Selbst ist die Fakultät
Die Philologen legen ein eigenes Stipendien-Programm
auf
Vier Promovierende der Fakultät für Philologie
können sich ab dem Wintersemester 09/10 frei von
Finanzsorgen ihrer Doktorarbeit widmen. Die Fakultät
hat als erste der RUB ein eigenes Stipendien-Programm
ins Leben gerufen, mit dem begabte Promovierende für
maximal drei Jahre gefördert werden können.
Julia Eckel, Judith Hildebrandt, Christoph Kraume und
Vivian Strotmann sind die ersten Stipendiaten.
Die Fakultät finanziert die Stipendien aus eigenen
Mitteln. Angelegt ist das Programm auf sechs Jahre; pro
Jahr können bis zu fünf Stipendiaten gefördert
werden. Insgesamt hatten sich in der fakultätsinternen
Ausschreibung 23 Interessenten beworben, von denen nach
intensiver Begutachtung durch eine Auswahlkommission neun
zu einem Kolloquium eingeladen wurden. „Die endgültige
Auswahl der vier Stipendiaten war nicht einfach, weil
sich sämtliche Projektvorhaben auf sehr hohem Niveau
bewegen”, berichtet Prof. Ralf Klabunde, Sprecher
des Programms. Ausgewählt wurde in Anlehnung an die
Kriterien, die auch die Research School ansetzt: Studiendauer,
Abschlussnote, innovative Qualität der Problemstellung,
Qualität des Projekts und Qualifikation des Antragstellers
flossen ein.
Pixelkreaturen
Menschen auf Monitoren, Figuren in Filmen, Personen
aus Pixeln – fast alle audiovisuellen Medien präsentieren
grafisch-akustische Wahrnehmungs-Konfigurationen, die
als (menschliche) Individuen identifiziert werden. Die
Frage allerdings, worum es sich bei diesen „Wesen“
genau handelt bzw. welche Beziehungen diese zu nicht-medialen
Individuen aufweisen, erhält in Zeiten digitaler
Bildgenerierung und Postproduktion und im Kontext der
Bilderflut von (Amateur-)Selbstdarstellungen im Internet
neue Brisanz. Julia Eckel will in ihrem Dissertationsprojekt
„Das Audioviduum“ prüfen, inwieweit
die Theoriearbeit zum „Individuum im Medium“
seit Aufkommen des Films einem Wandel unterliegt und
ob die fortschreitende Digitalisierung einen neuen Impuls
bedeuten muss.
Um die Abgrenzung der medialen Individuen von anderen
(soziologischen, psychologischen, philosophischen etc.)
Individuen-Konzepten zu ermöglichen, schlägt
sie den Begriff „Audioviduum“ vor. Er soll
die audiovisuellen Individuen terminologisch auf das
reduzieren, was sie in erster Linie sind: eine sichtbare
Oberfläche und/oder hörbare Laute. Ein „Audioviduum“
ist demnach ein medien-vermittelt akustisch-visuelles
Phänomen, das als Individuum mit menschlichen oder
wesenhaften Zügen interpretiert wird. Die Dissertation
soll die Medien- und Theoriegeschichte dieses „Audioviduums“
diskursanalytisch nachzeichnen und die mit ihm zusammenhängenden
Konzepte, Begriffe und Ideen im Kontext von Digitalisierung
und Intermedialität diskutieren.
Die Lücke Lenz
Judith Hildebrandt widmet sich der „Ästhetik
des Fragmentarischen. Zur Dramaturgie der Brüche
im Werk des Jakob Michael Reinhold Lenz”. Lenz
(1751-92) gilt als einer der wichtigen Autoren des 18.
Jahrhunderts. Dennoch ist sein Werk nur in Teilen erforscht,
was auch der problematischen Quellenlage geschuldet
ist. Erst seit 2007 sind seine späten Schriften
der Moskauer Jahre (1781-92) zugänglich.
Hildebrandt wird eine der ersten sein, die sich dem
Autor Lenz, seiner Zeit und seinem Einfluss auf die
Moderne mit besonderer Orientierung auf sein Spätwerk
widmet und mit der Bearbeitung einer Forschungslücke
beginnen. Vom Spätwerk ausgehend ergibt sich ein
Schwerpunkt der Ästhetik des Fragmentarischen,
die sich durch Lenz‘ gesamtes Werk zieht. Um diese
Ästhetik in Zusammenhang zu setzen und in der Entwicklung
von Lenz‘ Schreiben nachzuvollziehen, wird Hildebrandt
Interpretationen früherer und bereits lange veröffentlichter
Texte hinzuziehen.
Cicero in Frankreich
Christoph Kraume untersucht „Die Rekonstruktion
von Ciceros ‚De re publica’ durch J.E.D.
Bernardi“. Cicero muss mit ansehen, wie der aufstrebende
Caesar die römische Republik aus den Angeln hebt.
Er selbst, Republikaner und politisch kaltgestellt,
zieht sich ins Private zurück, um sich philosophischen
Studien zu widmen. Es entsteht eines seiner Hauptwerke:
das staatsphilosophische „De re publica“,
das als Fortführung ciceronischer Politik mit literarischen
Mitteln gelten kann. Im Mittelalter geht die Schrift
verloren und wird erst 1819 in Teilen wiederentdeckt.
1.800 Jahre später, Frankreich: Das Ancien Régime
bricht in der Französischen Revolution zusammen.
J.E.D. Bernardi, Kritiker der revolutionären Vorgänge,
zieht sich ins Private zurück und widmet sich philosophischen
Studien. Cicero, den er verehrt, steht dabei im Zentrum.
Doch dessen Hauptwerk bleibt verschollen. Bernardi versucht
es zu rekonstruieren. Das Ergebnis veröffentlicht
er 1798 in einer französischen Übersetzung
und 1807 in einer lateinischen sowie einer zweisprachigen
Fassung. Betreibt auch Bernardi Politik mit anderen
Mitteln und instrumentalisiert Cicero als Sprachrohr
für eigenes politisches Gedankengut oder ist sein
Vorhaben rein philologisch? Viele Indizien weisen auf
die erste These hin. So z.B. die Tatsache, dass die
Erstausgabe anonym erscheint und Bernardi sich der Nationalsprache
statt des Lateinischen bedient. Eine Analyse des lateinischen
Textes vor dem Hintergrund der Bernardi zur Verfügung
stehenden Quellen sowie ein Vergleich der Rekonstruktion
mit dem 1819 wieder aufgetauchten Fragment der ciceronischen
Schrift soll Aufschluss geben, welchen Stellenwert die
Arbeit des Franzosen in der Cicero-Rezeption einnimmt.
Unbekannter Berühmter
Vivian Strotmann erforscht Leben und Einfluss des persischen
Gelehrten Maðd al-Dîn al-Fîrzâbâdî
(1329-1415). Al-Fîrzâbâdîs Berühmtheit
steht in Kontrast zum geringen Forschungsaufkommen um
seine Person, sein Netzwerk und Werk, sowie dessen Rezeption
und Wirkung. Diese Lücke zu füllen ist ein
Schwerpunkt der Arbeit: Mit Hilfe arabischer und persischer
Primär- und Sekundärquellen plant Vivian Strotmann
zunächst ein Gelehrtenprofil. Unter Einbeziehung
von Forschungsliteratur zu relevanten historischen und
wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhängen ermöglicht
dieses Profil eine umfassende Einschätzung seines
Lebens und Wirkens als Gelehrter am Wendepunkt zur Frühen
Neuzeit, dessen Schaffen ebenso Einflüssen seiner
Zeit unterlag, wie es Impulse für spätere
Entwicklungen gab.
Basierend darauf möchte Strotmann das lexikographische
Schaffen al-Fîrzâbâdîs genauer
betrachten, insbesondere sein berühmtes Werk Qâms
al-mu_î_. Das Wörterbuch selbst sowie seine
kontroverse zeitgenössische und spätere Rezeption
wird Strotmann unter Berücksichtigung der ermittelten
biographischen Fakten und des Gelehrtennetzwerkes al-Fîrzâbâdîs
analysieren, um die Bedeutsamkeit des Werkes für
die arabische Sprachwissenschaft, die europäische
arabische Lexikographie und für die Etablierung
der Orientwissenschaften als akademisch-philologischer
Disziplin zu ermitteln.
md
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