108 für 2010
Kulturhauptstadtjahr: Mischa Kuball und die Ruhr-Uni
suchen Menschen für eine außergewöhnliche
Porträtserie
Zusammen mit Mischa Kuball hat die Ruhr-Uni ein
großes Projekt für das Kulturhauptstadtjahr
begonnen: „100 Lichter/100 Gesichter“, das
zum Themenfeld „Stadt der Kulturen“ von Ruhr.2010-Direktorin
Asli Sevindim gehört. Der Düsseldorfer Künstler
(auf dem Campus sind zwei Lichtinstallationen von ihm
am Bibliotheksgebäude zu sehen) möchte Personen
bzw. Familien aus dem Umfeld der RUB porträtieren,
die jeweils eine der 108 im Ruhrgebiet – und zugleich
auch an der RUB – vertretenen Nationen repräsentieren.
Dabei arbeitet Mischa Kuball eng mit dem International
Office, den Kunstsammlungen und Kanzler Gerhard Möller
zusammen. Er besucht die Menschen in deren Wohnungen und
schenkt ihnen eine Lampe. Mit dieser Lampe werden sie
gefilmt und fotografiert. Vor allem aber möchte Mischa
Kuball mit den Menschen ins Gespräch kommen und ihre
Lebensgeschichte hören. Die Porträts werden
2010 in den Kunstsammlungen der RUB (Campusmuseum. Sammlung
Moderne) ausgestellt. Über das Projekt sprach Arne
Dessaul mit Mischa Kuball und Dr. Friederike Wappler,
der Wissenschaftlichen Leiterin der Sammlung Moderne der
Kunstsammlungen.
RUBENS: Herr Kuball, Frau Wappler, wie
läuft die Suche nach Teilnehmern für das Projekt?
Kuball: Das Projekt hat ja gerade erst
mit einer Auftaktveranstaltung in der International
Lounge begonnen. Das hier ist übrigens das erste
Interview, das ich dazu gebe. Wir haben keinen Druck,
denn wir haben etwa anderthalb Jahre Zeit und wollen
uns in aller Ruhe auf die Gespräche vorbereiten.
Wir haben aber schon jetzt über 25 feste Zusagen.
RUBENS: So viele?
Wappler: Man darf nicht vergessen,
dass es unterschiedlich viele Vertreter der einzelnen
Länder gibt. Mal sind es 500, mal nur eine Person.
Es wäre schade, wenn wir nicht mit Menschen aller
Nationen ins Gespräch kommen würden.
Vielfalt statt Idealbild
RUBENS: Ist die Hemmschwelle nicht ohnehin
sehr groß, sich mit seinem Privaten in der Öffentlichkeit
zu zeigen?
Kuball: Wahrscheinlich wird man genau
das beobachten können: wie weit diese Öffnung
schon Teil der kulturellen Identität ist. Das haben
wir schon bei den ersten Gesprächen hier an der
RUB gemerkt. Da hat zum Beispiel eine Studentin aus
Südkorea gesagt: Was soll denn an meiner Geschichte
interessant sein? Wir überlassen das natürlich
später den einzelnen Teilnehmern, wie viel sie
von sich erzählen. Aus Erfahrung bei einem ähnlichen
Projekt bei der Biennale in Sao Paulo 1998 weiß
ich, dass man da mit jeglicher Art von Überraschung
rechnen muss: also auch mit Menschen, die beim Vorgespräch
sehr zurückhaltend waren und sich dann beim eigentlichen
Gespräch total öffnen. Oder umgekehrt.
RUBENS: Sie beeinflussen das nicht?
Kuball: Natürlich nicht. Es geht
uns nicht darum, mit unserem Projekt irgendein Idealbild
für Integration zu zeigen. Es geht um die Vielfalt
der Lebensgeschichten, die natürlich wiederum exemplarisch
für die unterschiedlichen Arten von Integration
stehen.
RUBENS: Ist das die Grundidee?
Kuball: Ein Teil davon. Ebenso wichtig
ist mir die enge Zusammenarbeit mit der Ruhr-Uni. Sie
steht für so vieles: Sie ist die erste neu gegründete
Uni in der Bundesrepublik. Dazu noch in einer bildungsfernen
Gegend. Andererseits verfügt sie, was für
deutsche Hochschulen außergewöhnlich ist,
über eine Kunstsammlung. Und sie zeigt in der Zusammensetzung
der Studierenden, dass das Ruhrgebiet eine multikulturell
geprägte Region ist. Hier sind Studierende aus
insgesamt 108 Nationen vertreten.
RUBENS: Das ist verbrieft?
Wappler: Das hat das International
Office der RUB herausgefunden.
Kuball: Als ich dem Projekt einen Namen
gegeben habe, kannte ich die genaue Zahl nicht. Mit
100 war ich aber nahe dran. Jedenfalls ist die RUB die
ideale Partnerin: beim Finden der Teilnehmer und als
Ausstellungsort.
Die Lampe als Symbol
RUBENS: Ein Kernpunkt der künstlerischen
Arbeit ist die Beziehung Mensch-Licht. Wie sehen die
Lampen aus, die Sie eigens fürs Projekt entworfen
haben?
Kuball: Es ist eine Stehlampe mit Metallfuß
und Glaskugel. Sie ist zunächst einmal ein symbolisches
Tauschobjekt, Lampe gegen Geschichte sozusagen. Die
Lampe bleibt ja hinterher beim Porträtierten. Es
ist aber auch eine Lampe, die keinen konkreten Nutzen
hat. Sie ist etwas zu hoch, sie ist etwas zu hell und
sie steht immer genau da, wo schon ausreichend Licht
ist. Eingelassen in die Lampe ist ein lateinischer Schriftzug,
der aus dem Johannes-Evangelium stammt und auf Deutsch
bedeutet: Das Licht kommt in die Welt und die Menschen
entscheiden sich für die Dunkelheit.
RUBENS: Noch ein Symbol?
Kuball: Ja, in dem Moment, wo ich das
Licht einschalte, rein mechanisch, bin ich schon in
einem Transferprozess: Licht, Erleuchtung, Aufklärung,
das Verständnis von Demokratie, von menschlichen
Konditionen. Deshalb spielt es auch keine Rolle, ob
ein Mensch hinterher einen dreistündigen biografischen
Vortrag über sein erfülltes Leben in Deutschland
hält oder in zwei Minuten klar umreißt, dass
er in Deutschland nicht das gefunden hat, was er sich
erträumt hat, als er noch in Bosnien, Griechenland
oder Ghana lebte. Das ist ja zugleich eine weitere Idee
des Projekts: all diesen Möglichkeiten einen Raum
zu geben, in Form von Sprache und in einer künstlerischen
Ausdrucksform. Es ist ein künstlerisches Projekt
mit einer partizipatorischen Note und kein soziales
Projekt mit einer künstlerischen Note. Aufgabe
des Projektes ist es auch, ein Vehikel zu sein, etwas,
das da draußen existiert – also bis zu 108
verschiedene Formen der Integration von Menschen mit
Migrationshintergrund – zusammenzuführen
und visuell mit hohem ästhetischen Anspruch zu
präsentieren.
Wappler: Und hier setzt die Ausstellungsidee
an. Die Porträts werden in den Kunstsammlungen
auf dem Campus im Umfeld der Porträtserien präsentiert
werden, die sich bereits im Besitz der Sammlung befinden.
Kuball: Zum Beispiel von Jochen Gerz.
Wappler: Und von Christian Boltanski.
Beide Künstler arbeiten mit Fotografie, beide reflektieren
die Beziehung von Porträt, Sprache und Geschichte.
Zudem gibt es in der Antikensammlung eine große
Porträtsammlung, die im Dialog zu den modernen
Arbeiten steht. Hier fügt sich Mischa Kuballs Arbeit
über die Gegenwart des Ruhrgebiets bestens ein.
RUBENS: Das lässt sich schon jetzt absehen?
Wappler: Ich habe oft genug mit Mischa
Kuball zusammengearbeitet und weiß, dass ich mich
auf die Qualität seiner künstlerischen Arbeit
verlassen kann.
Digitales Archiv
RUBENS: Es wird sowohl Fotos als Filme
geben. Wie wird die Präsentation konkret aussehen?
Wappler: Zum einen werden die Porträtfotos
zu sehen sein und zum anderen wird man per Computer
in ein digitales Archiv gelangen, wo die einzelnen Filme
zu den Porträtierten aufrufbar sind.
RUBENS: Die kann man sich je nach Bedarf ansehen?
Kuball: Ja. Man kann sich allerdings
auch darauf beschränken, die Porträts zu betrachten
und sich sein eigenes Urteil zu bilden, ohne anschließend
zu überprüfen, ob es stimmt oder nicht. Dadurch
dass wir recht viel vom Interieur einer Wohnung abbilden,
liefern wir bisweilen eine Menge Anhaltspunkte.
RUBENS: Wie das?
Kuball: Wenn zum Beispiel ein Wandteppich
mit der siebenten Sure darauf zu sehen ist, könnte
man folgern, dass es sich um Muslime handelt, die gegen
die Trennung von Staat und Kirche sind.
RUBENS: Was ist denn noch um die Ausstellung
herum geplant?
Friederike Wappler: Es wird eine umfangreiche
Publikation geben, wo sich auch die Geschichten der
Porträtierten wiederfinden. Dabei arbeiten wir
mit dem renommierten Verleger Christoph Keller zusammen.
Mischa Kuball: Außerdem haben
wir an der RUB jede Menge kunstgeschichtliche Kompetenz.
RUBENS: Wird das Projekt auch wissenschaftlich
begleitet?
Wappler: Es wird gewiss Vorträge
geben und Seminare, die sich auf die Ausstellung beziehen.
Das Kunstgeschichtliche Institut bietet ja ohnehin regelmäßig
museumspraktische Seminare an, die sich ganz konkret
mit den Projekten und Fragestellungen der Kunstsammlung
auseinandersetzen.
Teilnehmer gesucht
Mit etwa 5.000 internationalen Studierenden, Lehrenden
und Beschäftigten steht die RUB exemplarisch für
das Thema „Migration im Revier“. Insgesamt
sind 108 Nationen hier vertreten. Deshalb realisiert
Mischa Kuball sein Projekt ausschließlich mit
Mitgliedern der RUB. Wer den Künstler unterstützen
möchten, kann eine kurze E-Mail an sarah.stuecken@uv.rub.de
senden, im International Office vorbei kommen oder sich
in eine in der International Lounge ausliegende Liste
eintragen. Zur Anmeldung genügen die Angabe von
Name, Wohnort und Heimatland. Zusammen mit der E-Mail-Adresse
wird diese Info an den Künstler weitergeben, der
sich mit den Teilnehmern in Verbindung setzt. Weitere
Infos: Sarah-Amelie Stücken, Soziokulturelle Beratung
und Betreuung internationaler Studierender/social tuition
for international students, International Office der
RUB, FNO 01/176, 0234/32-27676.
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