat eher
als beratendes oder als Aufsichts- und Kontrollgremium?
Jürgen Schlegel: Ich nehme das Gesetz als Maßstab.
An erster Stelle steht dort die Beratung, an zweiter
Stelle stehen die Aufsichts- und Zustimmungsrechte.
Beides sollte ausgewogen sein. Natürlich ist die
Beratung für die Entwicklung der RUB wesentlich
wichtiger; sie kann intensiver und individueller sein,
als dies früher durch das aufsichtführende
Ministerium möglich und gewünscht war.
RUBENS: Wenn Sie nach den ersten beiden Jahren
resümieren: Hat sich das neue Instrument Hochschulrat
bewährt?
Jürgen Schlegel: Bei der sehr langen Tradition
von Universitäten sind zwei Jahre natürlich
sehr wenig, um ein abschließendes Urteil zu fällen.
Ich denke aber, dass der Hochschulrat ein sinnvolles
Instrument ist. Dieser Eindruck wird in anderen Hochschulräten
des Landes geteilt. Ich hoffe, dass ihm die Politik
die Chance auf eine Weiterentwicklung lässt, um
auch die letzten Spuren von Misstrauen, die es hier
und da noch gibt, zu beseitigen.
RUBENS: Wobei der Hochschulrat der Ruhr-Universität
mit seinen ausschließlich externen Mitgliedern
ohnehin eine Besonderheit darstellt. Ist das eher ein
Vor- oder ein Nachteil?
Jürgen Schlegel: Es ist zunächst einmal so,
dass man vom Innengeschäft der Hochschule etwas
stärker abgeschnitten ist. Auf der anderen Seite
sind wir dadurch auch nicht Gefangene von Interessen,
die es innerhalb der Uni gibt. Wir haben den Eindruck,
dass die Zusammensetzung, so wie die RUB das entschieden
hat, für die Hochschule eine gute Wahl war. Im
Vergleich zu dem, was man aus anderen Hochschulen hört,
haben wir eine klare Linie, eine klare Struktur, die
für jedermann durchschaubar ist. Und wir hoffen,
dass wir das Defizit, das wir haben, weil wir alle von
außen kommen, dadurch ein wenig ausgleichen, dass
wir häufiger mit den Gruppen und den Gremien in
der Hochschule sprechen.
An Konzepte anknüpfen
RUBENS: Noch mal zur Exzellenzinitiative.
Wie schätzen Sie die Chancen der Ruhr-Universität
ein, dass ihr bei der Neuauflage der ganz große
Wurf gelingt?
Jürgen Schlegel: Wer hier zum Zuge kommt, zeigt,
dass er exzellente Konzepte hat. Das hat Bochum beim
letzten Mal mit der bundesweit nahezu einmaligen Research
School grandios geschafft. Ich hoffe sehr, dass diesmal
Forschungscluster erfolgreich sein werden, vielleicht
in Zusammenarbeit mit den UAMR-Hochschulen. Dann erst
stellt sich die Frage der dritten Förderlinie mit
den Zukunftskonzepten auch für Bochum. Die RUB
hatte ja schon in der ersten Exzellenzinitiative ein
überzeugendes Konzept für die dritte Förderlinie;
daran gilt es anzuknüpfen. Viele der seinerzeitigen
Planungen sind ja zwischenzeitlich mit anderen Mitteln
verwirklicht worden.
RUBENS: Wie wird der Hochschulrat die Bewerbung
der RUB unterstützen?
Jürgen Schlegel: Selbstverständlich! Jeder
von uns wird seine Erfahrungen einbringen. Wir werden
aber keine fachlichen Ratschläge geben, sondern
darauf achten, dass die Konzepte stimmig sind und auch
die außerfachlichen Kriterien der Exzellenzinitiative
berücksichtigen. Darin sehen wir unseren Mehrwert.
Hochschulrat
Der Hochschulrat der RUB ist seit Januar 2008 offiziell
im Amt. Die sechs Mitglieder bilden für insgesamt
fünf Jahre das höchste beschlussfassende Gremium
der Uni. Der Hochschulrat wählt u.a. die Mitglieder
des Rektorats. Er stimmt, basierend auf Empfehlungen
und Stellungnahmen des Senats, dem Hochschulentwicklungsplan,
dem Wirtschaftsplan und Zielvereinbarungen der RUB sowie
dem Rechenschaftsbericht des Rektorats zu. Damit kompensiert
das Gremium den Teilrückzug des Landes aus der
Fachaufsicht.
In der konstituierenden Sitzung am 19.1.08 wurde Jürgen
Schlegel zum Vorsitzenden des Hochschulrates gewählt.
Jürgen Schlegel (geb. 1945) ist seit 2008 Generalsekretär
der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz. Nach seinem
juristischen Staatsexamen 1973 in Köln wurde er
Leiter der Pressestelle und Assistent des Rektors der
Uni Köln. 1975-1990 arbeitete Jürgen Schlegel
im NRW-Wissenschaftsministerium und war Vertreter der
Länder in verschiedenen Gremien der EU und der
OECD. 1990-2007 war er Generalsekretär der Bund-Länder-Kommission.
2003-2007 war er Mitglied des Kuratoriums der RUB.
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