Finden durch Farbe
Serie Campus & Kunst
Mit der Kunst ist das so eine Sache. Manchmal verursacht
sie einen Skandal, manchmal nur Desinteresse. Das gilt
zum Teil auch für die Kunst an der RUB. Diese Serie
will zeigen, dass die Werke auf dem Campus einen fantastischen
Querschnitt durch die Kunstrichtungen der 60er- und 70er-Jahre
bieten. Diesmal widmen wir uns bunten Orientierungshilfen
in NB.
„Hunderte von wissenschaftlichen und technischen
Mitarbeitern und tausende von Studenten [...] werden einer
geradezu kafkaesken Betonumwelt seit Jahren ausgeliefert,
[...]”. So lautet der Auszug eines Schreibens aus
dem Jahre 1979 an den damaligen Kanzler der RUB, in dem
ein Professor den inneren Zustand der Gebäude kritisierte.
Ähnliche Kritik hatte bereits in den Jahren zuvor
dafür gesorgt, dass man sich über eine farbliche
Gestaltung der Fassaden und ein äußeres Orientierungssystem
Gedanken machte. Im Zuge dieser farblichen Neugestaltung
entschied man sich schließlich, auch im Innern der
Institutsgebäude Ähnliches zu versuchen.
Dabei sollte eine bestimmte Zielsetzung verfolgt werden.
Vor allem den langen Fluren fehlte fast jede Sichtbeziehung
nach außen; sie wirkten daher besonders dunkel und
trist. Zudem erschwerte sich zusätzlich die Orientierung
innerhalb des Gebäudes. Durch die geplante Farbgestaltung
erhoffte man sich nicht nur ein freundlicheres Erscheinungsbild,
sondern auch eine optische Längenreduzierung und
verbesserte Orientierung.
1979 beauftragte man den Künstler Henryk Dywan –
von dem bereits das Ziegelrelief an der UB-Nordseite und
der Schriftzug RUHR-UNIVERSITÄT an der Parkhausausfahrt
stammten – gemeinsam mit dem Staatshochbauamt Entwürfe
auszuarbeiten. Dabei sollte im Inneren der Gebäude
auf die Verwendung der Bereichsfarben, Naturwissenschaften
= grün usw., verzichtet und jedes einzelne Gebäude
mit einem eigenen Farbton versehen werden. Vom Forum ausgehend
entständ so, beispielsweise im Innern der Einzelbauten
des N-Bereichs, ein Wechsel der Grundfarben von Rot für
NA über Gelb und Grün bis nach Blau für
ND. Dadurch sollte für die Nutzer vor allem eine
bessere horizontale Orientierung möglich werden.
An den Wänden der Flure waren als gestalterisches
Mittel bis zu vier horizontale Bänder in einem intensiveren
Grundfarbton vorgesehen, um die jeweilige Ebene unterhalb
des Erdgeschosses kenntlich zu machen und somit auch eine
vertikale Orientierung zu gewährleisten.
Aus Geldmangel gestoppt
Um die Länge der Flure optisch zu unterteilen,
wurden in gewissen Abständen große Motive
angeordnet, die individuelle Identität schaffen
und somit als zusätzliche Orientierungspunkte dienen
sollten. Wer sich heute von der Wirkung dieser Gestaltung
ein Bild machen möchte, hat im NB-Gebäude
auf Ebene 04 immer noch Gelegenheit dazu. Denn hier
wurde bereits im Oktober 1979 als erster Testversuch
eine komplette Fachbereichsebene fertiggestellt. Dem
Betrachter fällt sofort die Typographie der Schriftzüge
ins Auge, die auf Ausgänge, Aufzüge und andere
Gebäudeteile hinweisen. Es handelt sich um eine
sog. Stencil-Schrift, die in erster Linie von Transportkisten
und Militärfahrzeugen bekannt sein dürfte
und sich durch ihre Schablonenhaftigkeit auszeichnet.
Nicht zuletzt wird sie auch immer wieder mit dem Architekten
Le Corbusier assoziiert, der die Schrift in seinen Architekturzeichnungen
und Plänen verwendete.
Für 1981 war vorgesehen, alle Flachbereiche, das
bedeutete alle 0-Ebenen, nach dem entwickelten Farbkonzept
umzugestalten. Jedoch konnten die Arbeiten aufgrund
einer Kürzung der Haushaltsmittel seitens des Ministeriums
nicht weiter ausgeführt werden. Heute finden sich
an unterschiedlichen Orten der Uni immer wieder einzelne
Flurstücke, die diese Farbgestaltung in abgewandelter
Form aufgreifen. Doch bleibt NB 04 ein einzigartiges
Beispiel für die in den 70er-Jahren populär
gewordenen inneren Farbgestaltungen, besonders im Bereich
der öffentlichen Bauten.
Alexandra
Apfelbaum
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