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RUBENS 135

1. Juli 2009

Leuchtende Elemente & komplizierte Molekülwechselwirkungen


Zwei neue Emmy-Noether-Gruppen an der Fakultät für Chemie und Biochemie


Dr. Michael Seitz und Dr. Jörg Behler müssen sich um die Finanzierung ihrer Forschung an der Fakultät für Chemie und Biochemie keine Sorgen machen – zumindest in den nächsten fünf Jahren nicht. Beide werden seit Mai im Emmy-Noether-Programm der DFG gefördert und leiten eigene Nachwuchs-Forschungsgruppen. Seitz arbeitet mit farbig leuchtenden Elementen, die als Kennzeichnung sogar im menschlichen Körper eingesetzt werden sollen. Behler erforscht per Computersimulation komplizierte Molekülwechselwirkungen, z.B. an Oberflächen.


Michael Seitz erforscht mit seiner Arbeitsgruppe eine Klasse von 15 chemischen Elementen, die Lanthanoide. Zu ihren vielen einzigartigen Eigenschaften gehört die Lumineszenz: Sie leuchten unter UV-Licht, jedes in einer anderen, charakteristischen Farbe. „Der konkrete Fokus unserer Arbeit liegt auf zwei innovativen Anwendungen“, erklärt Seitz. Bei der Lumineszenz-Nanocodierung setzt er einzelne Lanthanoide in unterschiedlicher Weise zusammen. Er erzeugt so eine Vielzahl farbig-lumineszierender, molekularer Codes. Markiert man Moleküle mit diesen Codes, lassen sie und ihre Wechselwirkungen sich verfolgen. Dank der unterschiedlichen Farbzusammensetzungen ist es möglich, mehrere Objekte gleichzeitig zu beobachten, ohne sie zu verwechseln. Diese Methode eignet sich vor allem für biochemische Fragen, z.B. bei der Untersuchung von Stoffwechselprozessen.

Lanthanoide mit Lumineszenz

Der zweite Bereich ist das Bioimaging, die medizinische in-vivo-Diagnostik. Seitz versucht, mit Hilfe der lumineszierenden Lanthanoide direkt durch biologisches Gewebe hindurch Bilder zu erzeugen. Zwar sind bisherige nichtinvasive Verfahren wie die Magnetresonanz-(MRT) oder die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) heutzutage nicht mehr aus dem medizinischen Alltag wegzudenken, sie haben aber auch Nachteile: MRT braucht sehr starke Magnetfelder, PET arbeitet mit radioaktiven Substanzen. Beides stellt hohe technische und organisatorische Anforderungen, um die Sicherheit von Patienten und Personal zu gewährleisten. Seitz‘ Ziel ist es daher, eine schonendere Methode mit gleicher Leistung zu entwickeln. Grundlage dafür ist, dass biologisches Gewebe für Lichtstrahlen mit Wellenlängen im nahen Infrarot-Bereich des Spektrums (ca. 700 bis 1100 nm) nahezu transparent ist. Ein Kontrastmittel im Körper, das Wellen dieser Länge aussendet, kann damit von außen direkt durch die Haut lokalisiert werden. Die dabei verwendete Strahlung, im Wesentlichen Wärmestrahlung, ist völlig harmlos. Die Lanthanoiden-Lumineszenz ist für solche neuen Kontrastmittel besonders geeignet, vor allem wegen ihrer sehr langen Lumineszenz-Abklingzeiten, was eine Detektion technisch vereinfacht. Ziel dieser Grundlagenforschung ist es, die Technik für die medizinische Diagnostik verfügbar zu machen, wobei die tatsächliche Nutzung in der Klinik noch in weiter Ferne liegt.
Jörg Behler beschäftigt sich mit Computersimulationen chemischer Vorgänge. Er arbeitet an einer neuen Methode zur effizienteren Beschreibung der Wechselwirkungen zwischen Atomen in komplexen chemischen Systemen. Seit der Entwicklung der Quantenmechanik ist es zwar im Prinzip möglich, chemische Reaktionen exakt zu berechnen. Allerdings ist der damit verbundene Rechenaufwand für die meisten chemischen Fragen so hoch, dass selbst modernste Supercomputer davor kapitulieren. Behler kombiniert nun die Ergebnisse genauer quantenmechanischer Rechnungen mit Erkenntnissen aus der Bioinformatik. Mit künstlichen neuronalen Netzen, die ursprünglich entwickelt wurden, um die Signalverarbeitung im menschlichen Gehirn zu verstehen, beschreibt er die chemischen Bindungen zwischen Atomen. Dadurch können diese etwa 100.000-mal schneller berechnet werden – mit fast derselben Genauigkeit. „Auf Grund dieses Erfolgs sind wir nun in der Lage, völlig neue Fragen zu untersuchen. Wir können jetzt quasi mit einem Theoriemikroskop chemische Vorgänge auf atomarer Ebene beobachten“, erklärt er.

Quantenmechanik plus Bioinformatik

Ziel dieser Entwicklungen sind zwei Anwendungsbereiche: Zum Beispiel lässt sich mit den künstlichen neuronalen Netzen die Kristallstruktur von Stoffen bestimmen. Diese wiederum lässt Rückschlüsse auf die Stabilität und die mechanischen Eigenschaften zu. Behler kann so das Verhalten von Materialien unter extremen Bedingungen wie hohem Druck oder hohen Temperaturen simulieren und vorhersagen. Zudem kann er komplexe chemische Reaktionen an Festkörperoberflächen untersuchen. Dies ist besonders in den Materialwissenschaften von Bedeutung, wenn es z.B. darum geht, die Korrosion von Metallen zu verhindern. Im Sonderforschungsbereich 558 (Metall-Substrat-Wechselwirkungen in der heterogenen Katalyse) der RUB, dessen Förderung durch die DFG erst kürzlich um drei Jahre verlängert wurde, steuert Behler weiterhin ein neues Teilprojekt bei. Hier untersucht er die Struktur von Kupferpartikeln auf Oxidoberflächen. „Kupferpartikel dienen in der chemischen Industrie als Katalysator bei der Herstellung von Methanol, einer wichtigen Grundchemikalie. Um die Wirkungsweise der Kupferpartikel zu verstehen, muss man deren Struktur genau kennen“, sagt der Chemiker.
Die gute personelle und technische Ausstattung der Emmy-Noether-Gruppen macht den Weg frei für eine frühe wissenschaftliche Selbständigkeit. Die Nachwuchswissenschaftler können sich ganz ihrer Forschung, ihren Lehrveranstaltungen und ihern Doktoranden widmen. Innerhalb von fünf Jahren können sich Seitz und Behler als Hochschullehrer qualifizieren. Beide sind Mitglieder des neuen Research Departments „Interfacial Systems Chemistry“ an der RUB (http://www.rub.de/ifsc). Fachübergreifend arbeiten Forscher hier an einem grundlegenden Verständnis molekularer Strukturen und intermolekularer Wechselwirkungen. Für ihre herausragenden Forschungsleistungen hatten Seitz und Behler bereits 2008 das Liebig-Stipendium des Fonds der Chemischen Industrie erhalten.

Infos: http://www.theochem.rub.de/research/behler/; http://www.lanthanoid.org, (Seitz).

Julia Brosig
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