Photographie
pure
Ausstellungsreihe und Ringvorlesung in Situation Kunst
Situation Kunst präsentiert bis August 2009 in monatlich
wechselnden Ausstellungen „Positionen der modernen
Fotografie“. Die Reihe knüpft thematisch an
die Ringvorlesung „Fotografie. Bild – Medium
– Gebrauch“ (Mi, 18.30-20 h) an. Diese Veranstaltung
des Kunstgeschichtlichen Instituts der RUB findet erstmalig
im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Folkwang Hochschule
Essen statt und richtet sich an Studierende beider Institutionen.
Nachdem im April und Mai Ausstellungen von André
Kertész sowie Florence Henri gezeigt wurden, widmet
sich Situation Kunst vom 10. Juni bis 5. Juli dem französischen
Fotografen Emmanuel Sougez (1889-1972), der in den 30er-Jahren
vor allem durch seine Stillleben bekannt wurde. Charakteristisch
für seine Arbeiten ist eine sehr sachliche, klare
und distanzierte Wiedergabe des Bildgegenstands, die Sougez
im Zusammenspiel mit seinem oftmals verwendeten ungewöhnlichen
technischen Verfahren als besonders eigenständigen
und innovativen Künstler im Kontext moderner Fotografie
ausweist.
Ungemein beiläufig
In den Stillleben findet und formuliert Sougez seine
ganz eigene Bildsprache. Anders als bei seinem Zeitgenossen
Kertész werden in den Arbeiten Sougez’
die dem abgelichteten Gegenstand innewohnenden Eigenschaften
lediglich am Rande erfasst. Sougez fotografiert Dinge
des Alltäglichen mit solch einer Beiläufigkeit,
dass ihre Gegenständlichkeit kaum noch wahrgenommen
wird. Zahlreiche Arbeiten weisen Bildstrukturen des
All-over-Paintings auf; es existiert kein Hauptmotiv,
hierarchische Ordnungen auf der Bildfläche sucht
man vergebens. So nimmt man beim Betrachten der Arbeiten
„Stinte“ und „Späne“ zunächst
sich überlagernde Strukturen und Formen auf einer
Fläche wahr. Sie scheinen unendlich über den
Bildträger hinaus fortführbar, werden einzig
begrenzt durch den gewählten Ausschnitt des Bildes.
Bei genauem Hinsehen offenbart sich schließlich,
worauf die jeweiligen Titel der Arbeiten verweisen:
in „Stinte“ sind Fische abgebildet, deren
gebogene Körper sich in unterschiedliche Richtungen
auf einer Fläche verteilen. Auch beim Betrachten
von „Späne“ wird schließlich
deutlich, dass abgehobelte Holzspäne die Bildfläche
ausfüllen. Bemerkenswert ist, dass Sougez mit der
Ausschnitthaftigkeit seiner Arbeiten sowie der Bildstruktur
des All-Over künstlerische Problematiken der bildenden
Kunst vorwegnimmt, die dort erst zwei Jahrzehnte später
mit Jackson Pollock ihre Thematisierung finden.
Neben den Stillleben, auf die der Fokus der Ausstellung
gerichtet ist, beschäftigte sich Sougez mit Aktfotografie.
Auch hier, bei diesem eher sinnlichen Bildthema, zeugt
seine Bildsprache von Distanziertheit und Kühle.
So wird in der Arbeit „Akt Torso“ dem Körper
durch das ausschnitthafte Abbilden die Körperlichkeit
beinahe genommen. Sougez geht es darum, den Bildgegenstand
und seine exakte Form in einer möglichst objektiven
Bildsprache wiederzugeben.
Irrelevant bleibt, ob er einen Stapel Handtücher
abbildet oder eine nackte Frau als Torso angeschnitten
ins Bild setzt; den Gegenstand setzt er formal um zu
einer bildnerischen Konstruktion, welche ihn beinahe
abstrakt erscheinen und somit die eigentliche Funktion
der abgebildeten Gegenstände in den Hintergrund
rücken lässt.
Technische Perfektion
Im Sichtbarmachen von Luft, Licht, Schatten und Materie
veranschaulicht Sougez die der Fotografie eigenen Qualitäten
und macht sie sich in vollem Maße zu Nutze; so
auch in der Arbeit „Pellkartoffeln“, in
der Sougez die Langzeitbelichtung als Mittel verwendete,
um den flüchtigen Dampf gekochter Kartoffeln im
Bild festzuhalten.
Sougez ist bekannt für relativ großformatige
Fotografien, bis zu 40 x 30 cm. Auffallend ist auch
das technische Verfahren, das er beim Herstellen seiner
Abzüge anwandte. Sougez arbeitete mit Glas-Negativen;
hier dient eine mit fotochemischer Emulsion bestrichene,
in eine Plattenkamera eingesetzte Glasplatte als Träger
für das Negativ. Abzüge dieser ungewöhnlich
großformatigen Negative stellte Sougez häufig
im Maßstab 1:1 her. Mit Hilfe eines Passepartouts,
das er über den Abzug legte, wählte er schließlich
einen Ausschnitt. Der Teil der Darstellung, den Sougez
nicht im endgültigen Bild haben wollte, wurde also
durch den Karton verdeckt und die Fotografie durch Anlegen
des Passepartouts auf das Bild beschnitten. Dieser handwerkliche
Eingriff beim Herstellen der Abzüge bot Sougez
die technische Perfektion, die im Zusammenspiel mit
dem abgelichteten Motiv den für ihn ganz eigenen,
künstlerischen Ausdruck bedingt.
Im weiteren Verlauf der Ausstellungsreihe werden Exponate
der international bekannten Fotografen Albert Renger-Patzsch,
Ruth Hallensleben und Rudolf Holtappel (8. Juli bis
30. August) gezeigt. Zu diesen Künstlern wird zusammen
mit fortgeschrittenen Studierenden des Kunstgeschichtlichen
Instituts eine Publikation erarbeitet. Für alle
Interessierten bietet Situation Kunst zu einigen ausgewählten
Positionen sonntags (15 h) ein Filmprogramm an; Eintritt
frei. Yvonne Petereit
BU: Stillleben von Emmanuel Sougez: ein Stapel Handtücher
Ohne Fotonachweis
Info: Situation Kunst im Schlosspark Weitmar, Nevelstraße
29c-d, Bochum, geöffnet Mi+Fr 14-18 h, Sa+So 12-18
h, www.situation-kunst.de
Janine
Blöß
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