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RUBENS 134

2. Juni 2009

Photographie pure

Ausstellungsreihe und Ringvorlesung in Situation Kunst


Situation Kunst präsentiert bis August 2009 in monatlich wechselnden Ausstellungen „Positionen der modernen Fotografie“. Die Reihe knüpft thematisch an die Ringvorlesung „Fotografie. Bild – Medium – Gebrauch“ (Mi, 18.30-20 h) an. Diese Veranstaltung des Kunstgeschichtlichen Instituts der RUB findet erstmalig im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Folkwang Hochschule Essen statt und richtet sich an Studierende beider Institutionen.

Nachdem im April und Mai Ausstellungen von André Kertész sowie Florence Henri gezeigt wurden, widmet sich Situation Kunst vom 10. Juni bis 5. Juli dem französischen Fotografen Emmanuel Sougez (1889-1972), der in den 30er-Jahren vor allem durch seine Stillleben bekannt wurde. Charakteristisch für seine Arbeiten ist eine sehr sachliche, klare und distanzierte Wiedergabe des Bildgegenstands, die Sougez im Zusammenspiel mit seinem oftmals verwendeten ungewöhnlichen technischen Verfahren als besonders eigenständigen und innovativen Künstler im Kontext moderner Fotografie ausweist.

Ungemein beiläufig

In den Stillleben findet und formuliert Sougez seine ganz eigene Bildsprache. Anders als bei seinem Zeitgenossen Kertész werden in den Arbeiten Sougez’ die dem abgelichteten Gegenstand innewohnenden Eigenschaften lediglich am Rande erfasst. Sougez fotografiert Dinge des Alltäglichen mit solch einer Beiläufigkeit, dass ihre Gegenständlichkeit kaum noch wahrgenommen wird. Zahlreiche Arbeiten weisen Bildstrukturen des All-over-Paintings auf; es existiert kein Hauptmotiv, hierarchische Ordnungen auf der Bildfläche sucht man vergebens. So nimmt man beim Betrachten der Arbeiten „Stinte“ und „Späne“ zunächst sich überlagernde Strukturen und Formen auf einer Fläche wahr. Sie scheinen unendlich über den Bildträger hinaus fortführbar, werden einzig begrenzt durch den gewählten Ausschnitt des Bildes. Bei genauem Hinsehen offenbart sich schließlich, worauf die jeweiligen Titel der Arbeiten verweisen: in „Stinte“ sind Fische abgebildet, deren gebogene Körper sich in unterschiedliche Richtungen auf einer Fläche verteilen. Auch beim Betrachten von „Späne“ wird schließlich deutlich, dass abgehobelte Holzspäne die Bildfläche ausfüllen. Bemerkenswert ist, dass Sougez mit der Ausschnitthaftigkeit seiner Arbeiten sowie der Bildstruktur des All-Over künstlerische Problematiken der bildenden Kunst vorwegnimmt, die dort erst zwei Jahrzehnte später mit Jackson Pollock ihre Thematisierung finden.
Neben den Stillleben, auf die der Fokus der Ausstellung gerichtet ist, beschäftigte sich Sougez mit Aktfotografie. Auch hier, bei diesem eher sinnlichen Bildthema, zeugt seine Bildsprache von Distanziertheit und Kühle. So wird in der Arbeit „Akt Torso“ dem Körper durch das ausschnitthafte Abbilden die Körperlichkeit beinahe genommen. Sougez geht es darum, den Bildgegenstand und seine exakte Form in einer möglichst objektiven Bildsprache wiederzugeben.
Irrelevant bleibt, ob er einen Stapel Handtücher abbildet oder eine nackte Frau als Torso angeschnitten ins Bild setzt; den Gegenstand setzt er formal um zu einer bildnerischen Konstruktion, welche ihn beinahe abstrakt erscheinen und somit die eigentliche Funktion der abgebildeten Gegenstände in den Hintergrund rücken lässt.

Technische Perfektion

Im Sichtbarmachen von Luft, Licht, Schatten und Materie veranschaulicht Sougez die der Fotografie eigenen Qualitäten und macht sie sich in vollem Maße zu Nutze; so auch in der Arbeit „Pellkartoffeln“, in der Sougez die Langzeitbelichtung als Mittel verwendete, um den flüchtigen Dampf gekochter Kartoffeln im Bild festzuhalten.
Sougez ist bekannt für relativ großformatige Fotografien, bis zu 40 x 30 cm. Auffallend ist auch das technische Verfahren, das er beim Herstellen seiner Abzüge anwandte. Sougez arbeitete mit Glas-Negativen; hier dient eine mit fotochemischer Emulsion bestrichene, in eine Plattenkamera eingesetzte Glasplatte als Träger für das Negativ. Abzüge dieser ungewöhnlich großformatigen Negative stellte Sougez häufig im Maßstab 1:1 her. Mit Hilfe eines Passepartouts, das er über den Abzug legte, wählte er schließlich einen Ausschnitt. Der Teil der Darstellung, den Sougez nicht im endgültigen Bild haben wollte, wurde also durch den Karton verdeckt und die Fotografie durch Anlegen des Passepartouts auf das Bild beschnitten. Dieser handwerkliche Eingriff beim Herstellen der Abzüge bot Sougez die technische Perfektion, die im Zusammenspiel mit dem abgelichteten Motiv den für ihn ganz eigenen, künstlerischen Ausdruck bedingt.
Im weiteren Verlauf der Ausstellungsreihe werden Exponate der international bekannten Fotografen Albert Renger-Patzsch, Ruth Hallensleben und Rudolf Holtappel (8. Juli bis 30. August) gezeigt. Zu diesen Künstlern wird zusammen mit fortgeschrittenen Studierenden des Kunstgeschichtlichen Instituts eine Publikation erarbeitet. Für alle Interessierten bietet Situation Kunst zu einigen ausgewählten Positionen sonntags (15 h) ein Filmprogramm an; Eintritt frei. Yvonne Petereit
BU: Stillleben von Emmanuel Sougez: ein Stapel Handtücher
Ohne Fotonachweis
Info: Situation Kunst im Schlosspark Weitmar, Nevelstraße 29c-d, Bochum, geöffnet Mi+Fr 14-18 h, Sa+So 12-18 h, www.situation-kunst.de


Janine Blöß
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Letzte Änderung: 1.6.2009| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik