Molch gesucht, Salamander gefunden
Lehrreich: Geografen erstellen Umweltverträglichkeitsstudie
Eigentlich wollte Julia Fröhlich einen
Molch finden, stattdessen ging sie auf Tuchfühlung
mit einem 15-Zentimeter-Salamanderweibchen. Gefunden
wurde es bei der Kartierung des Berger Bachtals im Bochumer
Norden, wo Master- und Bachelorstudierende der Geografie
für ein fiktives Straßenbauprojekt eine Umweltverträglichkeitsstudie
anfertigen. Dank Förderung aus dem Wettbewerb „lehrreich”
konnten echte Planer und Gutachter als Auftraggeber
und Berater gewonnen werden, damit alles so zugeht wie
in Wirklichkeit.
Dienstagnachmittag, ein kleiner Seminarraum in NA. Mehrere
Leute schleppen Stühle herbei. Unter ihnen Dr.
Angela Hof. Die Geografin leitet zusammen mit Prof.
Thomas Schmitt und Ingo Hetzel das im Wettbewerb lehrreich
prämierte Doppelseminar zum Thema Modellierung
und Geländemethoden der Biogeographie. „Sollen
wir die Bank hier nehmen?”, ruft sie. Sie nehmen
sie: Es ist wirklich voll. Sämtliche Teilnehmer
haben sich eingefunden, die Hälfte Masterstudierende,
die andere Hälfte Bachelorstudierende. Man beäugt
sich neugierig. „Den da hinten hab ich als Master
in Verdacht”, flüstert einer auf der Bank
seinem Nebenmann zu. Zum Kennenlernen sind alle hier,
denn es sollen Teams werden aus den Erfahreneren und
weniger Erfahrenen.
Der Plan ist: Das Herner Planungsbüro Bosch &
Partner wird einen fiktiven Auftrag an die Masterstudierenden
vergeben: Eine Umweltverträglichkeitsstudie für
den Bau einer Straße durch das Berger Bachtal
im Norden Bochums – ein Naturschutzgebiet, in
dem zwar nie und nimmer eine Straße gebaut werden
würde, das aber dafür reichlich Gegenstand
bieten sollte für die Studie, zu der unter anderem
die Erhebung sämtlicher Tier- und Pflanzenarten
im betroffenen Gebiet gehört. Die Masterstudierenden
erledigen Teile der Arbeit, treten aber andere an Subunternehmer
ab, nämlich die Bachelorkommilitonen, und erledigen
einiges auch mit ihnen gemeinsam, wie zum Beispiel die
Biotopkartierung. Alles wie in Wirklichkeit also und
daher „lehrreich”.
Nicht mit Filzstift schreiben!
Das Projekt läuft über zwei Semester und ist
mit Zwischenberichten und gegenseitiger Evaluation verbunden.
Damit man im komplexen Terminplan den Überblick
behält – immerhin müssen zwei zu unterschiedlichen
Zeiten laufende Seminare zusammengebracht werden –
ist schon ein Blackboardkurs angelegt. Simon Wiggen
ist als wissenschaftliche Hilfskraft dem Kurs zugeordnet
und hilft allen sich zurechtzufinden.
Nachdem die Formalitäten geklärt sind und
alle wissen, wo das Berger Bachtal ist, geht man zum
gemütlichen Teil des Nachmittags über. Angela
Hof und Ingo Hetzel haben Kuchen gebacken – auch
ganz schön lehrreich!
Dienstagnachmittag, ein größerer Seminarraum
im NA. Heute treffen sich die Masterstudierenden mit
ihrem Auftraggeber: Dr. Stefan Balla vom Planungsbüro
Bosch & Partner ist da. Er präsentiert den
studentischen Auftragnehmern ihr Projekt, das sie im
kommenden Jahr beschäftigen wird: Die Vorarbeiten
zum Ausbau der Tenthoffstraße durch das Berger
Bachtal von Bochum-Bergen nach Herne-Sodingen.
Bestandserfassung, Konfliktanalyse, Maßnahmenplanung
– das tägliche Brot des Planungsbüros.
Balla, der selbst bis 1996 Geografie an der RUB studiert
hat, fasst zusammen, worauf es ankommt. CBP, LAP, FFH,
Artenschutzbestimmungen, Kammmolche und Hamster, EU-Richtlinien
... Das hier ist der notwendige, staubtrockene Teil
der Arbeit eines Geografen oder Landschaftsplaners.
Stefan Balla erzählt aus der Praxis und holt die
Gesetzeslitanei wieder in die Wirklichkeit zurück:
„Wenn der Bebauungsplan den Bau einer Straße
vorsieht, ist im Grunde nicht mehr daran zu rütteln,
dass sie auch gebaut wird”, meint er. Aufgabe
des Planungsbüros sei es, die möglichen Auswirkungen
auf Biotope und geschützte Tier- und Pflanzenarten
abzuschätzen und gegebenenfalls Maßnahmen
vorzuschlagen, die dafür sorgen, dass der Schaden
möglichst gering bleibt. Soll heißen: Die
Trasse ein wenig anders zu führen als ursprünglich
geplant. Amphibiendurchgänge einzuplanen. Für
gefällte Bäume neue anzupflanzen. Eine Brücke
zu bauen anstatt einen Wall aufzuschütten.
„Mein Tipp für die Arbeit im Feld: Vollständig
protokollieren und leserlich schreiben”, gibt
er den Studenten noch mit auf den Weg. „Sonst
kann man seine eigenen Aufzeichnungen später nicht
mehr lesen. Und regensicher schreiben, nicht mit Filzstift.
Und die Unterlagen nicht zu lange liegenlassen, sondern
bald weiter bearbeiten. Dann hat man noch im Kopf, was
man sich nicht notiert hat.” Alle schreiben emsig
mit – das kann man nächste Woche brauchen!
Hüfthohe Gummistiefel
Montagmorgen, Parkplatz am Berger Bachtal. Ein Grüppchen
Frierender tritt von einem Fuß auf den anderen.
Ein Mann mit Schirmmütze und brauner Lederjacke
zieht aus seinem Kombi Kescher, Reusen, Plastikwannen
hervor. Guido Weber ist bestens gerüstet. Die Suche
nach sog. planungsrelevanten Arten ist sein Job, seine
Agentur „Weluga” hat sich darauf spezialisiert.
Bedenkliche Gesichter, als er überkniehohe Gummistiefel
hervorzaubert und auf der Ladekante sitzend über
seine Hose zieht. Sind die eigenen Sportschuhe wirklich
das richtige Schuhwerk? Amphibienkartierung steht heute
auf dem Plan. In den nächsten Wochen werden auch
noch Vogel- und Fledermausarten erhoben, außerdem
Biotoptypen ermittelt.
Inzwischen sind alle da, 15 Bachelorstudenten wandern
ins Grüne, zunächst auf dem Spazierweg trockenen
Fußes. Eins macht Weber gleich klar: Wir sind
spät dran im April. „Erdkröte und Grasfrosch
wandern im Februar/März, und eigentlich sind die
Tiere eher nachts unterwegs.” Aber Spätlaichern
wie Kreuzkröte und Wasserfrosch könnten wir
begegnen, und den ein oder anderen Molch werden wir
schon finden, ist er zuversichtlich. Ein Fischreiher
steht bewegungslos im flachen Wasser. Ein guter Hinweis:
Wo er nach Futter sucht, könnten auch Geografen
auf Leben stoßen.
Guido Weber erklärt seine Ausrüstung. Reusen
werden über Nacht ins Wasser gehängt. Kescher
durch den Uferbereich gezogen. Noch findet sich nichts
im trüben Teich, der allerdings an dieser Stelle
auch in keinem guten Zustand ist. Enten und andere Wasservögel
haben so viel gegründelt, dass hier kein Schilf
mehr wächst. „Die vermehren sich stark, wenn
sie von Menschen gefüttert werden, und suchen dann,
wenn sie gerade kein Brot bekommen, aggressiv nach Nahrung”,
erklärt Guido Weber. In solchem Kahlschlag legt
keine Kröte ihre Eier ab. Eine Umrundung des Teichs
ergibt nichts Besseres. Aber Weber erinnert sich, dass
der zweite Teich bessere Jagdgründe bieten könnte.
In der Tat gibt es hier mehr Schilf. Die Reuse wird
zu Wasser gelassen, das Gerät verteilt. Eher zaghaft
greifen die Studierenden zu und schwärmen aus.
Julia legt bald ihre Hemmungen ab: Ihre hochhackigen
Stiefel versacken bis über die Knöchel im
Schlamm. „Ich will unbedingt einen Molch fangen”
sagt sie und zieht ihre Kescher durchs schwärzliche
Wasser. Beherzt greift sie in den übelriechenden
Schlick. Totes Laub, Matsch. Neuer Versuch. Eine alte
Bierflasche. Sie gibt nicht auf. „Ein Wurm!”
– na prima. Amphibien sehen anders aus.
Ein paar Meter weiter sind immerhin Libellenlarven zu
verzeichnen. Guido Weber stapft mit einer weißen
Plastikwanne heran, darin Gewimmel: Erdkrötenkaulquappen.
„Dass wir hier nichts anderes gefunden haben,
heißt nicht, dass nichts anderes da ist”,
sagt er. „Normalerweise gehe ich alleine raus
und zwar mehrmals zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten
in ein Gebiet. Dann sind die Chancen natürlich
größer, zu finden, was da ist.”
Wir machen uns trotzdem auf den Weg am Teich entlang,
denn oben fließt ein kleiner Bach. Darin setzen
Feuersalamander ihre lebend geborenen Jungen ab, vielleicht
haben wir ja Glück. Kaum angekommen, der erste
Erfolg: Martin hat eine Larve gefangen, Prof. Schmitt
eine zweite. Die Wannen machen die Runde. „Ich
hab ihn Egon getauft”, sagt Kerstin. „Ist
der süß!”, freut sich Desirée,
„den will ich mit nach Hause nehmen!” Das
ist natürlich verboten, denn Feuersalamander stehen
unter Naturschutz. „Vielleicht finden wir ja sogar
einen erwachsenen Salamander”, meint Weber, „das
ist zwar unwahrscheinlich …” „Ich
hab einen!” ruft Prof. Schmitt, alle sind aus
dem Häuschen. Bestimmt 15 Zentimeter lang ist das
Weibchen, dass er unter einem Baumstamm gefunden hat.
„Die hat bestimmt gerade erst ihre Jungen ins
Wasser gesetzt”, mutmaßt Guido Weber. Spätestens
jetzt sind wir mit dem Bachtal ausgesöhnt –
auch wenn es keine Molche gab.
Erste Früchte der Arbeit
Viel später: Ein Dienstag im Juni. Ein erstes
Zwischenfazit steht an, die Masterstudierenden haben
sich das Berger Bachtal in sechs Gebiete aufgeteilt
und mit Hilfe der Bachelorstudierenden kartiert. Zwar
sind die Präsentationen noch sehr unterschiedlich
– die Farben sind noch mehr oder weniger Geschmacksache
–, aber es sieht gut aus für eine einheitliche
Kartierung, die aus den Einzelteilen zusammengefügt
werden soll.
Im Großen und Ganzen äußern sich alle
zufrieden, wenn sie auch erfahren mussten, was die raue
Wirklichkeit an Tücken parat hält. Argwöhnische
Anwohner zum Beispiel, die es zu besänftigen galt.
Unzugängliche Waldstücke, oder Biotope, die
auf dem Luftbild nicht zu sehen waren, weswegen es lohnt,
ins Gelände zu gehen. Auch der Kartierschlüssel
gab manches Rätsel auf: Fettweide, Wiese oder Magerweide?
Es passt eben nicht immer alles in die vorgegeben Sparten.
Letztlich sind sie aber gut klar gekommen. Lediglich
mehr gemeinsame Arbeitszeit mit den Teilnehmern aus
dem Bachelorkurs hätten sich einige gewünscht
– ein Punkt, der in die Zwischenevaluation eingehen
wird, zu der sie nach der Stunde eingeladen sind. Ohne
Angela Hof, Ingo Hetzel, Prof. Thomas Schmitt und Simon
Wiggen natürlich, denn es soll anonym bewertet
werden. Die Ergebnisse und das Feedback der Lehrenden
werden später ins Blackboard eingestellt. So haben
den Lerneffekt alle, sowohl Studierende als auch Lehrende.
md
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