Eine Wissenschaft,
ein Labor
Gastkommentar zur Erweiterung des Alfried Krupp-Schülerlabors
Im Jahre 2001 begannen an der Ruhr-Universität die
Planungen zum Aufbau eines Schülerlabors für
den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Vor
fünf Jahren wurden die neuen, sehr großzügig
ausgestatteten Räume des Alfried Krupp-Schülerlabors
bezogen. Ein kleines Jubiläum, dazu eine ausgesprochene
Erfolgsgeschichte: Jährlich nutzen 7.000 Schülerinnen
und Schüler die ausgezeichneten Möglichkeiten
des Labors; mehr als 35.000 Teilnehmer waren bisher insgesamt
zu Gast.
Was damals noch die Ausnahme war, ist heute fast die Regel:
Inzwischen gibt es über 200 MINT-Schülerlabore
in Deutschland. Es hat sich herumgesprochen, dass diese
Einrichtung allen Beteiligten dient: Im Schülerlabor
wird Forschung hautnah erlebt. Diese Erfahrung befruchtet
den Schulunterricht, weckt Interesse und Neugierde auf
„mehr“. Die Faszination des Mitmachens und
des Forschens mit Wissenschaftlern, die von ihrer Arbeit
begeistert sind, steckt an. Im Wettbewerb nicht nur um
möglichst viele, sondern gerade um die besten Köpfe
der nächsten Studierenden- und der übernächsten
Wissenschaftler-Generation sind MINT-Schülerlabore
heute an der Tagesordnung.
Gemeinsames hervorheben
Aber warum nur MINT, warum nur Mathematik, Informatik,
Naturwissenschaften und Technik? Wenn das Besondere
zum Selbstverständlichen wird, ist es an der Zeit,
das Selbstverständliche zu überdenken: Ist
die Beschränkung eines RUB-Schülerlabors auf
die Natur- und Ingenieurwissenschaften evident, ist
sie gar notwendig? Unsere Antwort lautet: Weder noch!
Die Beschränkung ist nicht evident, denn auch die
geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen
stehen in einem Wettbewerb um die guten und besten Studierenden.
Und sie ist nicht notwendig, weil „Labor“,
ernst genommen, eine Stätte der angestrengten,
systematischen und methodisch geleiteten Arbeit ist.
Labore in diesem Sinne gibt es auch in den Geistes-
und Gesellschaftswissenschaften. Auch dort wird „experimentiert“,
um gezielt Erfahrungen an Gegenständen zu sammeln;
auch dort leisten die Gegenstände „Widerstand“,
bedarf es der fortwährenden, methodisch geleiteten
Entwicklung neuer Konzepte und Theorien, um sie in den
vorhandenen Wissensbestand zu integrieren und Neues,
Überraschendes zu entdecken. Das Gedankenexperiment
macht an der Grenze vom N- zum G-Bereich so wenig halt
wie die mathematisch solide Statistik oder das Verstehen
komplexer Texte. Dabei geht es uns, mit Blick auf das
Schülerlabor der RUB, nicht darum, die Unterschiede
zwischen den Wissenschaftskulturen wegzuwischen –
dies wäre grundfalsch –, sondern darum, das
Gemeinsame hervorzuheben.
Wissenschaft ist mehr als Know-how und Treibstoff für
die Wirtschaft. Wissenschaft bedeutet zunächst
und vor allem eine Haltung des Geistes. Sie wirkt ebenso
kritisch wie konstruktiv auf sich selbst zurück,
wenn sie sich mit einem Gegenstand auseinandersetzt
und entwickelt sich dadurch weiter. Diese eine Grundhaltung
ist allen Wissenschaften gemeinsam, und mit ihr wollen
wir unsere jungen Gäste im Alfried Krupp-Schülerlabor
bekannt machen, sie mit dieser Grundhaltung „anstecken“.
Es ist daher nur konsequent, wenn die Ruhr Universität
gemeinsam mit der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung
jetzt dem natur- und ingenieurwissenschaftlichen ein
geistes- und gesellschaftswissenschaftliches Labor an
die Seite stellt und beide unter einem Dach vereint.
Und der Schlussstein wird irgendwann wohl mit der Medizin
gesetzt, denn noch fehlt diese Fakultät im Schülerlabor.
Schranken abbauen
Das Schülerlabor als außerschulischer und
forschungsvermittelnder Lernort entwickelt sich weiter
zu einem Raum der Begegnung von Schule und Hochschule,
der Einblicke in alle Wissenschaften ermöglicht,
die eine Volluniversität wie die RUB zu bieten
hat. Dieser Schritt erweitert den Raum Schülerlabor:
Zum Labor werden auch die zahlreichen Bibliotheken,
Archivbestände, Kunstsammlungen und wissenschaftshistorischen
Bestände. Die Kooperation mit umliegenden Museen
und Bibliotheken eröffnet Möglichkeiten für
die G-Projekte. Das Schülerlabor wird also zu einem
Raum nicht nur in, sondern auch mit der Universität
und um sie herum.
Es ist sicherlich eine Herausforderung, die zeitlosen
wie auch die aktuellen Themen der geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen
Fächer Projekten den Schülerinnen und Schülern
erfahrbar zu machen. Die meisten Projekte dienen genuinen
Fragen dieser Fächer, und das ist richtig so. Das
gemeinsame Schülerlabor begünstigt aber auch
Projekte, die helfen sollen, die „N“- und
„G-Schranken“ in den Köpfen hier wie
dort abzubauen. Eine Wissenschaft, ein Alfried Krupp-Schülerlabor
der Ruhr-Universität: Wir sind jedenfalls begeistert
dabei und wünschen uns viele engagierte Mitstreiter
im Dienst an der gemeinsamen Sache!
Master- und Promotionsstipendien
Forschen an der spannenden Schnittstelle Schule-Hochschule:
Das Schülerlabor mit seinen 7.000 Schülern
jährlich ist der ideale Ort dafür. Es unterstützt
besonders gute Lehramtsstudierende bei ihren Masterarbeiten.
Einzige Vorgabe: Der Bezug zum Schülerlabor muss
überzeugend gelingen. Das liegt bei fachdidaktischen
oder erziehungswissenschaftlichen Themen nahe. Man kann
aber auch eine fachwissenschaftliche Arbeit in geeigneter
und origineller Form in ein laufendes Schülerprojekt
einbringen, eine Ausstellung darüber im Schülerlabor
machen oder sonst eine pfiffige Idee dazu geschickt
umsetzen. Etwa zehn Masterstipendien (500 Euro pro Monat)
können pro Jahr vergeben werden. Studierende des
Studiengangs M.Ed. aller Fächerkombinationen sind
angesprochen. Bewerbungen für Masterstipendien
sind laufend möglich, Promotionsstipendien werden
aktuell ausgeschrieben.
Infos und Ausschreibungen finden sich
auf den Internetseiten des Schülerlabors unter
http://www.rub.de/schuelerlabor
und auf den Internetseiten der Ruhr-University Reserach
School (Promotionsstipendien) unter http://www.research-school.rub.de
Roland
A. Fischer Fakultät für Chemie und Biochemie
Helmut Pulte, Fakultät für Philosophie und Erziehungswissenschaft
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