Experten für Krisen gehen ins Feld
Vor 20
Jahren wurde das IFHV an der Ruhr-Uni gegründet
„Wir arbeiten in einem enorm spannenden
Umfeld”: Die Begeisterung, mit der Dr. Markus Moke
über sein Institut spricht, steht sinnbildlich für
die Erfolgsgeschichte des IFHV (Institut für Friedenssicherungsrecht
und Humanitäres Völkerrecht). 1988 vom Juristen
und Alt-Rektor Prof. Knut Ipsen gegründet, blickte
das Institut vor kurzem mit einer Tagung zurück auf
zwei Jahrzehnte völkerrechtliche Forschung in Bochum.
Die Bilanz fällt in jeder Hinsicht positiv aus. Das
IFHV deckt den laut Moke „hohen juristischen Forschungsbedarf”
rund um die internationalen Krisenherde und die humanitären
Katastrophen mit ab; es bildet zugleich die Nachwuchskräfte
aus, die weltweit gefragt sind.
„Unsere Absolventen gehen ins Feld”, so Moke,
der den Bochumer Studiengang im europäischen Netzwerk
NOHA (Network on Humanitarian Assistance) koordiniert.
Der Masterstudiengang „Humanitäre Hilfe”
ist ein Baustein dieser grenzüberschreitenden Kooperation
und zugleich der Kern in der Ausbildung des IFHV. Rund
20 Studierende pro Jahr aus aller Welt studieren seit
1993 in Bochum „Humanitäre Hilfe” –
forschungsnah, interdisziplinär, fachübergreifend
und mit hohem Praxisbezug.
Krise in Osmania
Die Simulation humanitärer Krisen, z.B. im fiktiven
Staat Osmania, gehört ebenso dazu wie das Training
von Hilfseinsätzen unter realen Bedingungen, etwa
zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz auf Truppenübungsplätzen
der Bundeswehr. „Da üben die Studenten, wie
sie einen Jeep im Gelände fahren, Verletzte bergen,
Verwundete betreuen und ein Zeltlager errichten”,
beschreibt Moke die mehrtägigen praktischen Komponenten
des Studiums.
Die so ausgebildeten Absolventen, die häufig schon
praktische Erfahrung mitbringen, ehe sie noch ihren
Master machen, kommen bei zahlreichen nationalen und
internationalen Hilfsorganisationen unter. „Da
hantieren wir gern mit Abkürzungen”, sagt
Moke und zählt beispielsweise auf: THW, GTZ, UNHCR,
IKRK und einige mehr. Gemeint sind das Technische Hilfswerk,
die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit
GmbH, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten
Nationen, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz.
Gesucht werden die Bochumer Master aber auch von der
Weltbank, von World Vision, von Caritas und Malteser
und vom europäischen Amt für humanitäre
Hilfe. Warum dann nur 20 Studenten im Jahr? „Wir
wollen den weltweiten Markt nicht überfluten”,
so Markus Moke. „Zusammen mit unseren Partnern
im NOHA-Netzwerk bilden wir die Studenten an sieben
Universitäten in Europa aus, das sind insgesamt
140 Absolventen jährlich. Das reicht, um die Nachfrage
zu decken.”
Venedig-Master
Durch Kooperationen beteiligt sich das IFHV indes an
der Ausbildung von deutlich mehr Absolventen, die jedoch
höchstens ein Semester in Bochum verbringen und
ihre Heimatuniversität woanders haben. Das Institut
ist Partner des internationalen Menschenrechtszentrums
in Venedig (EMA) sowie der Programme „Master in
Peace and Security Studies” (Uni Hamburg) und
„European Regional Master in Democratisation and
Human Rights in South East Europe” gemeinsam mit
Unis aus Südosteuropa. Den sog. Venedig-Master
für Menschenrechte und Demokratisierung tragen
z.B. 41 Unis aus ganz Europa, dort gibt es 80 bis 100
Studierende im Jahr. „Die Absolventen gehen aber
eher in die politische Verbands- und Gremienarbeit”,
so Moke. Der international renommierte Völkerrechtler
Prof. Horst Fischer, Leiter des IFHV von seiner Gründung
an (seit 2007 beurlaubt), ist seit 2003 zugleich Präsident
des Menschenrechtszentrums in Venedig.
Zurück nach Bochum: Auch in diesem Wintersemester
nahmen wieder 20 Studierende den NOHA-Master in Angriff,
um später in Katastrophengebieten Hilfe vor Ort
zu leisten. Sie kommen u.a. aus Polen, Zypern, Liberia,
Schweden, Kamerun und Myanmar. Gesprochen wird natürlich
Englisch, und nicht nur Markus Moke findet die Mischung
„bereichernd”: „Wenn da ein studierter
Mediziner dabei ist, der schon im Kongo im Einsatz war,
dann profitieren auch die anderen Studierenden von dessen
Wissen und Erfahrung.” Allein durch die vier beteiligten
Fakultäten der Ruhr-Uni und durch die Auswahl der
Studierenden ergänzen sich im IFHV Jura, Sozial-
und Geowissenschaften sowie Medizin in Forschung und
Lehre.
Blick nach vorn
Wer bilanziert, blickt automatisch auch voraus, und
so war das formal im letzten Jahr, de facto in diesem
Jahr „gefeierte” Jubiläum des Instituts
natürlich nur eine Etappe auf dem weiteren Weg.
Was steht in Zukunft an? „Wasser oder besser das
Fehlen von Wasser, extreme Dürre – das ist
ein Forschungsfeld und eine Ursache künftiger Krisen,
in denen unsere Experten dringend benötigt werden”,
so Moke. Das Institut will und wird sich weiter vernetzen.
So wächst NOHA allmählich über Europa
hinaus und kooperiert u. a. mit Universitäten in
Brasilia, Kapstadt und mit der Columbia University,
New York, mit der das IFHV bzw. die RUB schon seit vielen
Jahren einen intensiven Kontakt pflegen.
Eine Bestätigung, dass die Bochumer Krisenexperten
auf dem richtigen Kurs sind, gab es vor kurzem von der
EU: Als einen von wenigen Studiengängen kürte
sie den NOHA-Master bereits zum zweiten Mal zu einem
„Flaggschiff-Studiengang” im Erasmus-Mundus-Programm.
„Für uns ist das ein toller Erfolg”,
so Moke, „und für internationale Hilfsorganisationen
hat sich NOHA inzwischen als Qualitätsbegriff etabliert.”
jw
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