Bochum-Campus
Rektor Prof. Elmar Weiler über den „Masterplan
Universität – Stadt”
Wenn sich kreative Köpfe über einen längeren
Zeitraum zusammensetzen, kann am Ende ein großer,
visionärer Plan entstehen. In diesem Fall entwickelten
Vertreter der RUB, der Hochschule Bochum, der Stadt Bochum,
der Industrie- und Handelskammer, des Bau- und Liegenschaftsbetriebes
NRW (BLB) sowie eines Büros für Architektur
und Stadtplanung den „Masterplan Universität
– Stadt”. Wenn er dereinst umgesetzt ist (inkl.
der Campussanierung und zusammen mit dem Gesundheitscampus
NRW), werden der Bochumer Süden und die Ruhr-Uni
wahrscheinlich kaum wiederzukennen sein. Über die
Bedeutung des Masterplans für das seit langem gewünschte
Zusammenwachsen von Uni und Stadt sprach Arne Dessaul
mit Rektor Prof. Elmar Weiler.
RUBENS: Herr Prof. Weiler, wie muss man sich
das Zustandekommen des „Masterplans” vorstellen?
Von wem ging die Initiative aus? Die Idee, Hochschulen
und Stadt enger zu verknüpfen, existiert ja schon
länger.
Prof. Weiler: Es gibt ja den Arbeitskreis der vier Bochumer
Hochschulen und der Stadt Bochum, BO-hoch-vier, der sich
regelmäßig trifft und sich über Zukunftsthemen
austauscht. Da ging es zuletzt natürlich häufig
um die Generalsanierung des Campus. Daraus entwickelte
sich die Idee der Stadt, auch das Umfeld des Campus und
die Infrastruktur mit Verkehrswegen und Wirtschaftsansiedlungen
etc. zu verbessern.
Regiebuch für 27 Projekte
RUBENS: Wie lange dauerte es, bis der Masterplan
jetzt in gedruckter Form als Projektatlas vorliegen
konnte?
Prof. Weiler: Das dauerte gut ein Jahr. Wir saßen
auch zum Teil mit 30 bis 40 Leuten an einem Tisch.
RUBENS: Wer war das alles?
Prof. Weiler: Vertreter der Stadt, der Hochschulen,
des BLB sowie kommunaler Einrichtungen, aber auch aus
der Privatwirtschaft wie der Geschäftsführung
des Uni-Centers. Das Ganze wurde sehr professionell
von einem Projektplanungsbüro moderiert. Jetzt
haben wir eine Art Regiebuch vorliegen, in dem steht,
wohin es in den nächsten Jahren gehen kann. Insgesamt
27 Projekte werden dort beschrieben.
RUBENS: Von welchen versprechen Sie sich die größte
Wirkung für die RUB, abgesehen von der Generalsanierung,
die auch aufgeführt ist?
Prof. Weiler: Wichtig sind alle, weil es grundsätzlich
darum geht, die Umgebung des Campus attraktiver zu machen,
die Zufahrtswege systematisch zu verbessern und den
Campus der RUB, den der Hochschule und demnächst
auch den Gesundheitscampus enger an die Stadt zu binden.
Wie das funktionieren kann, ist – zum Teil noch
als Handlungsempfehlung – in den Einzelprojekten
festgehalten. Da geht es beispielsweise um die Ansiedlung
von wissenschaftsnahen Instituten und Firmen an verschiedenen
Stellen der Universitätsstraße. Stadt und
Uni bewegen sich hier also sichtbar aufeinander zu,
auch baulich.
Wir sind ohnehin voneinander abhängig: Wir brauchen
die Stadt und die Stadt braucht uns. Die Ruhr-Uni ist
zunehmend ein Motor der wirtschaftlichen Entwicklung
der Stadt. Vielleicht gibt es eines Tages einen großen
Bochumer Stadtteil, der ganz einfach „Campus”
heißt und der sich von der Innenstadt bis hin
zum jetzigen Zentralcampus erstreckt. Auch wenn das
womöglich noch 50 Jahre dauern kann.
Institute in der Innenstadt
RUBENS: Viele träumen schon länger
davon, dass man am Bahnhof oder an den Ortseingängen
mit einem Schild „Willkommen in der Universitätsstadt
Bochum” empfangen wird. Sie selbst haben die Vision
eines „Campus in the City”. Wie realistisch
ist diese Vision?
Prof. Weiler: Das mit den Schildern könnte sogar
schon in weniger als fünf Jahren Wirklichkeit sein,
darüber denkt die Stadt sehr konkret nach. Andererseits
geht es mir darum, dass die Ruhr-Uni in der Innenstadt
sichtbarer wird. Wir haben in der Clemensstraße
das Haus der Geschichte des Ruhrgebiets mit der Bibliothek
des Ruhrgebiets und mit dem Institut für soziale
Bewegungen. Warum soll nicht ein großes Schild
zeigen, dass es sich um eine Einrichtung der RUB handelt!?
Und warum sollen wir nicht weitere Institute in der
Innenstadt ansiedeln?! Wenn Sie bedenken, dass man mit
der U 35 schneller am Hauptbahnhof ist, als zu Fuß
von GC zu NC zu laufen. Und der räumliche Bedarf
ist da, wenn man beispielsweise sieht, wie provisorisch
wir bislang das geisteswissenschaftliche Kolleg unterbringen
müssen. Wenn es ein geeignetes Gebäude in
der Nähe eines U35-Bahnhofs geben würde, warum
nicht?
RUBENS: Andererseits ist der Masterplan nur
ein Teil der Zukunft der RUB. Vor einigen Wochen fiel
die Entscheidung, dass Bochum den sog. Gesundheitscampus
bekommt. Inwiefern wird die RUB auch davon profitieren?
Prof. Weiler: Zunächst indirekt von der dann noch
vielfältigeren und lebendigeren Hochschullandschaft
in Bochum. Es wird naturgemäß Kooperationen
zwischen den einzelnen Instituten und Behörden
des Gesundheitscampus und der RUB geben, man wird Forschungseinrichtungen
gemeinsam nutzen. Ich verspreche mir auch einen gehörigen
Schub für die Ansiedlung von Medizintechnik-Firmen
im Biomedizinpark. Medizintechnik ist ohnehin ein Thema
an der Ruhr-Universität. Das Europäische Proteinforschungszentrum
PURE, das zum Gesundheitscampus gehört, ist sogar
in der Aufbauphase als eine Einrichtung der RUB geplant.
Durch seine anwendungsorientierte Ausrichtung im Bereich
der biomedizinischen Diagnostik kann es mittelfristig
jedoch zu einem außeruniversitären Forschungsinstitut
weiterentwickelt werden und somit wieder eine Brücke
von der RUB in den Gesundheitscampus schlagen. Insgesamt
bietet uns der Gesundheitscampus eine sehr gute Perspektive.
Das Ganze ist außerdem ein gutes Beispiel für
eine gelungene Zusammenarbeit der Bochumer Hochschulen
und der Stadt, die sich mit einem integrierten Konzept
in diesem Wettbewerb durchgesetzt haben. Ich denke,
das wird nicht das letzte gemeinsame Großprojekt
sein.
RUBENS: Eventuell wird sich die Uni im Zuge
der Campusgründung vom Universitätshochhaus
West UHW trennen, weil dort die Fachhochschule für
Gesundheitsberufe einziehen könnte. Liegen da schon
konkrete Pläne vor?
Prof. Weiler: Da läuft die Planung noch, und daran
sind neben der gerade erst ernannten Gründungsrektorin
und dem Gründungskanzler verschiedene Landesministerien
beteiligt. Das UHW ist nur eine der Alternativen, ein
Neubau wäre ebenfalls denkbar, das hat die Stadt
Bochum von vornherein angeboten.
Fließende Übergänge
RUBENS: Damit berühren wir zugleich
die Campussanierung, ein weiteres Stück Zukunft
der RUB. Wahrscheinlich wird man den Campus und den
gesamten Bochumer Süden in 15 Jahren nicht mehr
wiedererkennen. Können wir uns uneingeschränkt
darauf freuen?
Prof. Weiler: Ich glaube schon. Wenn wir aufpassen und
jeden einzelnen Baustein richtig setzen und uns keine
Optionen verbauen. Es muss selbstverständlich ökologisch
gebaut werden, statt einfach nur Grünflächen
zuzubetonieren. Es darf auch nicht darum gehen, den
Stil des jetzigen Campus großflächig auszudehnen.
Vielmehr geht es wie schon angesprochen um eine urbane
Lösung. Dadurch entsteht ein Campus ganz anderer
Art in der Umgebung der Hochschulen. Wenn man zukünftig
beispielsweise die Universitätsstraße entlangfährt,
soll man nicht mehr unterscheiden können, was ein
universitäres und was ein städtisches oder
privates Gebäude ist, das muss fließend ineinander
übergehen. Ich denke, für all das ist der
Masterplan ein sehr, sehr guter Startpunkt. Man muss
das Ganze immer vor dem Hintergrund der großen
Vision sehen. Man darf keine Einzelprojekte daraus machen,
die unverbunden sind und sich hinterher auch nicht mehr
vernünftig verbinden lassen. Ich denke, eine klare
Fehlentwicklung in der Konzeption des Umfeldes der Ruhr-Universität
war, rückblickend betrachtet, das Uni-Center. Das
hat den Campus eigentlich noch weiter weggerückt
von der Stadt, das würde man heute nie und nimmer
wieder so machen, auch von der Art des Bauens her. Solche
Fehlentwicklungen soll der Masterplan von Anfang an
vermeiden helfen.
Masterplan
Insgesamt umfasst der Projektatlas zum „Masterplan
Universität – Stadt” 27 Einzelprojekte.
Dazu zählen u.a. die auf mindestens 13 Jahre angelegte
Campussanierung der RUB, der Ausbau der Hochschule Bochum,
des Technologie-Quartiers, des Technologiezentrums,
des Biomedizinischen Zentrums und des Biomedizinparks,
eine bessere Anbindung des Landesspracheninstituts an
RUB und Hochschule durch zusätzliche Wege und Beschilderungen,
eine Belebung des Uni-Centers, die Umwandlung der Lennershof-Siedlung
in ein sog. Campus Quartier mit modernen Wohn- und Arbeitskonzepten
für (internationale) Studenten und Wissenschaftler,
die Revitalisierung der inneren Hustadt, die Trassen-Verlängerung
der U 35 bis zur Hochschule inkl. der neuen Haltestellen
„Biomedizinpark”, „Gesundheitscampus”
und „Technologie-Quartier”, eine bessere
Verbindung zwischen Kemnader See, Lottental und Ruhr-Uni
mittels einer sog. Landschaftstreppe, die Weiterentwicklung
der Bibliothek des Ruhrgebiets sowie die Etablierung
von innovativen, zukunftsorientierten (und damit wissenschaftsnahen)
Firmen entlang der Universitätsstraße. Einige
Projekte (wie der Bau des Unigebäudes ID) sind
bereits angelaufen, insgesamt wird sich die Umsetzung
des Masterplans bis in die 2020er-Jahre erstrecken.
Neben der besseren Verzahnung von Hochschulen und Stadt
zielt der Plan natürlich auch auf infrastrukturelle
Verbesserungen des Bochumer Südens: Wirtschaft
(Arbeitsplätze), Verkehrswege und Freizeiteinrichtungen.
Gesundheitscampus
Um den Standort des Gesundheitscampus NRW hatten bis
zuletzt vor allem Bochum und Essen konkurriert. Mitte
Mai erklärte die Landesregierung schließlich
Bochum zum Sieger. Der Campus soll im Bochumer Süden
im Umfeld der Ruhr-Uni entstehen. Dort sollen bereits
vorhandene und noch zu gründende Einrichtungen
der Gesundheitswirtschaft in einem Zentrum gebündelt,
vernetzt und weiterentwickelt werden. Innovationen in
der Gesundheitsforschung sollen so gezielt gefördert
werden. Kernstück ist die bundesweit erste öffentlich-rechtliche,
bis zu 1.000 Studienplätze fassende Fachhochschule
für Gesundheitsberufe (Gesundheits- und Krankenpfleger,
Altenpfleger, Hebammen, Logopäden, Ergotherapeuten,
Physiotherapeuten). Weiterhin gehören zum Gesundheitscampus
NRW z.B. das Landesinstitut für Gesundheit und
Arbeit, das Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen,
das Europäische Protein Forschungszentrum (PURE),
die MedEconRuhr und das Clustermanagement „Gesundheitswirtschaft”.
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