Das Schülerlabor wächst
Einzigartig: Geisteswissenschaftliches Experimentieren
auf dem Campus
Als erste deutsche Hochschule gründet die Ruhr-Uni
ein Schülerlabor für Geisteswissenschaften.
Die Essener Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung
unterstützt die Einrichtung mit 100.000 Euro; das
Rektorat verdoppelt die Summe nach dem „Matching
Fund“-Prinzip. Alle zehn geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen
Fakultäten der RUB tragen das neue Schülerlabor:
Evangelische bzw. Katholische Theologie, Philosophie und
Erziehungswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Philologie,
Jura sowie Wirtschafts-, Sozial-, Ostasien- und Sportwissenschaften.
Sie bieten ab diesem Wintersemester Projekte für
Schulklassen an, die das gesamte Spektrum geisteswissenschaftlicher
Fächer und Forschung in Bochum abdecken.
Musils „Törleß“ hat ein Problem
mit imaginären Zahlen, und so gehen Schülerinnen
und Schüler eines Philosophie-Grundkurses aus Witten
in verschiedenen Bibliotheken der RUB dem Phänomen
dieser Zahlen auf den Grund. Im Alfried Krupp-Schülerlabor
– sonst ein Ort für naturwissenschaftlich-technische
Experimente – rauchen derweil die Köpfe über
dem „verflixten Möbius-Band“: Lässt
sich das in sich verdrehte Band auch zweidimensional darstellen?
Gar nicht so leicht. Und nach einer Einführung in
den goldenen Schnitt in der Kunst suchen die Schüler
in der Fakultät für Psychologie nach Antworten
auf die Frage, ob unser ästhetisches Empfinden angeboren
oder anerzogen ist.
Bioethik, Utopie, Islam
Experimentieren, Entdecken, Erleben in den Geisteswissenschaften:
Was mit 27 Zwölftklässlern im Frühjahr
erfolgreich als Pilotprojekt der Philosophie begann,
verstetigt sich nun an der RUB mit dem „Alfried
Krupp-Schülerlabors für Geisteswissenschaften“,
geleitet von Philosophie-Professor Helmut Pulte. Seine
Idee der „Mathematischen Spurensuche“ in
Philosophie, Kunst und Literatur mit den Wittener Schülern
war ein Vorläufer und ist zugleich eines der ersten
Projekte im neuen Schülerlabor. Derzeit laufen
die Planungen für ein großes Projekt im Februar
2010 mit 100 Schülern aus Hattingen, die sich einen
Tag lang mit der „Bioethik im Diskurs“ beschäftigen.
Von embryonaler Stammzelle und Würde des Embryos
bis hin zu Hirntod-Debatte und Sterbehilfe geht es um
naturwissenschaftlich-medizinische, ethische, rechtliche
und seelsorgerische Aspekte des menschlichen Lebens.
Philosophen, Juristen und Biologen konzipieren das Projekt.
Weitere geplante Themen sind „Utopisches Russland“
(Große Erwartungen und gescheiterte Visionen),
die kulturübergreifenden Ursprünge des Islam
sowie „Uns tut Deutschland gut“ –
ein Projekt, in dem Schüler sich mit Theorien und
Statistik in der sozialwissenschaftlichen Forschung
befassen, forschungsorientierte Interviews mit Migranten
konzipieren, erproben und die Ergebnisse auswerten.
Auch dieses Projekt hat im vergangenen Semester erstmals
stattgefunden.
In Zukunft eigene Räume
In der Startphase wird das Schülerlabor für
Geisteswissenschaften die Infrastruktur des Alfried
Krupp-Schülerlabors für Natur- und Ingenieurwissenschaften
sowie der beteiligten Fakultäten nutzen. Mittelfristig
ist geplant, eigene Räume zu beziehen, in denen
mehrere Gruppen gleichzeitig arbeiten können. Bis
zu 2.500 Schüler pro Jahr können dann die
Möglichkeiten an der Uni nutzen und geisteswissenschaftliche
Themen und Untersuchungsgegenstände kennenlernen,
Entdeckungen und neue Lernerfahrungen machen. „Im
Vergleich zum Schulunterricht geht es um eine andere,
wissenschaftsnahe Form und ein anderes Erleben der Wissensgewinnung“,
sagt Helmut Pulte. „Wir setzen darauf, dass die
Beteiligung an der Forschung ansteckt, dass die Teilnahme
an einem Projekt über den Tag hinaus wirkt. Ist
die Neugier geweckt, spornt das zum Weitermachen an.“
So sollen die Angebote den Schulunterricht bereichern
und zugleich dazu beitragen, noch mehr kluge Köpfe
für ein entsprechendes Studium an der Ruhr-Uni
zu gewinnen.
Die zahlreichen Bibliotheken, Archivbestände und
Kunstsammlungen bieten beste Voraussetzungen, den Schülern
den Umgang mit interessanten Originalen zu ermöglichen:
mit Büchern, Urkunden, Handschriften, Bildern und
Skulpturen. Aktuelle geisteswissenschaftliche Forschung
nutzt zudem das Internet oder computergestützte
Planspiele. Auch hierzu wird es Projekte geben. Darüber
hinaus sind Kooperationen mit umliegenden Museen und
Archiven geplant sowie mit außeruniversitären
Forschungseinrichtungen wie der Berlin-Brandenburgischen
Akademie der Wissenschaften, die seit 2006 das bundesweit
erste geisteswissenschaftliche Schülerlabor unterhält.
Das rund fünf Jahre alte naturwissenschaftlich-technische
Schülerlabor der RUB besuchen jährlich mehr
als 7.000 Schüler aus ganz NRW. Zusammen mit den
avisierten Zahlen des geisteswissenschaftlichen Labors
können in Zukunft etwa 10.000 Schüler pro
Jahr auf dem Bochumer Campus die Faszination der Wissenschaft
entdecken und erleben.
Info: http://www.rub.de/schuelerlabor
jw
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