Mit Kanüle und Faden
„Das Labor“: RUB-Studenten machen aus Technik
ein Freizeitvergnügen
Bochum, Innenstadt: Im Vorderhaus residiert die Sparkasse,
im Hinterhaus werkeln die Laboranten. Gleich neben dem
Parkplatz hat im Souterrain der Verein „Das Labor“
Quartier bezogen. Doch wer weiße Kittel, Reagenzgläser
oder explosive Gase erwartet, irrt. Zum Equipment zählen
Platinen, Steuerungen und kryptographische Protokolle
– der Verein widmet sich IT-Projekten und der Elektrotechnik.
Ein Laborant, der sich seine freie Zeit mit Technik und
American Football vertreibt, hat behutsam mit Kanüle
und Faden dutzende Leuchtdioden an seiner Jacke befestigt.
Gesteuert wird das System über einen im Kleidungsstück
integrierten Prozessor. Wenn die Fans im Stadion also
nicht länger auf das Spielfeld blicken, sondern auf
die Schulterblätter ihres Vordermanns, hat das einen
Grund: In Laufschrift flimmert dort der aktuelle Spielstand.
„Wir wollen die Studieninhalte praktisch anwenden
und ausprobieren. Da darf das Resultat auch mal völlig
zweckfrei sein“, erklärt Tilman Frosch, Mitbegründer
des „Labors“ und Student der IT-Sicherheit
an der RUB. Anfang 2005 gründeten 19 Studierende
den Verein, viele kamen aus der Elektrotechnik und Informationstechnik,
aber auch Physiker und ein Jurist gehörten dazu.
Mitmachen kann damals wie heute jeder, es gibt keine Aufnahmekriterien.
Die im Labor entstandene Jacke erregte nicht nur in Fan-,
sondern auch in Fachkreisen Aufsehen: Sie fand ihren Weg
ins Technik-Magazin „Wired“, zum Chaos Communication
Congress nach Berlin und über diesen Umweg sogar
ins ZDF. Manche Ideen scheinen Zielgruppen-übergreifend
zu zünden. „Vor allem Dinge, die blinken und
hübsch sind, erregen Aufmerksamkeit“, meint
Tilman Frosch. „Aber unser Repertoire reicht weit
darüber hinaus.“
Keine Nachwuchssorgen
Dank der Mundpropaganda in Hörsälen und Fachschaften
gibt es keine Nachwuchssorgen im Verein. Studienanfänger
werden in Einführungsveranstaltungen der Elektrotechnik
und Informationstechnik auf das Engagement im Labor
aufmerksam gemacht. Der Verein hat ein klares Ziel:
„Wir wollen die oft diskutierte Hemmschwelle vor
technischen Inhalten überwinden und auch Jugendliche
mit unserer Lust an Technik anstecken“, sagt Markus
Kasper, der am Lehrstuhl für Embedded Security
promoviert. Er ist Gründungsmitglied und zweiter
Vorsitzender. In Zukunft sollen vermehrt Schüler
zum Mitmachen bewegt werden. Denn auch Unerfahrene lernen
hier Technik als Freizeitbeschäftigung schätzen.
Neben der experimentellen Arbeit spielt der fachliche
Austausch eine wichtige Rolle. „Bei Vorträgen
und in Workshops treffen Referenten und Zuhörer
auf gleicher Augenhöhe zusammen“, so Kasper.
Sie kommen überwiegend aus den eigenen Reihen,
mitunter sind es auch Experten aus der Industrie. Die
inhaltliche Bandbreite reicht von „IT-Forensik“
über „Roboterworkshops“ bis zu „UNIX
Networking“. Themen aus der IT-Sicherheit sind
ein besonderer Publikumsmagnet; bis zu 50 Zuhörer
passen ins Labor.
Ungewöhnliche Wissensgemeinschaft
„Am Anfang haben wir gehofft, einige Monate durchzuhalten,
inzwischen existiert das Labor vier Jahre“, wundert
sich Tilman Frosch. „Mittlerweile sind wir ein
gemeinnütziger Verein.“ Der Bildungsauftrag
ist in der Satzung festgehalten. Diese ungewöhnliche
Form der Wissensgemeinschaft hat auch das NRW-Innovationsministerium
(MIWFT) überzeugt. Vor zwei Jahren gab es bei der
Landesinitiative „Zukunft durch Innovation“
einen Sonderpreis. Gesucht wurden seinerzeit Konzepte,
die den Nachwuchs für Naturwissenschaft und Technik
begeistern.
„Wir finanzieren uns überwiegend durch Mitgliedsbeiträge“,
sagt Stefan Hunnius. Der Student (Angewandte Informatik)
ist Kassenwart und behält Einnahmen und Ausgaben
im Blick. Wie hoch der Monatsbeitrag ist, entscheidet
jeder selbst. Es sollten mindestens fünf Euro sein,
die meisten geben aber mehr. Auch Sachspenden und Sponsoren
sind willkommen, Abhängigkeiten will man aber nicht
schaffen.
„Das Labor ist das, was die Besucher daraus machen“,
beschreibt Frosch die flexible Organisationsstruktur.
Die 52 Mitglieder sowie zahlreiche Gäste bringen
neue Impulse ein und lassen sich von anderen inspirieren.
„Jeder hat seine Spezialgebiete, und immer wieder
schaut einem jemand über die Schulter. Wenn mein
Thema auch andere interessiert, biete ich einen Vortrag
an“, erzählt Kasper. „Wir entwickeln
uns ständig weiter.“
Info: Unter http://www.das-labor.org
finden sich weitere Infos und Hinweise zu aktuellen
Veranstaltungen, die grundsätzlich allen Interessierten
offen stehen. Ob das „Labor“ geöffnet
hat, lässt sich ebenfalls durch einen Blick auf
die Webseite erkennen. Die moderne Technik macht es
möglich: Leuchtet der Ampelbutton grün, ist
mindestens ein Mitglied anwesend.
Meike
Klinck
|