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RUBENS 135

1. Juli 2009

Molch gesucht, Salamander gefunden


Lehrreich: Geografen erstellen Umweltverträglichkeitsstudie

Eigentlich wollte Julia Fröhlich einen Molch finden, stattdessen ging sie auf Tuchfühlung mit einem 15-Zentimeter-Salamanderweibchen. Gefunden wurde es bei der Kartierung des Berger Bachtals im Bochumer Norden, wo Master- und Bachelorstudierende der Geografie für ein fiktives Straßenbauprojekt eine Umweltverträglichkeitsstudie anfertigen. Dank Förderung aus dem Wettbewerb „lehrreich” konnten echte Planer und Gutachter als Auftraggeber und Berater gewonnen werden, damit alles so zugeht wie in Wirklichkeit.


Dienstagnachmittag, ein kleiner Seminarraum in NA. Mehrere Leute schleppen Stühle herbei. Unter ihnen Dr. Angela Hof. Die Geografin leitet zusammen mit Prof. Thomas Schmitt und Ingo Hetzel das im Wettbewerb lehrreich prämierte Doppelseminar zum Thema Modellierung und Geländemethoden der Biogeographie. „Sollen wir die Bank hier nehmen?”, ruft sie. Sie nehmen sie: Es ist wirklich voll. Sämtliche Teilnehmer haben sich eingefunden, die Hälfte Masterstudierende, die andere Hälfte Bachelorstudierende. Man beäugt sich neugierig. „Den da hinten hab ich als Master in Verdacht”, flüstert einer auf der Bank seinem Nebenmann zu. Zum Kennenlernen sind alle hier, denn es sollen Teams werden aus den Erfahreneren und weniger Erfahrenen.
Der Plan ist: Das Herner Planungsbüro Bosch & Partner wird einen fiktiven Auftrag an die Masterstudierenden vergeben: Eine Umweltverträglichkeitsstudie für den Bau einer Straße durch das Berger Bachtal im Norden Bochums – ein Naturschutzgebiet, in dem zwar nie und nimmer eine Straße gebaut werden würde, das aber dafür reichlich Gegenstand bieten sollte für die Studie, zu der unter anderem die Erhebung sämtlicher Tier- und Pflanzenarten im betroffenen Gebiet gehört. Die Masterstudierenden erledigen Teile der Arbeit, treten aber andere an Subunternehmer ab, nämlich die Bachelorkommilitonen, und erledigen einiges auch mit ihnen gemeinsam, wie zum Beispiel die Biotopkartierung. Alles wie in Wirklichkeit also und daher „lehrreich”.

Nicht mit Filzstift schreiben!

Das Projekt läuft über zwei Semester und ist mit Zwischenberichten und gegenseitiger Evaluation verbunden. Damit man im komplexen Terminplan den Überblick behält – immerhin müssen zwei zu unterschiedlichen Zeiten laufende Seminare zusammengebracht werden – ist schon ein Blackboardkurs angelegt. Simon Wiggen ist als wissenschaftliche Hilfskraft dem Kurs zugeordnet und hilft allen sich zurechtzufinden.
Nachdem die Formalitäten geklärt sind und alle wissen, wo das Berger Bachtal ist, geht man zum gemütlichen Teil des Nachmittags über. Angela Hof und Ingo Hetzel haben Kuchen gebacken – auch ganz schön lehrreich!
Dienstagnachmittag, ein größerer Seminarraum im NA. Heute treffen sich die Masterstudierenden mit ihrem Auftraggeber: Dr. Stefan Balla vom Planungsbüro Bosch & Partner ist da. Er präsentiert den studentischen Auftragnehmern ihr Projekt, das sie im kommenden Jahr beschäftigen wird: Die Vorarbeiten zum Ausbau der Tenthoffstraße durch das Berger Bachtal von Bochum-Bergen nach Herne-Sodingen.
Bestandserfassung, Konfliktanalyse, Maßnahmenplanung – das tägliche Brot des Planungsbüros. Balla, der selbst bis 1996 Geografie an der RUB studiert hat, fasst zusammen, worauf es ankommt. CBP, LAP, FFH, Artenschutzbestimmungen, Kammmolche und Hamster, EU-Richtlinien ... Das hier ist der notwendige, staubtrockene Teil der Arbeit eines Geografen oder Landschaftsplaners. Stefan Balla erzählt aus der Praxis und holt die Gesetzeslitanei wieder in die Wirklichkeit zurück: „Wenn der Bebauungsplan den Bau einer Straße vorsieht, ist im Grunde nicht mehr daran zu rütteln, dass sie auch gebaut wird”, meint er. Aufgabe des Planungsbüros sei es, die möglichen Auswirkungen auf Biotope und geschützte Tier- und Pflanzenarten abzuschätzen und gegebenenfalls Maßnahmen vorzuschlagen, die dafür sorgen, dass der Schaden möglichst gering bleibt. Soll heißen: Die Trasse ein wenig anders zu führen als ursprünglich geplant. Amphibiendurchgänge einzuplanen. Für gefällte Bäume neue anzupflanzen. Eine Brücke zu bauen anstatt einen Wall aufzuschütten.
„Mein Tipp für die Arbeit im Feld: Vollständig protokollieren und leserlich schreiben”, gibt er den Studenten noch mit auf den Weg. „Sonst kann man seine eigenen Aufzeichnungen später nicht mehr lesen. Und regensicher schreiben, nicht mit Filzstift. Und die Unterlagen nicht zu lange liegenlassen, sondern bald weiter bearbeiten. Dann hat man noch im Kopf, was man sich nicht notiert hat.” Alle schreiben emsig mit – das kann man nächste Woche brauchen!

Hüfthohe Gummistiefel

Montagmorgen, Parkplatz am Berger Bachtal. Ein Grüppchen Frierender tritt von einem Fuß auf den anderen. Ein Mann mit Schirmmütze und brauner Lederjacke zieht aus seinem Kombi Kescher, Reusen, Plastikwannen hervor. Guido Weber ist bestens gerüstet. Die Suche nach sog. planungsrelevanten Arten ist sein Job, seine Agentur „Weluga” hat sich darauf spezialisiert. Bedenkliche Gesichter, als er überkniehohe Gummistiefel hervorzaubert und auf der Ladekante sitzend über seine Hose zieht. Sind die eigenen Sportschuhe wirklich das richtige Schuhwerk? Amphibienkartierung steht heute auf dem Plan. In den nächsten Wochen werden auch noch Vogel- und Fledermausarten erhoben, außerdem Biotoptypen ermittelt.
Inzwischen sind alle da, 15 Bachelorstudenten wandern ins Grüne, zunächst auf dem Spazierweg trockenen Fußes. Eins macht Weber gleich klar: Wir sind spät dran im April. „Erdkröte und Grasfrosch wandern im Februar/März, und eigentlich sind die Tiere eher nachts unterwegs.” Aber Spätlaichern wie Kreuzkröte und Wasserfrosch könnten wir begegnen, und den ein oder anderen Molch werden wir schon finden, ist er zuversichtlich. Ein Fischreiher steht bewegungslos im flachen Wasser. Ein guter Hinweis: Wo er nach Futter sucht, könnten auch Geografen auf Leben stoßen.
Guido Weber erklärt seine Ausrüstung. Reusen werden über Nacht ins Wasser gehängt. Kescher durch den Uferbereich gezogen. Noch findet sich nichts im trüben Teich, der allerdings an dieser Stelle auch in keinem guten Zustand ist. Enten und andere Wasservögel haben so viel gegründelt, dass hier kein Schilf mehr wächst. „Die vermehren sich stark, wenn sie von Menschen gefüttert werden, und suchen dann, wenn sie gerade kein Brot bekommen, aggressiv nach Nahrung”, erklärt Guido Weber. In solchem Kahlschlag legt keine Kröte ihre Eier ab. Eine Umrundung des Teichs ergibt nichts Besseres. Aber Weber erinnert sich, dass der zweite Teich bessere Jagdgründe bieten könnte. In der Tat gibt es hier mehr Schilf. Die Reuse wird zu Wasser gelassen, das Gerät verteilt. Eher zaghaft greifen die Studierenden zu und schwärmen aus. Julia legt bald ihre Hemmungen ab: Ihre hochhackigen Stiefel versacken bis über die Knöchel im Schlamm. „Ich will unbedingt einen Molch fangen” sagt sie und zieht ihre Kescher durchs schwärzliche Wasser. Beherzt greift sie in den übelriechenden Schlick. Totes Laub, Matsch. Neuer Versuch. Eine alte Bierflasche. Sie gibt nicht auf. „Ein Wurm!” – na prima. Amphibien sehen anders aus.
Ein paar Meter weiter sind immerhin Libellenlarven zu verzeichnen. Guido Weber stapft mit einer weißen Plastikwanne heran, darin Gewimmel: Erdkrötenkaulquappen. „Dass wir hier nichts anderes gefunden haben, heißt nicht, dass nichts anderes da ist”, sagt er. „Normalerweise gehe ich alleine raus und zwar mehrmals zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten in ein Gebiet. Dann sind die Chancen natürlich größer, zu finden, was da ist.”
Wir machen uns trotzdem auf den Weg am Teich entlang, denn oben fließt ein kleiner Bach. Darin setzen Feuersalamander ihre lebend geborenen Jungen ab, vielleicht haben wir ja Glück. Kaum angekommen, der erste Erfolg: Martin hat eine Larve gefangen, Prof. Schmitt eine zweite. Die Wannen machen die Runde. „Ich hab ihn Egon getauft”, sagt Kerstin. „Ist der süß!”, freut sich Desirée, „den will ich mit nach Hause nehmen!” Das ist natürlich verboten, denn Feuersalamander stehen unter Naturschutz. „Vielleicht finden wir ja sogar einen erwachsenen Salamander”, meint Weber, „das ist zwar unwahrscheinlich …” „Ich hab einen!” ruft Prof. Schmitt, alle sind aus dem Häuschen. Bestimmt 15 Zentimeter lang ist das Weibchen, dass er unter einem Baumstamm gefunden hat. „Die hat bestimmt gerade erst ihre Jungen ins Wasser gesetzt”, mutmaßt Guido Weber. Spätestens jetzt sind wir mit dem Bachtal ausgesöhnt – auch wenn es keine Molche gab.

Erste Früchte der Arbeit

Viel später: Ein Dienstag im Juni. Ein erstes Zwischenfazit steht an, die Masterstudierenden haben sich das Berger Bachtal in sechs Gebiete aufgeteilt und mit Hilfe der Bachelorstudierenden kartiert. Zwar sind die Präsentationen noch sehr unterschiedlich – die Farben sind noch mehr oder weniger Geschmacksache –, aber es sieht gut aus für eine einheitliche Kartierung, die aus den Einzelteilen zusammengefügt werden soll.
Im Großen und Ganzen äußern sich alle zufrieden, wenn sie auch erfahren mussten, was die raue Wirklichkeit an Tücken parat hält. Argwöhnische Anwohner zum Beispiel, die es zu besänftigen galt. Unzugängliche Waldstücke, oder Biotope, die auf dem Luftbild nicht zu sehen waren, weswegen es lohnt, ins Gelände zu gehen. Auch der Kartierschlüssel gab manches Rätsel auf: Fettweide, Wiese oder Magerweide? Es passt eben nicht immer alles in die vorgegeben Sparten. Letztlich sind sie aber gut klar gekommen. Lediglich mehr gemeinsame Arbeitszeit mit den Teilnehmern aus dem Bachelorkurs hätten sich einige gewünscht – ein Punkt, der in die Zwischenevaluation eingehen wird, zu der sie nach der Stunde eingeladen sind. Ohne Angela Hof, Ingo Hetzel, Prof. Thomas Schmitt und Simon Wiggen natürlich, denn es soll anonym bewertet werden. Die Ergebnisse und das Feedback der Lehrenden werden später ins Blackboard eingestellt. So haben den Lerneffekt alle, sowohl Studierende als auch Lehrende.

 

md
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Letzte Änderung: 30.6.2009| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik